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Müller, Klaus / Strom, Theodor (Hg.)

Diakonie im Dialog mit dem Judentum

Eine Studie zu den Grundlagen sozialer Verantwortung im jüdisch-christlichen Gespräch. Heidelberger Verlagsanstalt (HVA 11), Heidelberg 1999. 553 Seiten.

Ein wahrhaft aufregendes Buch, vielleicht sogar ein revolutionäres, wenn es gelänge, sein sozialkritisches Potential praktisch umzusetzen und seine gesellschaftspolitische Wirkung zu entfalten: die Folgen wären umwälzend für unser gegenwärtiges Sozialsystem.

Als Habilitationsschrift am Diakoniewissenschaftlichen Institut der Universität Heidelberg begibt sich diese Studie in der Frage nach den theologischen Grundlagen der Diakonie vorbehaltlos in das Gespräch mit den klassischen jüdischen Traditionen sozialer Verantwortung. „Hermeneutisch vollzieht sich dabei so etwas wie ein ,usus legis‘, bei dem die Tora Israels entlassen wird aus den Fesseln christlichen ,Immer-schon-Gewußthabens‘ und der Freiheit jüdischen Lebens und Lehrens zurückgegeben wird“ (20). Durch die Betonung einer eigenständigen Wertigkeit alttestamentlicher Sozialtradition, die nicht erst durch die Instanz des Neuen Testaments und der Kirche begründet und legitimiert wird, ist es dann möglich und auch notwendig, in der Dimension des Diakonischen „kritisches Potential gegenüber neutestamentlich-kirchlichen Verkürzungen“ wahrzunehmen und geltend zu machen (68). Solchermaßen kommt jüdische Tradition dann nicht in den Blick als Anthologie religiöser und sozialer Exemplifikationen, sondern als Tradition des Gottesvolkes und damit als unverzichtbare Bezugsgröße auch der christlichen Theologie. Von diesem Ansatz her verbieten sich Denkmuster wie die der Antithetik oder der israelvergessenen Eklektik. Erst mit diesem Paradigmenwechsel verläßt die Kirche den Weg der Theologie einer Enterbung Israels. Nicht zuletzt wegen des in langer kirchlicher Tradition notorisch verweigerten Diakoniediskurses im Dialog mit dem Judentum ist Diakonie heute „Diakonie nach dem Holocaust“ (37). Zwei Grundbegriffe schälen sich heraus: gemilut chassadim, der Erweis von Barmherzigkeit im Sinne einer Eröffnung von Lebensmöglichkeiten um ihrer selbst willen, und tsedaqa, das Tun des Gerechten im Sinne eines verbindlichen und verläßlichen Eintretens für das Lebensrecht des Mitmenschen. Ausgehend von den Befunden in der jüdischen und frühchristlichen Tradition wird der Diakonie zugemutet, sich der Frage nach dem „Recht des Nächsten“ zu stellen und jenseits des Spontan-Karitativen im Kraftfeld von Erbarmen und Recht ein „Recht auf Nächstendienst“ zu formulieren.

Mit einer Fülle von Material entfaltet Müller die jüdischen Sozialtraditionen in talmudischer und rabbinischer Literatur. Er würdigt sie kritisch auf die Möglichkeit hin, Impulse dieser Tradition fruchtbar zu machen für sozialdiakonisches Handeln in der Gegenwart. Der nahezu rabbinisch anmutende Stil ermöglicht es, auch komplizierte Sachverhalte spannend zu erhellen. Dabei wird deutlich, daß sich soziale Gerechtigkeit bereits biblisch als eines der Charakteristika des tsedaqa-Begriffes erweist. Aus der traditionsgeschichtlichen Einbindung des Diakoniebegriffes in jüdische Grundaspekte erwächst der Kirche heute die Aufgabe, ihre soziale Praxis neu zu profilieren. Die Einsicht, daß Nächstendienst theologisch begründet als Nächstenrecht zu artikulieren ist, weist diakonischer Praxis dabei einen Standort zu zwischen christlicher Gemeinde und sozialstaatlicher Wirklichkeit. Die Umrisse einer „sabbatlichen Diakonie“, die Müller in seinem Schlußkapitel skizziert, lassen erahnen, welche systemüberwindenden Ressourcen in dieser Tradition noch verborgen liegen. Eingedenk der biblischen Priorität der Zeit vor dem Raum geht es darum, eine Qualität von Zeit zurückzugewinnen, die mehr ist als Funktionalität und Effizienz. Vom sabbatlichen Gottesrecht her müßte „Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt“ heute mehr denn je „Zeugnisdienst und Plädoyer für die heilsame Kategorie der Unterbrechung“ sein (494). So wie der Rhythmus von sieben Tagen keinem Naturprozeß folgt, so legt er sich als transzendente Störung quer zu allen vermeintlich zivilisatorischen Plausibilitäten. Kriterium für die Rationalität der Arbeitsprozesse wäre dann der arbeitende Mensch, die Arbeitstage der Woche lebensstiftendes Befreiungswerk im umfassenden Sinne. Daß es in dieser Richtung viel zu tun gibt, das macht dieses dringend nötige Buch unabweisbar deutlich.

Wieland Zademach


Jahrgang 7/2000 Seite 138



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