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Bernhard Grümme

Das Judentum — eine vergessene Größe?

Die neuen Richtlinien und Lehrpläne für die Sekundarstufe II (NRW)

1999 wurden vom Ministerium für Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen neue Richtlinien und Lehrpläne für den katholischen Religionsunterricht (Sekundarstufe II — Gymnasium/Gesamtschule) herausgegeben. Dieser Beitrag untersucht die Richtlinien aus der Sicht des christlich-jüdischen Dialogs.1

Nach neueren Untersuchungen kommen grobe, unverhohlene Antijudaismen kaum noch in Curricula und Schulbüchern vor.2 Doch die Unterrichtsrealität stellt sich differenzierter dar.3 Wenn es namentlich die unterschwelligen, zumeist unbedachten Äußerungen sind, die gegenwärtig das Verhältnis zu den Juden im Religionsunterricht belasten, dann verschärft dies die Erwartungen an die neuen Richtlinien auch aus der Sicht des jüdisch-christlichen Dialogs.4

Insofern die Richtlinien den christlichen Glauben als „hervorgegangen aus dem Glauben Israels“ (5) vorstellen, betonen sie bereits bei der Bestimmung der Grundlagen des katholischen Religionsunterrichts die wurzelhafte Bedeutung des Judentums für das Christentum. Die Tatsache, daß die Richtlinien die jüdische Prägung der christlichen Hoffnung an derart prominenter Stelle herausarbeiten, ist angesichts der problematischen Geschichte der katholischen Religionsdidaktik und Religionspädagogik nicht hoch genug einzuschätzen. Gleichwohl bleibt offen, ob diese Bedeutung auch in der Gegenwart noch gilt oder etwa — wie im Sinne eines typologischen Verstehensmusters — wieder dadurch geschmälert würde, daß Israel lediglich das überholte Vorausbild der Kirche darstellt.

Hinsichtlich der weiterhin gültigen Erwählung Israels ebenso vage bleiben die Richtlinien im Zusammenhang mit der von ihnen stark betonten ökumenischen Offenheit des konfessionellen Religionsunterrichts. Indem sie eine solche Offenheit ebenfalls für das „Gespräch mit dem Judentum und den anderen nichtchristlichen Religionen“ (11) fordern, lassen sie eine begrifflich präzise, offenbarungstheologisch begründete Unterscheidung zwischen dem Judentum und den nichtchristlichen Religionen vermissen. Deren allein additive Erwähnung markiert nicht hinreichend genug die für das Christentum schlechthin einzigartige Relevanz des Judentums bis heute und droht so dessen theologische Würde einzuebnen.

Anders präsentiert sich das Bild des Judentums bei der Entfaltung der inhaltlichen wie methodischen Dimensionen des Religionsunterrichts. Inhaltlich erörtern die Richtlinien beispielsweise die Christologie im Blick auf Jesu Jude-Sein (vgl. 21.87 ff.) und profilieren ekklesiologisch das Judentum ausdrücklich als „Wurzel des Christentums“ (21; vgl. 60.120). Gerade um ganzheitliche Lernprozesse zu ermöglichen und biblische Texte für die Gegenwart zu erschließen, soll die obligatorische Einführung in die Methode der historisch-kritischen Exegese durch die „Berücksichtigung jüdischer Auslegung“ (34) ergänzt werden.

So führen die Richtlinien das Judentum keineswegs lediglich als Gegenstand (wie etwa Israels eschatologische Hoffnung [vgl. 21]) oder als Beispiel (wie etwa als Thema der Facharbeit [vgl. 45] oder bei der Kennzeichnung der unterschiedlichen Leistungsniveaus der Anforderungsbereiche [vgl. 75]) an. Vielmehr stellen sie mit dem christlichen Glauben den katholischen Religionsunterricht insgesamt in den Horizont des jüdisch-christlichen Gesprächs, wobei sie die Problematik des kirchlichen Handelns „angesichts der Schoa“ (120) eigens thematisieren. Emphatisch betonen sie — im Rückgriff auf die Richtlinien für die Realschule NRW (1994) — ein „verantwortliches Sprechen über Juden und Judentum“ als konstitutive „erkenntnisleitende Perspektive“ des katholischen Religionsunterrichts. Dabei lassen sie sich von der „Verantwortung für die gegenwärtige und zukünftige Lebensbewältigung und Weltgestaltung“ (48) leiten. Jedes Thema des Religionsunterrichts muß sich fortan danach befragen lassen, ob es der christlich-jüdischen Verständigung im Wege steht. Prinzipiell wird einer christlichen Profilierung zu Lasten der Juden, sei es ekklesiologisch, christologisch oder theologisch, eine Absage erteilt.

Gleichwohl bleibt dieser lobenswerte Ansatz nicht ungebrochen. Die Richtlinien unterbreiten als Vorschlag für die schriftliche Abiturprüfung einen Vergleich der für die Versöhnung von Christen und Juden wegweisenden Reden von Johannes Paul II. mit der gegensätzlichen Position von Franz Alt (87 ff.). Dabei soll der Gott Jesu als der Gott Israels sowie die gültige Erwählung Israels erarbeitet werden. Der Erwartungshorizont spricht ausdrücklich davon, den Kindern Israels „brüderliche Gefühle“ entgegenzubringen (89). In diesem Zusammenhang spielt die Beschäftigung mit der „Irrlehre“ des Markionismus (89) eine wichtige Rolle. Dennoch fehlt hier wie auch an anderen Stellen der Richtlinien eine tiefere Beschäftigung mit den in der Geschichte des Christentums oder gar des Religionsunterrichts verbreiteten Antijudaismen und deren Folgen. Eine nähere Auseinandersetzung mit der christlichen Schuldgeschichte — über die genannten ekklesiologischen Bezüge hinaus (120) — ist nicht vorgesehen. Damit aber bleibt fraglich, wie sowohl die anvisierte gegenwärtige und zukünftige Lebensbewältigung der Schüler/innen als auch die Verantwortung gegenüber den Juden unter Vernachlässigung eben dieser Schuldgeschichte verwirklicht werden soll.

Damit bleibt als Ertrag ein etwas zwiespältiges Urteil. Neben begrifflichen Ungenauigkeiten finden sich Defizite hinsichtlich der Beschäftigung mit der antijudaistischen Tradition im Christentum, die unbedingt zum Versuch einer theologischen Wiedergutmachung gehören müßte. Dies aber schmälert letztlich nicht das sehr Verdienstvolle der neuen Richtlinien und Lehrpläne. Immerhin erheben sie die verantwortungsvolle Beschäftigung mit dem Judentum zum hermeneutischen Prinzip von Religionsunterricht überhaupt und versuchen dadurch Sensibilität für einen versöhnenden Umgang mit dem Judentum zu wecken. Doch nicht nur das: Ein auf diese Weise zugeschnittener und schließlich unter Berücksichtigung der christlichen Schuldgeschichte auch praktisch realisierter Religionsunterricht brächte durch seine Teilhabe am schulischen Erziehungs- und Bildungsauftrag ureigene Perspektiven in die Schule ein, die für eine „Erziehung nach Auschwitz“ (Adorno) unverzichtbar sind.

  1. Im folgenden Seitenzahlen im Text.
  2. Vgl. Gabriele Niekamp, Christologie nach Auschwitz. Kritische Bilanz für die Religionsdidaktik aus dem christlich-jüdischen Dialog, Freiburg/Br. 1994, 332-344; Peter Fiedler, Das Judentum im Katholischen Religionsunterricht, Düsseldorf 1980; Günter Biemer, Freiburger Leitlinien zum Lernprozeß Christen – Juden, Freiburg/Br. 1981; Helga Kohler-Spiegel, Juden und Christen – Geschwister im Glauben. Ein Beitrag zur Lehrplantheorie am Beispiel Verhältnis Christentum – Judentum, Freiburg/Br. 1991; Martin Stöhr (Hg.), Judentum im christlichen Religionsunterricht, Frankfurt/M. 1983.
  3. In einer repräsentativen Befragung aus dem Jahr 1983 unter Religionslehrern haben lediglich weniger als ein Drittel die Aussage „Die Kirche hat das Judentum heilsgeschichtlich abgelöst“ abgelehnt. Vgl. Ursula Reck, Das Judentum im katholischen Religionsunterricht – Wandel und Neuentwicklung. Eine Studie über die Entstehung und Verbreitung einer curricularen Innovation, Freiburg/Br. 1988, 162-167.
  4. Vgl. M. Gartmann, Das Judentum im katholischen Religionsunterricht. Ein inzwischen gelöstes Problem?; in: KatB1120 (1995) 313-317; hier: 317.

Dr. Bernhard Grümme ist Religionspädagoge an einem Gymnasium in Hamm. Er hat Aufsätze zu dogmatischen, religionspädagogischen und religionsphilosophischen Themen sowie zum christlich-jüdischen Dialog veröffentlicht.


Jahrhgang 7/2000 Seite 121



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