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Baumann, Arnulf H. (Hg.)

Auf dem Wege zum christlich-jüdischen Gespräch

125 Jahre Evangelisch-Lutherischer Zentralverein für Zeugnis und Dienst unter Juden und Christen. Münsteraner Judaistische Studien, Band I. Lit Verlag, Münster 1998. 231 Seiten.

Der „Evangelisch-Lutherische Zentralverein für Zeugnis und Dienst unter Juden und Christen“ wurde 1871 in Leipzig unter dem Namen „Evangelisch-Lutherischer Centralverein für Mission unter Israel“ gegründet. Die Namensänderung erfolgte erst 1985. Auf Initiative von Franz Delitzsch wurde 1886 das „Institutum Judaicum“ (heute „Institutum Judaicum Delitzschianum“) ins Leben gerufen.

Die Veröffentlichung gibt zuerst einen historischen Rückblick auf 125 Jahre Zentralverein mit seiner Vorgeschichte im Pietismus des 17./18. Jahrhunderts und der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts (Karin Haufler-Musiol). Dann werden „Gestalten auf dem Wege“ vorgestellt: Franz Delitzsch (1813-1890), ein profunder Kenner semitischer Sprachen, rabbinischer Schriften und nachbiblischer jüdischer Literatur; der Palästinawissenschaftler Gustav Dalman (1855-1941); Otto von Harling (1866-1953), der vor dem Antisemitismus warnte und bis zur Selbstauflösung 1935/36 die bestimmende Persönlichkeit des Zentralvereins war; Hans Kosmala (1903-1981), der nach 1936 die Arbeit des Instituts in Wien, London und Jerusalem fortzusetzen suchte; sowie Benno Kosniala und Karl Heinrich Rengstorf (1903-1992), porträtiert von Werner Monselewski.

In drei Essays werden wichtige Problemfelder ,heutiger Positionen‘ angegangen. Hermann Lichtenberger behandelt vornehmlich das Verschließen der Augen vor der Schuldfrage sowie als Kernpunkt allen Streits, „ob der Missionsauftrag der Kirche (Mt 28,19 f.) in gleicher Weise Juden gelte wie den Völkern“. Hermann Brandt stellt fest, daß das christlich-jüdische Gespräch ein Eigenleben führt „ohne Bezug auf die Bewegungen des Dialogs der Religionen, ohne Bezug auf Fragestellungen der Religionswissenschaft“. Trotzdem macht er aus: „Mission ist ein Gegenbegriff sowohl zum christlich-jüdischen Gespräch, wie zum interreligiösen Dialog.“ Von der Religionswissenschaft übernimmt er „die Frage nach der inneren Zensur“. Er arbeitet das ab am ambivalenten Begriff „Messianismus“ bzw. „Messianismen“ und setzt hinter das Tabuwort „Judenmission“ ein Fragezeichen. Brandt macht einige erfrischende Bemerkungen zum Thema, die geeignet sind, die Verkrampftheit auf christlicher Seite zu lösen. Jürgen Roloff zieht in fünf Schritten Folgerungen für die Ekklesiologie. Dann geht er den verschiedenen Lösungsversuchen der frühen Christen zu ihrer Identitätsfrage nach, die ausgelöst war von der Erfahrung „als eine eigene empirische Größe neben Israel zu stehen“. Den Abschluß bilden sechs wichtige Dokumentationen von 1871 bis 1995.

Das äußerlich bescheidene Buch bietet gerade auch konfessionell anders beheimateten Lesern einen Tiefenblick in speziell lutherische Positionen, legt schmerzhaft christliche Fehlhaltungen und Fehlleistungen frei und läßt teilhaben an dem Ringen um neue Einsichten und theologische Gewichtungen, die dann auch zu formulieren und im Gemeindeleben umzusetzen sind.

Ruth Ahl


Jahrgang 7/2000 Seite 127



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