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Scholl, Norbert

Ein Bestseller entsteht: Das Matthäus-Evangelium

Friedrich Pustet, Regensburg 1998. 158 Seiten.

Der Autor, ein durch zahlreiche Publikationen ausgewiesener theologischer Schriftsteller, wurde als Professor für Katholische Theologie/Religionspädagogik der Pädagogischen Hochschule Heidelberg weit über seinen Fachbereich hinaus publizistisch bekannt. Mit diesem Buch beschreitet er allerdings völlig neue Wege. Seine Zielgruppe sind zunächst nicht die an die Kirchensprache der Evangeliums-Lesung gewöhnten Leser, obwohl sie sein Buch gerne lesen werden. Auch kann es sich nicht um Forschung über die Entstehung eines der vier kanonischen Evangelien handeln, da deren Autoren, vom Lukas-Prolog abgesehen, absichtlich anonym bleiben. Scholl imaginiert mit großem Sachverstand und unter Einbeziehung der Zeit- und Kulturgeschichte, wie es hätte sein können, daß das Matthäus-Evangelium entstand, jeweils Zug um Zug und in Rückkoppelung zur Gemeinde, die in schöner Zustimmung sagen kann: ja, das ist es, was wir glauben. Vielleicht darf man zu Scholls Verfahren einen Vergleich wählen: Zeichnungen, die von Erwachsenen bewußt kindhaft fabriziert sind, sieht der Kenner an, daß sie eben doch nicht von Kinderhand stammen. Sollten die Exegeten/innen diesen Umstand bei Scholl kritisieren, wäre das gar nicht schlimm, denn das Erstaunliche ist, daß der Autor eine Menge „Stoff“ oder „Glaubensgut“ durch seine imaginierten Entstehungsschilderungen „herüberbringt“ und vermutlich sein Ziel erreicht, bei gläubigen „Hörern des Wortes“ wie auch bei denen, die längst aller kirchlichen Sozialisation bar sind. Eine moderne Evangelisation in unserem vom verdunsteten Glauben gekennzeichneten postchristlichen Europa?

Bei der Behandlung der „Knackpunkte“ des Mt-Evangeliums, wie z. B. die Kindheitserzählung, die Ehescheidung, der Petrus-Primat, die Hierarchie, die Pharisäer und Mt 27,25 (Kollektivschuld der Juden?) zeigt sich freilich, wie in die scheinbar schlichte Berichterstattung über die Entstehung des Mt-Evangeliums die brisante Wirkungsgeschichte aus dem Hintergrund eingeflossen ist und öfter auch im Gespräch zwischen dem Griechen Matthäus und seiner jüdischen Frau Pnina bzw. seinen jüdischen und christlichen Gesprächspartnern ungeniert in den Vordergrund gerückt wird. Anachronismen? Angesichts der pädagogischen Zielsetzung des Buches wäre es nur Beckmesserei, die vielen Anspielungen nicht als das zu nehmen, was sie bis heute sind: verstehend zu bewältigende Probleme mit dem das Alte Testament ausschreibenden Mt-Evangelium. Die „jüdische“ wie auch „pro-heidnische“ Linie des Mt hat Scholl nicht ausgelassen, sondern die Spannung ausgehalten, wie sie ja auch im kanonischen Neuen Testament (Mt/Paulus) ausgehalten ist. Übrigens belegen die 137 Fußnoten, wie erstaunlich viel Literatur vom Autor verarbeitet ist.

Alwin Renker


Jahrgang 7/2000 Seite 140



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