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Gertrud Luckner
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Ausländerdiskussion in Österreich

Stellungnahmen der Kirchen

Nach der Nationalratswahl am 3. Oktober 1999 und dem Wahlsieg der rechts-populistischen FPÖ unter Jörg Haider als zweitstärkste Partei hat sich in Österreich die Auseinandersetzung mit Rassismus, Minderheitenhetze und Neo-Nazismus zugespitzt. Die Generalsynode der Evangelischen Kirchen Augsburgischen und Helvetischen Bekenntnisses (A. u. H. B.) hat am 11. November 1999 in Innsbruck dazu Stellung genommen (vgl. die Synodenerklärung von 1998 in: FrRu 6[1999]127). Die Österreichische Bischofskonferenz hat ebenfalls bei ihrer Herbstsession in Wien jede Form von Antisemitismus, Rassendenken und Fremdenhaß als mit dem christlichen Glauben unvereinbar erklärt.

1. Erklärung der Generalsynode der Evangelischen Kirchen

Wer die Würde von Fremden in Frage stellt, würdigt Gottes Ebenbild herab

Die Evangelischen Kirchen in Österreich haben bereits im Wahlkampf protestiert gegen fremdenfeindliche und rassistische Aussagen. Jetzt sind wir bestürzt über das Echo, das diese Aussagen gefunden haben: die Kriminalisierung von Schwarzafrikanern, die Verachtung von Fremden. Mit besonderem Schrecken sehen wir die Übergriffe aus rassistischen Motiven gegen jüdische Bürgerinnen und Bürger und stellen uns mit unserem Protest an die Seite der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs.

Unser Bekenntnis zu Jesus Christus und der ganzen Heiligen Schrift ist mit jeder Form des Antisemitismus, des Rassismus und der Diskriminierung von Fremden unvereinbar:

Wir glauben:
Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen. Wer die Würde von Fremden in Frage stellt, würdigt Gottes Ebenbild herab und beschädigt seine eigene Würde. Der Glaube steht auf dem Spiel.

Wir glauben:
Gott selbst ist im Juden Jesus Mensch geworden. Das ist für uns die frohe Botschaft. Wer Antisemitismus vertritt, vergiftet diese frohe Botschaft. Der Glaube steht auf dem Spiel.

Wir glauben:
Gott stellt uns an die Seite der Armen und Ausgegrenzten. Wer nur die Mitte der Gesellschaft im Blick hat und die am Rande verachtet, stellt sich gegen Gott. Der Glaube steht auf dem Spiel.

Die Evangelischen Kirchen in Österreich sind verpflichtet:
— Jeder Form des Fremdenhasses und des Rassismus zu wehren, in Gedanken, Worten und Werken.
— Menschen auf der Flucht zu schützen. Integration zu fördern. Kompromißlos für die Menschenrechte einzutreten.
— Einen Prozeß der Bewußtseinsbildung einzuleiten, damit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus als simple Antworten auf die komplexen Fragen der Zeit unmöglich werden.

Wir werden damit bei uns selbst beginnen.

2. Katholische Bischöfe für „gegenseitigen Respekt und für Toleranz“

Die österreichischen katholischen Bischöfe sehen mit Sorge eine bedrohliche Verschlechterung des gesellschaftlichen Gesamtklimas. Obwohl Österreich zu den reichsten und stabilsten Ländern der Welt zählt, sind Ängste und Befürchtungen in letzter Zeit in den Vordergrund getreten.

Dabei gilt es sorgfältig zu unterscheiden:

— Es gibt Ängste, die auf Vorurteilen und mangelnder Information beruhen. Diese Ängste wurden und werden in der politischen Auseinandersetzung in Dienst genommen. Auf diesem Boden wachsen Haß und Intoleranz, Erscheinungen, die wir für immer aus dem Zusammenleben der Menschen in Österreich verbannt glaubten. Der christliche Glaube ist mit jeder Form von Antisemitismus, Rassendenken oder Fremdenhaß unvereinbar.

— Es gibt aber auch ernst zu nehmende Sorgen über ein mögliches Zuviel an Einwanderung und über Probleme mit der Integration. Über diese Sorgen und Probleme soll sachlich und gerechtigkeitsorientiert, nicht aber emotionsgeladen gesprochen werden. Die katholische Kirche ermutigt die Bildung von Gesprächsplattformen, um neue Wege der Integration im Geist des gegenseitigen Respekts und der Toleranz zu suchen. Im Sinn des ,Dialogs für Österreich‘ fühlt sich die Kirche verpflichtet, den Weg des Dialogs auch zur Lösung der gesellschaftlichen Orientierungskrise in unserem Land vorzuschlagen.

Entschieden muß jeder Versuch zurückgewiesen werden, bestimmte Menschengruppen wegen ihrer nationalen oder religiösen Herkunft auszugrenzen. Alle Menschen haben die gleiche Würde. Wer in diesem Bereich Wind sät, erntet allzu leicht Sturm. Die Geschichte Österreichs in diesem Jahrhundert ist der Beleg dafür.

Ebenso muß aber auch all jenen Menschen Gerechtigkeit widerfahren, die ernst zu nehmende Sorgen äußern. Sie dürfen nicht abgestempelt und an den Rand gedrängt werden. Es ist das Anliegen der Kirche, den Menschen die Angst zu nehmen. Die Angst ist kein guter Ratgeber. Sie verdunkelt die Perspektiven.

Österreich hat in den letzten Jahrzehnten einen großen Aufschwung erlebt. Dieser Aufschwung wurde möglich, weil die verantwortlichen politischen und gesellschaftlichen Kräfte im Land das Miteinander in den Vordergrund gestellt haben, weil das Gemeinwohl als wichtiger angesehen wurde als Gruppenegoismen. Auch wenn es mitunter die Gefahr der Erstarrung gegeben haben mag, muß daran erinnert werden, daß es die Gesinnung des Miteinander und die Haltung des Interessenausgleichs waren, denen die Heilung der Wunden der Zwischenkriegszeit zu verdanken ist. Diese Gesinnung und diese Haltung gilt es wiederzugewinnen.

Die Bischöfe ermutigen alle Katholiken, sich für ein gutes Miteinander in Österreich einzusetzen, das der besonderen Aufgabe unseres Landes in Europa und der Welt entspricht. Sie laden zugleich alle Menschen guten Willens ein, gemeinsam nach Wegen zu suchen, wie Österreich den Weg des Respekts voreinander, der unbedingten Achtung der Menschenrechte und der Lösung gesellschaftlicher Probleme im Konsens auch im dritten Jahrtausend weitergehen kann.


Jahrgang 7/2000 Seite 118



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