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Josef Norbert Rudel

Sie kamen heim und schrieben deutsch

Der Verband deutschsprachiger Schriftsteller in Israel

Vor mehr als sechs Jahrzehnten, bei Hitlers Machtantritt, versuchten jüdische Künstler und Schriftsteller aus Deutschland, Österreich und aus ehemaligen k. u. k. Provinzen wie Mährisch-Ostrau und der Bukowina ihr Leben zu retten, indem sie in die wenigen Länder, die ihnen Asyl gewährten, auswanderten. Sie wurden zu Exilanten. Die zionistisch eingestellten wählten Palästina. Hier waren sie keine Fremden. Sie waren unter ihresgleichen.

Trotz der unbeschreiblichen Sprach- und Existenzschwierigkeiten hielten die meisten durch. Um nur die Bekanntesten von ihnen zu nennen: Elias Auerbach, Hugo Bergmann, Wolfgang von Weisel, Margot Klausner, Max Zweig, Werner Kraft, Jeny Aloni, Frieda Hebel, Lola Landau, Arnold Zweig, Else Lasker-Schüler, Martin Buber, Max Brod u. a. Die Bezeichnung „Emigranten“ lehnten sie ab, weil sie sich als „Heimkehrer“ betrachteten. Sie waren israelische Schriftsteller, die sich der deutschen Sprache bedienten. Geändert hatten sich die Themen. Ihr Schrifttum war jetzt mehr in der Realität des neuen Zuhause verankert.

Der ersten Einwandererwelle folgte eine zweite, der „Pioniere“, die aus rein ideologischen Gründen in die neue Heimat kamen. Unter ihnen waren: Anna Maria Jokl, Annemarie Königsberger, Schalom Ben-Chorin, Herbert Freeden, Margarita Pazi, Peter E. Gradenwitz, Alice Schwarz-Gardos (die langjährige Herausgeberin der Tageszeitung „Israel Nachrichten“) u. a. Sie bildeten den Kern des Verbandes, den der Journalist und Schriftsteller Meir Marcel Faerber (1908-1993) 1975 gegründet hatte. Nach Faerber wurde Pazi (1920-1997) Vorsitzende des Verbandes. Vizevorsitzende sind derzeit Hanna Blitzer und Eva Basnizki. Die Tätigkeit der Mitglieder besteht in der Teilnahme an literarischen Veranstaltungen und in der Veröffentlichung von Anthologien und Sammelbänden (Faerber, Pazi, Stern u. a.) sowie der ihrer eigenen Bücher, die in israelischen, deutschen und österreichischen Verlagen erscheinen.1 Zwei bis dreimal jährlich verschickt der Verband ein „Rundschreiben" mit kurzen Berichten aus dem Verbandsleben. Die Mitglieder geben auch öffentliche Vorträge und Lesungen, insbesondere in Elternwohnheimen. 1980 wurde der Verband Mitglied des Bundesverbandes deutscher Autoren, Berlin. Die Mitgliedschaft in verschiedenen europäischen Verbänden und dem PEN-Zentrum gibt Gelegenheit, deutschsprachige israelische Literatur im Ausland vorzustellen. Viele der Mitglieder wurden mit Preisen, Diplomen und Medaillen ausgezeichnet.

Im Rahmen des Verbandes agieren zwei Gruppen: die „Lyris“ unter der Leitung von Eva Avi-Yona in Jerusalem und die „Litera“ in Tel Aviv, betreut von J. N. Rudel. Neben den 32 Mitgliedern hat der Verband vier korrespondierende Mitglieder (Tilly Boesche-Zacharow, Berlin, Hans Otto Horch, Neuwied, Armin A. Wallas, Klagenfurt (vgl. FrRu 7[2000]77), Erhard Roy Wiehn, Konstanz (vgl. FrRu 6[1999]134, 213), und als Ehrenmitglied den deutschen Verleger Heinz Bleicher. Hervorzuheben ist die fruchtbare Zusammenarbeit mit der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland sowie mit dem Goethe-Institut in Tel Aviv.

Es ist eine natürliche Erscheinung, daß wir Jahr für Jahr Mitglieder verlieren. Nur wenige treten an ihre Stelle, Menschen die erst in ihrer zweiten Lebens-hälfte zur Feder gegriffen haben. Unsere Stimmen werden leiser, doch immer noch sind sie hörbar. Der Beweis dafür ist ein neuer Band moderner lyrischer Dichtung (1999).

  1. Vgl. FrRu 6[1999]134-135, Hedwig Brenner, Jüdische Frauen in der bildenden Kunst und FrRu 6[1999]58-59, Dorothea Sella, Der Ring des Prometheus.

Josef Norbert Rudel, Schriftsteller und Journalist, geb. 1921 in Czernowitz/Bukowina, lebt, nach Zwangsarbeit und Getto, seit 1972 in Israel. Er ist Herausgeber der Monatsschrift „Die Stimme“ und Vorsitzender des Verbandes deutschsprachiger Schriftsteller in Israel.


Jahrgang 7/2000 Seite 117



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