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In memoriam

Ignatz Bubis zum Gedenken (1927-1999)

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, ist am 13. August 1999 in Frankfurt unerwartet gestorben. Mit einer nicht enden wollenden Energie hat er sein Amt betrieben, die Juden in Deutschland zu repräsentieren und ihr Existenzrecht gegenüber ihren deutschen Mitbürgern zu betonen. In den Medien erschien er als ein Mann, der sich der Erinnerung an das auch heute noch unfaßbare Geschehen der NS-Zeit bewußt blieb, den Blick jedoch auch auf eine bessere Zukunft gerichtet hatte.

Bubis erkannte die Verwurzelung der Bundesrepublik Deutschland in der Demokratie und versuchte auf seine Weise, diese vor allem bei der Jugend zu festigen. Er wurde nicht müde, in Schulen über seine Sicht der Geschichte und der Demokratie zu sprechen. Er repräsentierte auf eindrückliche Art seine jüdische Gemeinschaft und wurde so von vielen Deutschen gesehen. Bubis hatte sich freilich ein Ziel gesetzt: „deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ zu sein. Hier ist er gescheitert. Allzu viele Deutsche sahen in ihm nur den Juden schlechthin, sicher keinen unsympathischen Juden, wohl aber einen, der eigentlich nicht dazugehört. Am Ende seines Lebens hat er diese Tatsache erkannt und ihr in einem Interview Ausdruck verliehen.

Das große Echo, das in der deutschen Öffentlichkeit auf seinen Tod folgte, beruhte auf dem Verlangen vieler Deutscher nach Vergebung. Hier handelt es sich um ein merkwürdiges Phänomen. Die meisten Deutschen heute sind nach 1945 geboren oder waren während der NS-Zeit noch Kinder. Sie brauchen keine Vergebung, denn sie haben keine Schuld. Den Schuldigen jedoch — falls sie überhaupt noch leben — kann ein Einzelner gar nicht vergeben, denn er darf nicht im Namen der Millionen von Toten sprechen. Ignatz Bubis hat daher auch niemals von Vergebung gesprochen, wenngleich manche dies aus seinen Worten herauslasen. Er sprach von der Zukunft, die freilich ohne Erinnerung an die Vergangenheit nicht möglich ist.

Ignatz Bubis zu Besuch im Edith-Stein-Karmel und in der katholischen Gemeinde St. Johann in Tübingen am 29. März 1996 — auf Einladung von Sr. Waltraud Herbstrith (r. i. Bild). Foto: Edith-Stein-Karmel, Tübingen

Wenn er in der Öffentlichkeit eine Wirkung erzielte, so vor allem deshalb, weil er eine gewisse Wärme ausstrahlte, ja für manche eine Vaterfigur darstellte. Er meinte, in das Leben seines Landes — der Bundesrepublik Deutschland — voll integriert zu sein. Daher wollte er auch am politischen Leben aktiv teilnehmen und betätigte sich im Bundesvorstand der F.D.P. Nicht wenige in seiner Umwelt sahen es freilich anders. Allzu oft wurde er nicht als Deutscher, sondern als Auslands-Israeli angesprochen, was ihn schwer verletzte. Nicht die Bundesrepublik wurde als sein Land angesehen, sondern der Staat Israel, dessen Bürger er nicht war. Dieses Phänomen zeigt deutlich, daß die Situation der Juden in der Bundesrepublik noch nicht den Grad der Normalität erreicht hat, den Bubis herbeiführen wollte. Wahrscheinlich genügen noch nicht einmal die 50 Jahre seit Ende der blutigen NS-Periode, um Juden als normale Bürger und Bürgerinnen zu integrieren. Dies war das eigentliche Ziel von Ignatz Bubis, wofür Deutsche ihm Dank schulden. Es wäre daher wichtig, anläßlich seines Todes darüber nachzudenken, warum ihm die Aufgabe, der er sich gestellt hatte, mißlungen ist, woran es lag, daß man ihn nicht als Deutschen, der er sein wollte, akzeptierte und mit ihm auch die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ausgrenzte. Vielleicht ist das ungeheure Echo auf seinen Tod auch ein Zeichen des schlechten Gewissens, daß man einen Mann zu Grabe trug, dem man nicht erlaubte, zu sein, was er zu verkörpern suchte: ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens.

Ernst Ludwig Ehrlich


Kurt Schneider (1929-1999)

„Wißt ihr nicht, daß wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit so, wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, auch wir in dieser neuen Wirklichkeit leben. Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden“ (Röm 6,3-4.8).

In dieser Spannung zwischen Taufe und Tod entfaltete sich sein Leben. Es galt einerseits der Familie, seiner Frau und seinen drei Kindern. Ferner galt es seinem Beruf im Verlags- und Druckereiwesen in der Schweiz und in Deutschland. Mit hoher Kompetenz, unermüdlichem Fleiß und steter Begeisterung hat Kurt Schneider auf diesem Gebiet in einer Branche, die sich in den letzten Jahren geradezu überstürzt entwickelte, Altes weitergeführt und Neues eingebracht. In aller Stille half er Gertrud Luckner seit Jahrzehnten bei der Erstellung des Freiburger Rundbriefs. Nicht nur, daß ihm als Korrektor keine Druckfehler entgingen, sondern seine Sorge galt auch der eigentlichen Schlußredaktion. Als Gertrud Luckner aus Altersgründen die Redaktion weitergab, stellte Kurt Schneider seine Erfahrungen, seine Kenntnisse und seine Genauigkeit weiterhin zur Verfügung, wofür ihm die Herausgeber des Freiburger Rundbriefs heute sehr dankbar sind. Buchstäblich bis zur letzten Minute seines Lebens hat er an den Texten gearbeitet. „Ich kann es nicht mehr llesen“ sagte er, als die letzten Druckfahnen eintrafen.

Im Januar 1980 ist Kurt Schneider in den Dienst des Deutschen Caritasverbandes eingetreten, wo er die Bearbeitung der Wohlfahrtsbriefmarken für die Freie Wohlfahrtspflege übernahm. Neben seinen verlegerischen Erfahrungen waren sein persönliches Interesse und seine Kenntnis in der Philatelie äußerst hilfreich für Verhandlungen mit den Freien Wohlfahrtsverbänden, deren Schirmherr der jeweilige Bundespräsident ist, mit dem Bundespostministerium und den Vertretern der Philatelie bis hin zum Bundespräsidialamt. Die Wohlfahrtsmarken haben unter seiner Geschäftsführung eine erhebliche Verbreitung erfahren zugunsten unzähliger benachteiligter Menschen.

Das lange schwere, mit großer Tapferkeit getragene Leiden, hat diesem aktiven Leben eine letzte Reifung gegeben. Umgeben von der helfenden Liebe seiner Frau und der Familie hat Kurt Schneider am 22. Mai 1999 in Freiburg sein Leben seinem Herrn zurückgegeben.

Aus der Ansprache von Dr. Georg Hüssler bei der Beerdigung in Freiburg am 28. Mai 1999.


Jahrgang 7/2000 Seite 67



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