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Fink, Ida

Notizen zu Lebensläufen

Fischer Verlag, Frankfurt/M. 1998. 186 Seiten.

Ida Fink stammt aus Polen. Nach ihrer Flucht aus dem Getto lebte sie bis zum Ende des Krieges in der Illegalität. 1957 emigrierte sie nach Israel. Seit den achtziger Jahren versucht sie die Judenverfolgung und -vernichtung der NS-Zeit zur Sprache zu bringen. 1982 erschien der Erzählband „Eine Spanne Zeit“, 1990 der Roman „Die Reise“. Das beherrschende Thema der „Notizen“ ist die Angst: Angst, die die Opfer erdrückte. Wo Angst ist, da werden Worte stumm, da ist Schweigen: starre, leere Augen, ein aufgerissener Mund, so wie die nebelhafte Geistergestalt auf dem Bucheinband. Wo die Angst durch Worte vertrieben werden soll, wirken Worte unwirklich, lächerlich. Es geschieht in der Erzählung „Beschreibung eines Morgens“: Klara und ihr Mann haben sich auf dem Dachboden eines Bauernhofes vor der SS versteckt. Wochen verbringen sie dort — mit nichts als ihren Erinnerungen und ihrer Angst. Der Ehemann will diese Angst durch Reden und Spiele vertreiben. Er rezitiert seitenweise Bücher aus seinem Gedächtnis, erfindet Spiele und einen Kriminalroman. Alle Versuche gehen ins Leere: die Angst bleibt. In der Erzählung „Zygmunt“ schreibt Ida Fink: „Ein paar Tage später war Krieg. Die ersten Tage über hatte ich Angst vor den Bomben, kindlich und lächerlich im Vergleich mit der Angst, die ich in den folgenden Tagen kennenlernte — die Angst vor den Menschen. Mit Planen bedeckte Lastwagen rollten durch die Straßen der Stadt und brachten die Juden fort, niemand wußte, wohin. Der Tod wurde zu etwas Alltäglichem, man sprach offen davon, während man um Brot anstand, die Angst wurde zum natürlichen Zustand.“ Dieser „natürliche Zustand“ wird in den verschiedensten Facetten beschrieben: Die Angst vor der nächsten „Aktion“, die Angst in den Augen eines Jungen vor der Erschießung, die Angst erwischt zu werden, die Angst, der Nächste zu sein. Und schließlich die Angst der Überlebenden auf der Suche nach den Angehörigen, die Angst vor der Wahrheit: dem Tod.

Ida Fink versteht es, mit erschreckend wenigen Worten die Gefühle, Stimmungen und Lebensskizzen einzelner Personen zu beschreiben, und man weiß nie, ob sie die Angst überwunden haben, nicht einmal nach ihrem Tod. Ida Finks Erzählungen treffen und machen betroffen und sind damit ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen.

Herbert Winklehner


Jahrgang 7/2000 Seite 129



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