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Rabbi Moses Cordovero von Zefat

Tomer Deborah - Der Palmbaum der Deborah

Eine mystische Ethik radikalen Erbarmens. Einführung: Klaus Schäfer. Lambertus Verlag, Freiburg 2003. 430 Seiten.

Dieses von Rabbi Moses Cordovero (1522-1570) in Zefat in hebräisch verfaßte Werk bietet einen vorzüglichen Einblick in die in der Kabbala aufscheinende „mystische Ethik angesichts des radikalen Erbarmens Gottes“. Die beiden Übersetzer Klaus Schäfer und Shulamit Zemach-Tendler haben ihre Aufgabe vorbildlich gemeistert. Dem Haupttext vorangestellt ist eine Biographie von Rabbi Moses Cordovero, eine gründliche Einführung in die Kabbala und die kabbalistischen Werke sowie ein detaillierter Überblick über Inhalt und Aufbau des Werkes „Tomer Deborah“ (Schäfer 28-258). Das Buch ist deshalb ein unentbehrliches Informationswerk für die Erforschung jüdischer Mystik.

Die wichtigsten Grundideen der mittelalterlichen Kahbalisten waren die göttliche Erschaffung des Menschen (Gen 1 ’26-28) sowie das Mitwirken des Volkes Gottes an der Neugestaltung der Welt und am kommenden Reich Gottes. Moses Cordovero hat den „Palmbaum der Deborah“ zwischen 1560 und 1568 mit der inspiratorischen Hilfe von drei weiteren Kabbalisten verfaßt: Josef Karo (1488-1575), Salomo Alkabez (1500-1576) und Isaak Luria (1534-1572).

Die Prophetin und Richterin Deborah (Ri 4,4 f.) wurde von den Kabbalisten als Schekhina, als „das Bild der geschichtlich eingreifenden Gottheit“ gedeutet (1 57). Mit Schekhina war stets der im Volk Israel, in jedem Einzelnen wie auch in der Gemeinschaft, einwohnende Gott gemeint. Das von der Schekhina beschützte Jude-Sein wurde „als Chance und Aufgabe der Heimholung und Befreiung des in seiner Schöpfung fremd und heimatlos umher irrenden Schöpfers verstanden“ (34). Dies ist eine besonders kühne kabbalistische Gott-Deutung. Im „Palmbaum“ wird auch gefordert, Dass der Mensch durch sein Reden und Tun sehr darauf achten muß, „Dass die Scheckhina ihm anhafte und sich nicht von ihm verabschiedet“. Der Mensch muss sich mit der Tora beschäftigen und sich vor der Sünde hüten, dann ist „die Schekhina mit ihm verbunden und verläßt ihn nicht“. Der wahre Israelit soll „zu einem Domizil der Schekhina, also zu einem Ort nachbarlicher Nähe des Schöpfers“ werden (79-83).

Bei Deutungen von Gen 1,26-28 (Erschaffung des Menschen) gibt es auch Aussagen über die innerisraelitische und die israelitisch-göttliche Verwandtschaft. In Kapitel 1.4 (Palmbaum) findet sich folgende Aussage Gottes: „Was soll ich für die Israeliten tun, da sie doch meine Verwandten sind, mit denen ich verbunden bin wie mit meinem Fleisch und Blut?“ (263). Zur Erklärung der Verwandtschaft Gottes mit Israel und der innerisraelitischen Verwandtschaft wird Ps 148,14 zitiert, wonach das israelitische Volk das „Volk der Nähe Gottes“ ist. Aufgrund der göttlich-israelitischen Verwandtschaft ist auch „ganz Israel miteinander verwandtschaftlich verbunden, weil die Seelen miteinander verwoben sind: In jeder Seele ist ein Anteil der Seele des Gefährten enthalten. [...] Aus diesem Grund haftet jeder Israelit für den anderen“ (264).

Der erste Satz des ersten Kapitels des „Palmbaums“ ist eine der tiefgründigsten Aussagen: „Es ziemt sich, dass der Mensch sich seinem Schöpfer gleich macht, und dann wird er im Geheimnis [...] Ebenbild und Gestalt seines Schöpfers sein“ (260). Der Mensch gilt als eine Emanation des Schöpfergottes. Deshalb muß er ein moralisch-religiöses Leben führen, entsprechend seines Ursprungs aus der Gottheit heraus.

In den Kapiteln II bis X werden die im Buch Sohar aufgelisteten zehn Eigenschaften Gottes (Keter, Chokhmah, Binah, Chesed, Gewurah, Tiferet, Nezach, Hod Jessod und Malkhut) behandelt, die auch im von Gott geschaffenen Menschen andeutungsweise nachgezeichnet sind. „Damit der Mensch seinem Schöpfer im Geheimnis der Maßbestimmung der Keter gleicht, muß es in ihm einige Handlungsweisen geben, die den Wesenskern der Lenkung (der Welt durch den Schöpfer) ausmachen“ (277). Der im Bund mit Gott stehende Mensch muß Nachahmer der schöpferischen, helfenden und mitbrüderlich verbundenen Taten Gottes werden. Der Palmbaum der Deborah gibt viele tiefsinnige Anregungen für die Gestaltungen des Lebens in der Nachfolge Gottes. „Entscheidend [...] ist, den Ewigen mit äußerster Liebe zu lieben. Dass er (der Mensch) Seinen Dienst aus keinem Grund, für keine Sache auch immer aufgibt, weil es überhaupt keine Sache gibt, die so wertvoll für ihn ist wie die Liebe zu Ihm“ (290). Es ist ein wichtiges Buch zum Eindringen in die kabbalistische Mystik.

Clemens Thoma, Luzern


Jahrgang 12/2005 Seite 206


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