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Gertrud Luckner
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Notizen Jahrgang 7/2000 Heft 1

Israels Ministerpräsident Ehud Barak ist nach dem Umzug der Bundesregierung als erster offizieller Staatsgast in Berlin empfangen worden (22. September 1999). Ein Besuch im Reichstag konnte diplomatisch umgangen werden. Die Einladung war ein bewußtes Zeichen, um die besonderen Beziehungen der beiden Länder zu unterstreichen. Barak wies darauf hin, daß in Berlin die Maßnahmen zur Endlösung getroffen worden waren. Gleichzeitig sei sein Besuch aber ein Beweis für die Veränderungen in den israelisch-deutschen Beziehungen. Gemeinsam mit Bundeskanzler Gerhard Schröder und Ministerpräsident Manfred Stolpe, Brandenburg, besuchte Barak das nur etwa 30 km von Berlin entfernte ehemalige KZ Sachsenhausen (vgl. S. 31). Begleitet wurde Barak von ehemaligen KZ-Häftlingen und deren Enkeln. Schröder sagte dabei u. a.: „Es gib nur einen Weg, um mit dem Unvorstellbaren dieses Verbrechens umzugehen. Wir müssen uns alle immer und immer wieder daran erinnern. Das Fundament für die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist die Fähigkeit, sie anzunehmen.“

Seit 1. August 1999 gibt es ein Bet Din (jüdisches Religionsgericht) in Konstanz. Es ist das erste Mal in Deutschland seit 1938, daß das Oberrabbinat in Jerusalem eine solche Institution in Deutschland anerkennt. „Unsere ausschließliche Aufgabe ist es, bei Problemfällen des jüdischen Glaubens Hilfestellung zu geben,“ so Rabbiner Chaim Naftalin, Konstanz, Vorsitzender des Gerichts. Betroffene müssen sich nun nicht mehr an das israelische Oberrabbinat wenden. Die häufigsten Probleme ergeben sich im Zusammenhang mit der Frage der Religionszugehörigkeit von Juden aus der früheren Sowjetunion.

In Potsdam gibt es erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder eine Ausbildungsstätte für Rabbinerinnen und Rabbiner in Deutschland. Das neue „Abraham-Geiger-Kolleg“ steht in der Tradition der früheren Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Die 1870 gegründete Einrichtung — Rabbiner Abraham Geiger (1810-1874) war einer der ersten Lehrer — wurde am 19. Juli 1942 durch das Naziregime gewaltsam geschlossen. Das Kolleg ist der Union progressiver Juden in Deutschland, Österreich und der Schweiz angeschlossen, der größten jüdischen religiösen Organisation, der weltweit rund 1,5 Millionen Mitglieder angehören. Gründungspräsident des Kollegs ist der frühere Präsident der Zentralkonferenz amerikanischer Rabbiner, Oberrabbiner Prof Walter Jacob aus Pittsburgh. 1930 in Augsburg geboren, widmete er sich dem Wiederaufbau liberalen jüdischen Lebens in Deutschland. Für sein Engagement erhielt Jacob 1998 das Große Bundesverdienstkreuz. In Berlin wurde am 10. Oktober 1999 ebenfalls ein „Jüdisches Lehrhaus“ für die Rabbinerausbildung eröffnet. Träger ist die Ronald S. Lauder Foundation, Gründungsdirektor ist der amerikanische Rabbiner Chaim Z. Rozwaski.

Ein ökumenisches Symposion im Vatikan, zu dem die Kongregation für die Glaubenslehre Experten aus aller Welt vom 16. bis 19. September 1999 eingeladen hatte, befaßte sich mit den Themen „Interpretation der Bibel in der Kirche“ und „Verhältnis von Altem und Neuem Testament“. Unter den 42 Wissenschaftlern befanden sich auch protestantische und orthodoxe Fachleute. Die Kongregation wollte sich einen Überblick über die aktuelle Situation der Bibelforschung verschaffen. Es sei insbesondere um die Frage der Inspiration und der Wahrheit der Heiligen Schriften gegangen, um das Problem ihres Kanons und um die Kriterien der christlichen Bibelauslegung. Dabei habe man auch nach der Bereicherung einer Theologie des Alten Testaments im Licht des Neuen Testaments gefragt; die Geschichte Israels werde im Neuen Testament nicht zurückgewiesen, sondern in den Heilsplan Christi eingebunden. Die Dokumente des Kongresses, an dem unter anderen die deutschen Exegeten Joachim Gnilka, Norbert Lohfink, Lothar Ruppert, Max Seckler, Thomas Söding, Peter Stuhlmacher und Helmut Gabel sowie die Schweizer Edmund Arens und Adrian Schenker teilnahmen, sollen bald veröffentlicht werden.

Durch die Verleihung der „Medaille der Gerechten“ wurden vier Schweizer und ein ungarischer Staatsbürger (drei von ihnen posthum) am 6. September 1999 vom Botschafter des Staates Israel in der Schweiz, Yitzchak Mayer, im Berner Amtshaus geehrt. Sie alle hatten unter Lebensgefahr Juden vor der Vernichtung bewahrt. Imre Haynal (1892-1979), ein ungarischer Augenarzt, hielt Juden in seiner Augenklinik versteckt. Ernest Wittwer (1923-1976) rettete die Elsässer René und Freddy Lévy. Peter Zürcher (1914-1975) nützte seinen diplomatischen Status an der Schweizer Botschaft in Budapest, um sich bei der faschistischen Partei der Pfeilkreuzler für die Verfolgten einzusetzen. Das gleiche gilt für Harald Feller (geb. 1914), der die Schweizer Vertretung in Budapest von 1941-1945 leitete. Jean Edouard Friedrich (geb. 1912) ermöglichte als Gesandter des IKRK in Berlin einem Ehepaar die Flucht in die Schweiz.

Efraim Zuroff, Leiter des Jerusalemer Simon-Wiesenthal-Instituts, hat sich am 15. Juli 1999 mit der Aufforderung, die Auslieferung von „Mein Kampf“ zu unterbinden, an das deutsche Bundesjustizministerium gewandt. Ein Verbot der Publikation von „Mein Kampf“ besteht nur in Deutschland. Da der Freistaat Bayern als Rechtsnachfolger des früheren Parteiverlages der NSDAP das Urheberrecht vertritt, unterbindet das bayerische Finanzministerium die Veröffentlichung in Deutschland und — wenn möglich — weltweit.

Das israelische Justizministerium will die „Memoiren“ von Eichmann, ein Manuskript von 1200 Seiten, das seit Eichmanns Hinrichtung im Mai 1962 im Jerusalemer Staatsarchiv liegt, zum „frühest möglichen Zeitpunkt“ freigeben. Nach Eichmanns Wunsch sollte das Manuskript — als seine Version der Geschichte — zusammen mit seinem Urteil veröffentlicht werden. Dies wurde von Ben Gurion untersagt. Generalstaatsanwalt Eljakim Rubinstein empfahl, deutsche Historiker sollten die Papiere zusammen mit einer wissenschaftlichen Dokumentation veröffentlichen. Neue Erkenntnisse, so der israelische Staatsar-chivar Evyatar Friesel, bietet das Dokument offensichtlich nicht. Es sei aber ein wichtiger Teil der Holocaust-Literatur. Eichmann leugnet darin weder die Tatsache des Holocaust noch seine eigene Beteiligung daran. Gleichzeitig versucht die Familie Eichmanns, ihr Anrecht auf den Besitz der „Memoiren“ geltend zu machen.

Im Andenken an den großen Geiger und Dirigenten Yehudi Menuhin (1919-1998) soll in Israel ein Wald gepflanzt werden durch den Jüdischen Nationalfond Keren Kayemet Leisrael (KKL). Menuhin, in New York als Sohn einer russisch-jüdischen Einwandererfamilie geboren, war Nachkomme chassidischer Rabbiner aus dem weißrussischen Getto von Gomel. Mit mehr als 500 Konzerten half er während des Zweiten Weltkriegs Kriegsopfern und Flüchtlingskindern. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er als erster jüdischer Künstler in Deutschland auf. In Jerusalem präsentierte er als erster Werke deutscher Komponisten.

Eine Forschungsstelle für jüdische Literatur in Mitteleuropa wurde im Juni 1999 am Institut für Germanistik der Universität Klagenfurt, Kärnten, gegründet. Aufgabe der von Universitätsassistent Armin Wallas geleiteten Forschungsstelle ist die systematische Sammlung, Dokumentation und wissenschaftliche Aufarbeitung deutschsprachiger jüdischer Literaturgeschichte mit dem Schwerpunkt 20. Jahrhundert. Neben den bekannten mitteleuropäischen Autoren und Autorinnen dieses Jahrhunderts sollen auch weniger bekannte und vergessene Schriftsteller sowie deutschsprachige Literatur in Israel thematisiert werden. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der mitteleuropäischen jüdischen Literatur der letzten eineinhalb Jahrhunderte wird im universitären Lehrbetrieb, in wissenschaftlichen Veranstaltungen und in Publikationen von vergriffenen oder nur schwer zugänglichen Werken umgesetzt werden. Die erste von der Forschungsstelle verantwortete Edition sind die Tagebücher des 1891 in Wien geborenen zionistischen Publizisten und Schriftstellers Eugen Hoeflich/Moshe Ya‘akov Ben-Gavriel.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat einen Sonderforschungsbereich über die Beziehung zwischen Judentum und Christentum an der Universität Bonn bewilligt. Dabei soll insbesondere das Verhältnis beider Religionen in der Antike und im 20. Jahrhundert näher untersucht werden. An dem zunächst auf drei Jahre ausgelegten Projekt beteiligen sich die Evangelisch- und die Katholisch-Theologische Fakultät sowie die Fachbereiche Medizin und Philosophie. Außerdem gehören drei israelische Wissenschaftler zum Forschungsteam. Im Bereich der Antike befaßt sich das Projekt mit Identitätsbildung und Differenzierungsprozessen im Judentum und im Christentum zwischen dem vierten vorchristlichen und dem vierten nachchristlichen Jahrhundert. In einem zweiten Bereich geht es um Judentum und Christentum im Umfeld der Schoa.

Argentinien hat nach dem Zweiten Weltkrieg 180 NS-Kriegsverbrecher aufgenommen. Dies haben Untersuchungen eines offiziellen argentinischen Komitees ergeben. Es handelte sich vorwiegend um Deutsche und Kroaten mit gefälschten, teils vom Vatikan ausgestellten Flüchtlingsdokumenten vom Roten Kreuz. Der damalige argentinische Präsident, Juan Peron, habe die Identität der „Flüchtlinge“ gekannt, sie aber eher aus opportunistischen als aus ideologischen Gründen aufgenommen, um ihre Kenntnisse als Wissenschaftler und Ingenieure sowie ihr teilweise beträchtliches Vermögen für Argentinien einzubringen. Der Untersuchungsbericht weist weiter darauf hin, daß die Einsichtnahme in die Archive des Vatikans verweigert wurde und deshalb eine endgültige Klärung noch aussteht.

Ein irakischer Bauer fand im Sommer 1999 eine Stele in der Größe eines Grabsteines mit einem Portrait des Assyrerkönigs Sennacherib. Es ist die dritte Stele dieser Art. Die Darstellung zeigt den König mit einer goldenen konischen Krone, mit großen Ohrringen und einem geflochtenen Bart, die Hand zum Gruß erhoben. Der in Keilschrift eingravierte Text gibt den Historikern neue Informationen über die Stadt Ninive und über die Person des Königs, der von 705-681 v. Chr. Assyrien regierte.


Jahrgang 7/2000 Seite 75



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