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Kalman Yaron

Jude-Sein und Israeli-Sein

Nach der Niederlage der Arbeitspartei bei den Wahlen zur Knesset 1996 sagte Shimon Peres: „Wir sind geschlagen worden!“ „Wer sind wir?“, wurde er gefragt. „Wir, die zionistischen Israelis“, antwortete Peres. „Und wer waren die Gewinner?“ „Diejenigen, die keine israelische Geistesverfassung besitzen, nämlich die ,Juden‘.“

Tel Aviv und Jerusalem zeigen die zwei Gesichter Israels: Tel Aviv, die welt-bürgerliche Metropole der liberalen Israelis; Jerusalem, die ewige Hauptstadt mit dem Charme eines jüdischen Steil, bestimmt von Synagogen, Toraschulen und heiligen Orten. Während die ultraorthodoxen Juden (Charedim) Jiddisch benützen, sprechen die anderen Hebräisch.

Religiöser Zionismus und zionistische Religion

In Anspielung auf den Unterschied zwischen messianischem Traum und politischem Zionismus soll David Ben-Gurion erläutert haben: „2000 Jahre haben die Juden auf den Messias gewartet. Er ist nicht gekommen. Gott erwartet nun, daß wir der Messias sein sollen!“ Seitdem sind die Juden gespalten. Der Konflikt zwischen Messiaserwartung und politischem Zionismus ist seit dem Beginn der zionistisch-nationalen Bewegung nicht mehr verschwunden. Der Widerstreit reicht zurück bis zur Schoa. Während die zionistischen Pioniere die Orthodoxen beschuldigten, während der Nazizeit jüdische Einwanderung nach Palästina aus Feindseligkeit gegen den politischen Zionismus verboten und damit die Betroffenen den Mördern preisgegeben zu haben, verurteilen die Orthodoxen wiederum die Zionisten als falsche Messiasse.

In seiner Studie „Die letzten Israelis“ beschreibt David Ohana die Lage der damals bewunderten Zionisten, der Erbauer und Verteidiger Israels: „Umgeben von den patriotischen Siedlern, den russischen Einwanderern, den wütenden Orientalen, den alten Charedim und den Post-Zionisten, zäunt jeder sein Fleckchen ein und erhebt Anspruch auf sein Pfund Fleisch.“ Der hebräische Schriftsteller Yoram Kaniuk drückt die Enttäuschung der jüdischen Gründungsväter aus. „Unsere Bemühungen waren offenbar vergeblich. Wir brauchen hier kein neues Getto, kein großes Stetl im Nahen Osten, aber alles läuft darauf hinaus ... Deshalb sollten wir uns trennen und verschiedene Wege gehen.“

Die Juden kamen aus aller Welt nach Palästina und sprachen zunächst eine breite Palette von Sprachen. Unter ihnen waren religiöse, säkulare und auch völlig assimilierte Juden, sogar Nichtjuden (in der Regel mit jüdischen Partnern verheiratet). Sie kamen aus ganz unterschiedlichen Gründen. Einige kamen aus pragmatischen Motiven, andere, um sich als Juden zu verwirklichen. Doch die meisten kamen, weil sie aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Nur eine ganz begrenzte Zahl kam aus reinem Zionismus.

Judentum — eine Religion oder eine Nation?

Der bekannte israelische Schriftsteller Abraham B. Jehoshua meint beim Nachdenken über jüdische Identität: „Wenn ich die jüdischen Charakterzüge zeichnen sollte, würde ich das Bild eines androgynen Wesens benutzen, das männliche und weibliche Merkmale enthält. Die Juden sind Leute, die Wesensmerkmale sowohl einer Nation als auch einer Religion aufweisen. Jedoch sind sie weder eine Nation noch eine Religion, sondern eine problematische Mischung.“ Die Doppeldeutigkeit jüdischer Existenz kommt auch in der Tatsache zum Ausdruck, daß während des fünfzigjährigen Bestehens der Knesset schon sechsmal die Definition „Wer ist Jude?“ geändert worden ist.

Die Frage beschäftigt Juden und Nichtjuden in gleichem Maße. Wahre Juden sind offenbar nicht nur diejenigen, die vom orthodoxen Rabbinat anerkannt sind. Auch liberale, reformierte oder gar assimilierte Juden wie etwa Herzl, Buber und Kafka gehören dazu. Die zwei Gesichter des Judentums, Religion und ethnische Zugehörigkeit, dienen sowohl als Brücke als auch zur Spaltung und machen dadurch jüdische Existenz noch komplizierter.

Die beiden unterschiedlichen Bezeichnungen des Landes der Bibel, der Staat Israel und der jüdische Staat, weisen auf den Konflikt in der israelisch-jüdischen Identität hin. Weltliche Juden bevorzugen den Namen Staat Israel und unterstreichen damit ihren Wunsch nach dessen demokratischer Struktur, während orthodoxe Juden den religiösen Charakter hervorheben, der im Namen jüdischer Staat oder Eretz Israel (das verheißene Land) zum Ausdruck kommt. Herzls politischer Terminus Judenstaat und das religiöse Synonym jüdischer Staat offenbaren aber die Unvereinbarkeit dieser beiden Bezeichnungen. Daher nennen sich nichtreligiöse Juden zunächst Israelis und nur in zweiter Linie — wenn überhaupt — Juden, während die meisten religiösen Juden vor allem die religiösen Merkmale des Heiligen Landes betonen.

Gläubige Juden und ungläubige Israelis

Die spätere religiöse Bezeichnung Jahadut (das jüdische Volk), die den ursprünglichen biblischen Namen Israel ersetzte, wird von der Orthodoxie benutzt, um den „rechtgläubigen Juden“ über dem „ungläubigen Israeli“ einzuordnen. Die Orthodoxie ist überzeugt, daß die Tora auch ohne Zionismus ewig währt, aber der Staat Israel ohne Tora nicht überleben kann. Netanjahus Bemerkung „Die Linken haben vergessen, daß sie Juden sind“, offenbarte die Diskrepanz zwischen Jude und Israeli.

Nicht nur das politische Klima, sondern auch der israelisch-jüdische Gegensatz hat den Mörder von Yitzhak Rabin hervorgebracht. Mit Rabin wurde nicht nur der Israeli getötet, sondern auch der Feind der toratreuen Judenheit. Religiöser Zwang, Einschränkung der Menschenrechte und kulturelle Zensur fördern den religiös-säkularen Gegensatz von Heiligkeit und Weltlichkeit, von Religion und Staat, von heiliger Sprache und modernem Hebräisch, von Gottesherrschaft und Volksherrschaft. Sie enthüllen die Trennung zwischen jüdischer und israelischer Existenz, die der zionistische Konsens ursprünglich umfaßt hatte.

Wer ist Jude?

Jude-Sein ist ein vieldeutiger Begriff. Die Frage, ob die Juden eine religiöse Gemeinschaft, ein Stammesverband, eine Nation oder aber eine Mischung aus einigen dieser Bestandteile sind, ist im Falle der Israelis die kritische Frage. Die orthodoxe Definition eines Juden als Abkömmling einer jüdischen Mutter oder zum Judentum übergetreten läßt unmittelbar die gleiche Frage in neuer Form aufkommen: Wer ist denn eine jüdische Mutter? Und welche Autorität entscheidet über den Übertritt zum Judentum? Nachdem die israelische Orthodoxie das Konversionsmonopol beansprucht, verweigert sie die Anerkennung von Konvertiten sowohl zum konservativen als auch zum Reformjudentum und untergräbt damit die jüdische Solidarität. Die Verwirrung wird noch größer, wenn einem israelischen Soldaten, der im Einsatz für das Vaterland fällt, ein jüdisches Begräbnis verweigert wird, weil er Sohn eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter ist. Dem Sohn einer jüdischen Mutter, der zu einer anderen Religionsgemeinschaft übergetreten ist, wurde ebenfalls durch eine kontroverse mehrheitliche Entscheidung des Obersten Gerichtshofes die weitere Zugehörigkeit zum Judentum abgesprochen.

Verschiedene Definitionen für das Jude-Sein werden angeboten. Die Beschreibung: Jude ist jemand, der sich selbst als solcher versteht und von anderen auch so anerkannt wird, wurde verworfen. Wenn aber andererseits die Juden eine dem rabbinischen Gesetz verpflichtete Religionsgemeinschaft sein wollen, dann ist die große Mehrheit davon ausgeschlossen. Wenn jüdische Abstammung als Kriterium gelten soll, muß im einzelnen angegeben werden, wer dazugehört. Die Definition nach Nationalität oder nach Kategorien bürgerlichen Rechts schließt die Diaspora-Juden aus. Einen Juden als „zum Judentum übergetreten“ zu bezeichnen, ist für viele unangemessen, weil doch nur der Übertritt nach den Regeln der Orthodoxie anerkannt wird, die meisten Juden dagegen konservativen oder Reformgemeinden angehören. Dagegen erfreuen sich viele nichtjüdische Einwanderer, die mit jüdischen Partnern verheiratet sind, vor allem aus der früheren Sowjetunion, der besonderen Vorteile, die Juden nach dem Rückkehr-Gesetz Israels gewährt werden. Dagegen wird die jüdische Abstammung der Einwanderer aus Äthiopien in Frage gestellt. Jude in Israel zu sein ist also nicht nur eine theologische, sondern auch eine praktische Frage. Nach dem Rückkehr-Gesetz bekommt jeder Jude auf Wunsch die israelische Staatsbürgerschaft, sobald er israelischen Boden betritt, wie auch materielle Hilfe, um die Aufnahme im Land zu erleichtern. Ein Nichtjude erhält keine solche Förderung und er wird nur durch Naturalisierung israelischer Staatsbürger. Der ultraorthodoxe Shlomo Benizri verdeutlichte in seinem Artikel „Der israelische Kampf gegen die Juden“ den Konflikt: „Die Angriffe der Israelis gegen die Juden ruft die Erinnerung an die Hetze des antisemitischen ,Stürmer‘ wach.“ Das Buch mit dem bissigen Titel „Der Esel des Messias“ (säkulare Zionisten bahnen den Weg des Messias) von Seffi Rachlevsky (vgl. FrRu 6[1999]146-147, 318) kritisierte ein religiöser Lehrer als „verwerflicher als die Protokolle der Weisen von Zion“.

Demokratie und Halacha

Gemäß seiner Unabhängigkeitserklärung ist Israel sowohl ein jüdischer Staat als auch eine Demokratie. In Wirklichkeit aber ist Israel weder richtig jüdisch (entsprechend orthodoxer Auslegung der Halacha) noch eine liberale Demokratie in der üblichen Definition. Diese Verlegenheit ergibt sich aus der untrennbaren Verquickung von Religion und Staat in einem politischen System, das weder dem Judentum noch der Demokratie gerecht wird. Um der Einheit willen hatte David Ben-Gurion dem status quo zwischen Staat und Religion zugestimmt. Auf die Vorwürfe, die Kapitulation vor der religiösen Lobby sei ein Fehler gewesen, soll Ben-Gurion eingewendet haben: „Ich möchte die Orthodoxie unter meiner Aufsicht haben.“ Das ursprüngliche Übereinkommen enthielt folgende fünf Punkte:

  1. Einhaltung von Schabbat und jüdischen Feiertagen als nationale Ruhetage;
  2. Garantierung koscherer Speisen in allen öffentlichen Einrichtungen;
  3. Zulassung eines besonderen religiösen Schulwesens unter der Aufsicht des Erziehungsministeriums;
  4. Delegierung des Personenstandsrechtes in die Zuständigkeit des orthodoxen Religionsministeriums;
  5. Befreiung von Jeschiwa-Studenten vom Wehrdienst, um die Kontinuität jüdischen lebenslangen Lernens, das durch die Schoa unterbrochen worden war, zu ermöglichen.

Dieses Abkommen sollte nur eine vorübergehende Regelung sein. Die orthodoxe Gemeinde hat jedoch in kurzer Zeit einen unverhältnismäßig großen Einfluß auf die israelische Politik bekommen. Seitdem die religiösen Stimmen über die Bildung einer Regierung entscheiden, sind die großen Parteien von deren Unterstützung abhängig.

Charedim und Zionisten

Die schnell wachsende, jiddisch-sprechende ultraorthodoxe Gemeinde der Charedim ist in verschiedene rabbinische Gruppen gegliedert. In ihren Augen ist der Staat Israel wertlos, weil er sich weder auf die Halacha gründet, noch das Ergebnis des Kommens des Messias ist. Abgegrenzt in ihren Gettos und ihrem eigenen Schulwesen, äußerlich erkennbar an ihrer Kleidung und ihren Gewohnheiten, widmen sie sich nur dem Studium der Tora.

Auch als kulturelle Alternative setzen sich die Charedim von den weltlichen Zionisten ab. In ihren Synagogen wird nicht für das Wohlergehen des Staates gebetet. Der israelischen Fahne und Nationalhymne zollen sie keinen Respekt. Unter dem Druck von materiellen Sorgen sehen sie sich gezwungen, sich am rechten Flügel der Regierung zu beteiligen und den nicht-koscheren Staat als notwendiges Übel zu akzeptieren. Lediglich ein Teil der Ultraorthodoxen, die Neturey Karta (Stadtwächter), hält sich vom öffentlichen Leben vollständig fern. Die Befreiung von etwa 30 000 Jeschiwa-Studenten vom Militärdienst (bei der Staatsgründung waren es nur etwa 400) und deren Subventionierung durch die Steuerzahler sprengt inzwischen alle üblichen Maßstäbe. Etwa 60% der Charedi-Männer tragen nicht zum Sozialprodukt Israels bei. Da diese Gruppen aber für die Bildung einer Regierung unverzichtbar sind, nehmen sie den Vorwurf, Schmarotzer zu sein und zugleich ihre Gegner als „Antisemiten“ zu beschimpfen, gelassen hin.

Die fundamentalistischen religiösen Zionisten und die antizionistischen ultra-orthodoxen Juden sind eng verbunden in ihrer Gegnerschaft gegen die Linke. Während die Charedim Israel für einen gottlosen Staat halten, ist in den Augen der radikalen religiösen Zionisten der moderne Staat Israel nur ein Gerüst für das davidische Reich, das mit der Ankunft des Messias neu errichtet wird. In der Rolle des Züngleins an der Waage haben die orthodoxen Kreise nicht nur einen außerordentlich wichtigen Einfluß auf die israelische Politik. Der Staat, den sie in Frage stellen, überläßt ihnen das Monopol über alle jüdischen Angelegenheiten: Eheschließungen, Scheidungen, Beerdigungen, Speisegesetze, Handel und Verkehr am Schabbat, und den untergeordneten Status der Frauen. Die Frage, ob eine allgemein verbindliche Rahmenordnung für einen demokratisch-jüdischen Staat gefunden werden kann, ist noch offen. Wenn sie nicht erreicht wird, ist die Notwendigkeit einer Trennung von Staat und Religion unvermeidlich. Nichtsdestoweniger sieht sich ein großer Teil der israelischen Juden zwischen ihrer jüdischen und israelischen Identität zerrissen.


(Aus dem Englischen von Horst Dahlhaus)
Prof. em. Kalman Yaron ist Leiter des Martin-Buber-Instituts der Hebräischen Universität Jerusalem.


Jahrgang 7/2000 Seite 111



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