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Kraus, Elisabeth

Die Familie Mosse

Deutsch-jüdisches Bürgertum im 19. und 20. Jahrhundert. C. H. Beck Verlag, München 1999. 793 Seiten.

Kurz nach Klaus Kempters Buch über die österreichisch-deutsch-jüdische Familie Jellinek erschien von der Münchner Privatdozentin Elisabeth Kraus eine weitere überaus sorgfältig recherchierte Studie über die berühmte deutsch-jüdische Familie Mosse. Damit konnten durch zwei herausragende Werke des Genres der Familienbiographie wichtige Lücken der Geschichte des deutschsprachigen Judentums geschlossen werden.

Der Ruhm der Familie Mosse wurde durch Rudolf Mosse (1843-1920), den Sohn eines Arztes in Grätz in Posen, begründet. Der von ihm 1867 gegründete Mosse Verlag gab neben zahlreichen weiteren Zeitungen und Zeitschriften ab 1872 das berühmte Berliner Tageblatt heraus, das unter seinem Chefredakteur Theodor Wolff (1868-1943) die Elite der liberalen deutschen Schriftsteller und Journalisten zu seinen Mitarbeitern zählte. Daneben spielte Rudolf Mosse auch als Mäzen und Stifter sowie Mitglied der Repräsentantenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde, als Ausschußmitglied des Verbandes der deutschen Juden und Vorsitzender der Berliner Reformgemeinde eine große Rolle im gesellschaftlichen Leben Berlins und seiner jüdischen Gemeinde. Sein Bruder Albert Mosse (1846-1925) war Kuratoriumsmitglied der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und im Verein zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums aktiv. In den späteren Generationen blieb bei den Mosses im Gegensatz zu den Jellineks das jüdische Erbe erhalten, so daß es kaum Konversionen oder Mischehen gab. Die Autorin beschreibt, soweit es ihr die Quellenlage erlaubt — deren bedrückender Mangel an manchen Stellen allerdings frappant wird —, die gesellschaftlichen — weniger die geschäftlichen — Tätigkeiten der Familienmitglieder, auch der weiblichen, über deren Leben die Überlieferungen besonders wenig aussagen. Besonders interessant ist das Schicksal der Juristin Martha Mosse, der Tochter von Albert Mosse. Sie leitete in der NS-Zeit die Wohnungsberatungsstelle der Berliner Jüdischen Gemeinde. Wegen ihrer dadurch bedingten Mithilfe bei den Deportationen in den Osten wurde sie nach 1945 der Kollaboration beschuldigt. Das von ihr beantragte Ehrengerichtsverfahren endete unentschieden, wobei allerdings auch hier die Quellenlage sehr dürftig ist. In einer Zeugenaussage gab sie an, von den Massentötungen während des gesamten Krieges nichts gewußt zu haben. Damit spannt sich die Geschichte dieser Familie von den größten Triumphen und Erfolgen des deutsch-jüdischen Bürgertums in der kurzen Epoche ihrer Emanzipation bis zur größten Erniedrigung durch den Nationalsozialismus. Bemerkenswert ist, daß die Familie in der dritten Generation mit dem 1999 verstorbenen George L. Mosse und dem in England lehrenden Werner E. Mosse auch zwei bedeutende Historiker des deutschen Judentums hervorbrachte.

Evelyn Adunka


Jahrgang 7/2000 Seite 131



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