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Lilienthal, Ulrich / Stiehm, Lothar (Hg.)

Den Menschen zugewandt

Festschrift für Werner Licharz. Secolo Verlag, Osnabrück 1999. 280 Seiten.

Es gibt k/einen christlich-jüdischen oder jüdisch-christlichen Dialog, es sei denn einen, in dem die Beteiligten einander dem „Menschen zugewandt leben“. Werner Licharz, zu dessen 60. Geburtstag diese Festschrift erschienen ist, und seine Frau Adelheid wortverkörpern einen solchen Dialog. Im Anhang der Festschrift findet sich eine „kleine Biographie 1938-1998“ des Jubilars. Es folgt eine Liste seiner Veröffentlichungen (1972-1998) und ebenso schöne wie freundschaftliche bio-bibliographische Hinweise auf die Freunde, die diese Festschrift allererst ermöglichten. Eingespannt sind die Beiträge zwischen je ein Motto von Janusz Korczak und Sibylle Luckenbach-Tenner „Der Chassid Sussia“. Sie bilden gleichsam die Gegenseitigkeits-Vorstellung, unter welche die Dialogizität von Werner Licharz berufen ist.

In Teil I schreiben Annemarie Mayer-de-Pay zur Josephsgeschichte, Fritz A. Rothschild zu „Right and Ritual: Isaiah 58“. Bertold Klappert erweitert seine Studien zur theologischen Israelvergessenheit um „Mission und Ökumene vor und nach Auschwitz“. Auf Hans Ehrenberg (1886-1958) kommt er nicht zu sprechen, jenen Pfarrer und Gelehrten (Werner Licharz veröffentlichte zu ihm), der das (Un-)Verhältnis von „Christen und Israel“ seit 1927 anmahnte und am eigenen Leibe zu spüren bekam. Erich Rohan hat seine Bedenken „mit dem Dialog“ — wie übrigens fast alle der Beiträger. Albert H. Friedlander, mit seinem Freund W. Licharz Herausgeber der Werke von Leo Baeck (vier Bände bereits publiziert), teilt „Biblische und talmudische Bezüge in Elie Wiesels Schriften“ mit. Winfried Frey erkundet „Synagoga dialogo exclusa. Über das Scheitern des jüdisch-christlichen Dialogs von Anfang an“. Frey stellt einen „jüdisch-christlichen Dialog“ in Abrede und beruft sich auf das bekannte Verdikt von Gershom Scholem von der Illusion einer deutsch-jüdischen Symbiose, die ein reines Phantasma, bei „Selbstaufgabe der Juden“, von „Humboldt bis zu George“ [!] gewesen sei. Muß man aber alle Vorurteile von Scholem übernehmen? Was aber, wenn die, die an die Existenz eines jüdisch-christlichen und jüdisch-deutschen Dialogs glauben, und jene, die dessen Existenz verneinen, ihre Augen vor der Wirklichkeit dieses Dialogs verschließen, weil sie einem hehren Ideal von Dialog verhaftet sind, das sich der geschichtlichen Verquertheiten, aber auch der Versuche wider bessere Einsicht oder allen Widerständen zum Trotz nicht erinnern will? Die Geschichte des Dialogs zwischen Juden und Christen in Deutschland war immer eine unreine, verzweifelte Geschichte.

Teil II der Festschrift gedenkt der Personen, die für Werner Licharz von lebensentscheidender Bedeutung wurden. Lothar Stiehm schenkt einen wunderbaren Aufsatz zum gegenseitigen „Geben, Nehmen, Miteinander“ von Martin Buber und Albert Schweitzer in den Jahren 1901-1965. Kalman Yaron betrachtet neu das Verhältnis von Martin Bubers „Ich und Du“ und dem Erzieher. Hans Hermann Henrix bezeugt die „gelebte Verantwortung für andere“, wie sie Janusz Korczak im Mitgang mit seinen Kindern bis in den Tod verkörpert. Herbert Bettelheim erzählt von dem Leo-Baeck-Erziehungszentrum in Haifa, Peter A. Degen über Albert Einstein. An den thüringischen Friedenspfarrer Ernst Böhme erinnert Karlheinz Lipp.

Teil III versammelt Beiträge einer Ästhetik des Glaubens. Hanan Bruen untersucht religiöse Kunst in zwei verschiedenen Medien bei gleicher Thematik. Eine herausragende kleine Studie zu den Figuren des Mythos in Kafkas Erzählungen, die die Überlegungen Walter Benjamins schärfen und weiterführen, steuert Claus Vainstain bei. Der Mitherausgeber Ulrich Lilienthal wendet sich noch einmal dem „Problem des Todes in der Philosophie“ zu. Ein großer Teil ist der Lebens- und Analysegeschichte von Bertha Pappenheim, der berühmten „Anna O.“ gewidmet, die für Freuds Psychoanalyse den Namen „talking cure“ erfand. Von dem Psychoanalytiker Max M. Stern (1893-1982) fand sich im Nachlaß ein wichtiges Manuskript zu Bertha Pappenheim, welches zum ersten Mal hier veröffentlicht und auf umsichtige Weise von Gerald Kreft kommentiert wird. Auffallend ist die Abwesenheit von Beiträgen gesellschaftlicher und politischer Fragen unserer Zukunft. Dies verwundert um so mehr, als der Jubilar doch den Zeiten sich verdankt, die Politisches und Gesellschaftliches zu artikulieren versuchten. Ist dies nicht ein Wink mit dem Zaunpfahl der Außer-acht-Lassung der unreinen Geschichte des Dialogs unter Juden und Christen in Deutschland?

Michael Gormann-Thelen


Jahrgang 7/2000 Seite 133



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