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Leimkugel, Frank

Wege jüdischer Apotheker

Emanzipation, Emigration und Restitution. Die Geschichte deutscher und österreichisch-ungarischer Pharmazeuten. Govi-Verlag, Frankfurt am Main 1999. 2. erw. Auflage. 248 Seiten.

„Wege jüdischer Apotheker“ bearbeitet ein düsteres Kapitel der pharmazeutischen Berufsgeschichte im deutsch-österreichisch-ungarischen Raum. Sein Inhalt beruht fast ausschließlich auf sorgfältig recherchierten Familienchroniken oder Biographien von Apothekern. Diese Tatsache illustriert bereits die begrenzte Anzahl jüdischer Apotheker im beschriebenen Zeitraum. Der Bericht geht zurück bis in das 17. Jahrhundert.

Im Gegensatz zu den Ärzten und Rechtsanwälten hat der Apothekerberuf bei den Juden in Mitteleuropa nur eine kurze Tradition. Dies ist einerseits in einem latenten Mißtrauen, daß jüdische Apotheker Christen vergiften könnten, begründet. Anderseits gewann die Pharmazie für junge Juden erst an Interesse, als sie sich als akademischer Beruf emanzipiert hatte und als in Deutschland im Jahre 1861, fast zeitgleich mit Österreich-Ungarn, eine Ministerialverfügung den preußischen Juden die eigenverantwortliche Leitung einer Apotheke erlaubte. In der Folge erwarben zahlreiche jüdische Pharmazeuten, insbesondere in Großstädten wie Berlin, Breslau, Hamburg und Wien Apothekenkonzessionen. Bereits 1898 wurden die ersten Frauen zugelassen. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelangten einige jüdische Pharmazeuten zu Ehrenämtern in ihren Standesorganisationen. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges kann von einer vollständigen Emanzipation der jüdischen und von einer Normalisierung der Beziehungen zwischen christlichen und jüdischen Pharmazeuten gesprochen werden. Auf deren Höhepunkt im Jahre 1932 standen in Wien und Breslau gleichermaßen 33 Prozent und in Berlin 25 Prozent aller Apotheken unter der Leitung jüdischer Pharmazeuten. Das Gesetz über die Verwaltung und Verpachtung von Apotheken aus dem Jahre 1936 verwehrte jüdischen Pharmazeuten zunächst die Leitung von Apotheken; 1939 untersagte man ihnen deren Verpachtung und Betrieb. Schließlich wurde auch die Tätigkeit als angestellter Apotheker für Juden unmöglich. Während einige zionistisch gesinnte Berufsangehörige bereits 1933 ihre Heimat verließen, wanderte die Mehrzahl der Emigrationswilligen erst in den Jahren 1936 und 1939 aus. Als wichtigste Immigrationsländer erwiesen sich Palästina, die USA und England. Nach dem Krieg veräußerten die meisten der Emigrierten ihre Konzessionen für die ihnen rückerstatteten Apotheken.

Das Buch ist besonders für Fachleute lesenswert. Laien mögen Hinweise auf Produkte wie Nivea, Kamillosan oder Leucoplast, welche alle von jüdischer Hand stammen, amüsant finden. Das Buch ist schlicht bebildert und enthält einen dokumentarischen Anhang mit Statistiken und Verzeichnissen sowie die exemplarische Geschichte einer jüdischen Apothekerfamilie. Der Autor ist promovierter Pharmaziehistoriker und Apotheker.

Silvia Käppeli


Jahrgang 7/2000 Seite 132



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