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Berichte Heft 1 Jg 7/2000

„Mount Zion Award“ an einen jüdischen und einen drusischen Israeli

Am 28. Oktober 1999 fand in der Benediktinerabtei Hagia Maria Sion (Dormitio) auf dem Berg Zion in Jerusalem die Verleihung des „Mount Zion Award“ statt. Dieser „Versöhnungspreis“ wird seit 1987 alle zwei Jahre verliehen. Der 28. Oktober wurde als Termin für die Preisverleihung gewählt, weil an diesem Tag des Jahres 1965 vom Zweiten Vatikanischen Konzil die „Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen ,Nostra aetate‘“ veröffentlicht wurde. Mit dieser aufsehenerregenden Erklärung hat die katholische Kirche eine neue, von Hochachtung geprägte Sicht auf das Judentum, den Islam und die anderen Religionen gefunden. Der Stifter des Preises ist der 1996 verstorbene katholische Seelsorger Wilhelm Salberg aus Essen (vgl. FrRu 4[1997] 156). Präsident des derzeitigen Stiftungsrates (Kuratorium) ist der Abt der Dormitio Abtei, P Benedikt Lindemann OSB; Vizepräsident ist Prof Dr. Clemens Thoma, Leiter des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung an der Universitären Hochschule Luzern und Hauptschriftleiter des Freiburger Rundbriefs. Die weiteren Kuratoriumsmitglieder sind: Ilma Lambrecht, Essen, Dr. Gershon Baskin, israelischer Direktor des Israel/Palestine Center für Research and Information und Dozent Dr. Michael Bongardt, Direktor der theologischen Lehranstalt Bet Josef in der Dormitio Abtei. Bisher wurden neun Personen (Juden, Christen und Muslime) mit dem Mount Zion Award ausgezeichnet. Die Preisträger des Jahres 1999 sind Shmuel Toledano und Ass‘ad Araidy.

Shmuel Toledano wurde 1924 in Tiberias geboren. Er stammt aus einer berühmten sefardischen Rabbinerfamilie. Schon als 22jähriger war er im Geheimdienst der Hagana (arabische Sektion) tätig. 1948-1954 war er Major im Geheimdienst der israelischen Armee. Danach (1955-1965) stand er im Dienste des MOSSAD. Dort setzte er sich besonders für die Alijah von 90 000 Juden aus Marokko und die Aufspürung von Nazi-Verbrechern ein. 1966-1976 war Toledano Regierungsberater für arabische Angelegenheiten. Als solcher diente er unter Levi Eschkol, Golda Meir und Itzhak Rabin. Während seiner Dienstzeit wurde die Militärregierung in den arabischen Teilen Israels abgeschafft und eine liberalere Politik eingeführt. 1977-1981 war Shmuel Toledano Knesset-Abgeordneter und Verantwortlicher der staatlichen Kontrollinstanz. 1982-1984 stand er freiwillig als Direktor der Interfaith Association zur Verfügung. In dieser Position erhielt er auch den „Gabriel Stern Memorial Prize“ vom Martin-Buber-Institut der Hebräischen Universität Jerusalem wegen seines „energischen Einsatzes zur Förderung von Frieden und Koexistenz“. Seit 1984 hält er Vorträge zur jüdisch-arabischen Koexistenz und damit über Möglichkeiten des Friedens in Israel, zwischen Israelis, Palästinensern, Syrern und anderen Völkern des Nahen Ostens. Er spricht in diesen Vorträgen israelische Soldaten, Politiker und die Bevölkerung überhaupt auf freiwilliger Basis an. Zwischen 1991-1993 legte er wiederholt einen „Stufen-Friedensplan“ vor. Seit 1994 ist er Direktoriumsmitglied im „Rat für Frieden und Sicherheit“. In Shmuel Toledano wird ein israelischer Friedenspolitiker ausgezeichnet, der dem politischen, menschlichen und religiösen Frieden in Israel in wirkungsvoller Weise seine eigene Existenz, seine Intelligenz und seine Kräfte zur Verfügung stellt.

Ass‘ad Araidy gehört der Religionsgemeinschaft der Drusen an und ist seit 1993 Bürgermeister des galiläischen Dorfes Maghar. 57% der Bevölkerung von Maghar sind Drusen, 22,8% Christen und 19,5% Muslime. Neben seinen Ämtern als Bürgermeister und Direktor der staatlichen Schule von Maghar ist er Beauftragter für das Erziehungswesen der Drusen in Israel. 1982-1989 war Ass‘ad Araidy Offizier in der israelischen Armee. Viele Jahre war er Rektor der Schule „Achwa Yarka“ in Misada in Ramat ha-Golan. Entscheidend für seine vielfältigen und organisatorisch perfekten Tätigkeiten war seine gründliche Ausbildung. 1962 erhielt er das Lehrerdiplom im staatlichen Lehrerseminar in Hadassim. 1974 erlangte er den Bakkalaureus (BA) an der Bar Ilan Universität und 1996 den Magistertitel (MA) an der Universität Haifa. Ass‘ad Araidy hat sich in Maghar und in weiten Teilen Galiläas einen guten Namen gemacht, weil er mit Juden, Drusen, Muslimen und Christen ausgezeichnet zusammenarbeitet. Sein Mitarbeiter- und Mitarbeiterinnenstab setzt sich aus diesen Gruppen zusammen. Mit seinen Friedensbemühungen zwischen den verschiedenen Glaubensgemeinschaften dient er in exemplarischer Weise auch dem Frieden zwischen den Völkern und Staaten des Nahen Ostens.

Entsprechend dem von der Kommission des Mount Zion Award verfügten Brauch, daß die vorausgehenden Preisträger jeweils die Laudatio für die neuen Preisträger halten, hat Yizhak Frankental, Träger des 1997 Mount Zion Award und Direktor von Oz we-Schalom und von Netivot Schalom, Leben und Wirken von Ass‘ad Araidy gewürdigt. Die palästinensische Universitätsprofessorin Sumaya Farhat-Naser hielt die Laudatio für Shmuel Toledano.


Christliche Frauen im Widerstehen gegen den Nationalsozialismus.
Eine Ausstellung im Frauen-KZ Ravensbrück

Eine abfällige Bemerkung über Hitler oder Zweifel am Sieg der deutschen Truppen reichten in den Ohren der Nazis bereits aus, um Frauen als sogenannte Schutzhäftlinge festzunehmen und für lange Zeit in das ausschließlich für Frauen eingerichtete KZ Ravensbrück in Mecklenburg zu bringen. Noch gefährlicher waren Kontakte zu deutschen Widerstandsgruppen und aktive Hilfe für jüdische Mitbürger. Diese Gruppe deutscher christlicher Frauen aus den christlichen Kirchen im Widerstehen und im Widerstand, die in Ravensbrück inhaftiert war, ist bislang wenig erforscht. Pfarrerin Gerlind Schwöbel, Frankfurt, und Elisabeth Prégardier, Oberhausen, Vorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes im Bistum Essen, begegneten sich erstmals im Dezember 1991. Vom ersten Erfahrungsaustausch über ihre Nachforschungen zum Lebensschicksal dieser Frauen stand für beide eine zukünftig enge Zusammenarbeit fest. Die weithin unbekannten tapferen Glaubenszeuginnen sollten in der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. In Kooperation mit der Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Dr. Sigrid Jacobeit, sowie dem Förderverein Internationale Frauenbegegnungsstätte Ravensbrück und mit Unterstützung durch das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend kam eine Ausstellung zustande, die am 18. Oktober 1998 in Anwesenheit von Bischöfin Maria Jepsen (Hamburg) und DDr. Hanna-Renate Laurien (Berlin) im Zellenbau des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers eröffnet wurde. 100 Frauenschicksale aus Deutschland, Polen, den Niederlanden und Slowenien, nur 100 Lebensbilder von ca. 132 000 Frauen aus fast allen europäischen Ländern, die im KZ Ravensbrück gelitten haben, kommen in Vitrinen und Dokumentationsmappen zur Darstellung. Die Zahl der Todesopfer steht nicht genau fest. Es wird angenommen, daß 40 000 Frauen umgekommen sind.

Die Ausstellung schloß am 26. September 1999 im Gedenken an den 99. Geburtstag von Dr. Gertrud Luckner, der Gründerin des Freiburger Rundbriefs, um als Wanderausstellung durch die Bundesrepublik zu gehen. „Sie bedarf nicht unseres Rühmens — aber wir bedürfen ihres Vorbildes“, so lautete das Motto der Gedenkstunde. Mit Gertrud Luckner wurde insbesondere jener Frauen gedacht, die mit dem Risiko des eigenen Lebens jüdische Personen und Familien unterstützt, versteckt und ihnen zur Ausreise oder Flucht verholfen haben. Als Katholikin der Verhaftung stets nahe war Dr. Margarete Sommer, die im „Hilfswerk des Bischöflichen Ordinariats Berlin“ für verfolgte Juden arbeitete. Erst nach Fertigstellung der Ausstellung wurde die Dokumentation zu weiteren Frauenschicksalen zugänglich.

Elisabeth Prégardier

Die Ausstellung ist dokumentiert in der Begleitbroschüre Christliche Frauen im Widerstehen gegen den Nationalsozialismus. Häftlinge im Frauen-KZ Ravensbrück 1939 bis 1945. Internationale Frauenbegegnungsstätte Ravensbrück (Hg.), Mon‘s Verlag, Berlin 2/1999.


Jüdisches Leben in Franken: Das Jüdische Museum in Fürth

Eine grünlich-milchige Glassäule, die bis übers dritte Stockwerk des denkmalgeschützten Hauses in der Fürther Innenstadt aufragt, weist auf das „Jüdische Museum Franken“ hin. Zusammen mit seiner bereits 1996 eröffneten Außenstelle in Schnaittach, die in der 1570 errichteten Synagoge mit Rabbinerhaus untergebracht ist, zählt es neben ähnlichen Einrichtungen in Berlin und Frankfurt am Main zu den bedeutenden jüdischen Museen in Deutschland.

Die jüdische Geschichte von Fürth begann 1528, als der Markgraf von Ansbach zwei Juden erlaubte, sich in dem Marktflecken niederzulassen. 1617 wurde die erste Synagoge errichtet; weitere Bethäuser, eine Talmud-Schule, Krankenhäuser und hebräische Druckereien folgten. Sabbatai Scheftel Horowitz (1632-1698) schrieb 1653, Fürth sei zwar eine kleine Stadt, „in meinen Augen aber groß wie Antiochia, da sich dort hervorragende, scharfsinnige und wissenskundige Gelehrte befinden“. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war ein Viertel der Einwohner Fürths jüdischen Glaubens. Bis in unser Jahrhundert hat die Stadt vom Unternehmergeist wie von der Stifterfreudigkeit und Wohltätigkeit ihrer jüdischen Bürger profitiert. Nach der Zerstörung der Fürther Synagoge und der übrigen Bethäuser im November-Pogrom von 1938 wurden mehr als 900 Fürther Juden Opfer der Schoa.

Das heutige Museum, zu Beginn des 18. Jahrhunderts als jüdisches Bürgerhaus dreigeschossig ausgebaut, ist ein Dokument jüdischen Lebens. Es besitzt in achteinhalb Meter Tiefe unter dem Straßenniveau ein Ritualbad, das mit Grundwasser gespeist wird, und im obersten Stock des Nebengebäudes eine Laubhütte mit aufklappbarem Dach. Ähnliche Glassäulen wie die vor dem Museum prägen auch das Innere. Sie reichen jeweils vom Boden bis zur Decke, tragen in Blickhöhe das Leitobjekt des Raumes und dienen als Beleuchtungssäule für die in den Wandvitrinen untergebrachten Gegenstände. Museumsleiter Bernhard Purin hat die Präsentation nach 17 historischen Themenkreisen geordnet. Bedeutendstes Ausstellungsstück ist das „Wiener Memorbuch der Fürther Klaus-Synagoge“, das von 1633 bis 1932 geführt wurde. Es wurde in einer der Synagogen des 1624 errichteten Wiener Gettos begonnen und gelangte mit der Familie Fränkel nach Fürth, als Kaiser Leopold I. im Jahr 1670 die Vertreibung der Juden aus Wien befahl. Außerdem besitzt das Museum zwei von insgesamt acht weltweit erhaltenen Tora-Kronen, die im 18. Jahrhundert in Nürnberg angefertigt wurden.

Nicht unbeträchtlich unter den Exponaten ist der Anteil der Sammlungen. Die „Sammlung Gundelfinger“ besteht aus Ritualgegenständen aus Synagoge und Haus sowie Fürther Drucken aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert. Großer Wert wurde auf den Kommunikationsbereich gelegt: jüdische Wochen- und Monatszeitschriften, Bücher zum Judentum und ein Seminarraum für Vorträge und Workshops.

Gerhard Reifert


Jugendpreis für Schülerabeit über das Judentum

Die Klasse 7 B des Liselotte-Gymnasiums in Mannheim erhielt beim Wettbewerb über „Die Bedeutung der jüdischen Kultur für die Stadt Mannheim — Gestern und Heute“ den Jugendpreis 1998 der Stadt Mannheim. Als Teil der Projektarbeit führten die Schülerlinnen auch Interviews mit OSTR i. R. Friedel Staubach (ab 1932 Schülerin des Liselotte-Gymnasiums) und mit ihrer jüdischen Mitschülerin Miriam Marhöfer. In der erstellten ansprechenden Publikation „Der Beitrag jüdischer Bürger beim Aufbau der Höheren Mädchenbildung in Mannheim“ wird das Gründungsdatum der „Privaten Töchterschule“ (19. Mai 1863) festgehalten und dargelegt, daß die Initiative zur Gründung der Schule vom Synagogenrat ausging. Vorsitzender des Aufsichtsrats war der angesehene Jurist Leopold Ladenburg (1809-1889). Der Anteil der jüdischen Schülerinnen betrug 53%, der evangelischen 27,5% und der katholischen 11,4%. Nach der Übernahme der Schule durch die Stadt Mannheim 1898 verstärkte sich der Zulauf derart, daß sie geteilt werden mußte. Die ab 1911 so benannte Liselotteschule (nach Liselotte von der Pfalz) wies immer noch ein Viertel als jüdische Schülerinnen auf (216 zur Gesamtzahl von 850). Eine aufschlußreiche Bestimmung der „Schulgesetze der Liselotteschule“ lautete: „Israelitische Schülerinnen können auf Wunsch ihrer Eltern an Sabbaten und Festen vom Schreiben, Zeichnen und Handarbeiten befreit werden.“ Der jüdische Religionsunterricht schrieb die Biblische Geschichte von der Schöpfung bis Nehemia vor, die Geschichte von der mazedonischen Herrschaft bis zum Abschluß des Talmud sowie die Feier der Festtage, die Gebote und Pflichten. Dazu kamen Themen wie Gottes Wesen, Offenbarung und Messiasreich, Unsterblichkeit, die Psalmen, Geschichte des Judentums vom 10.-15. Jh. und Texte aus Jesaja. Die jüdischen Schülerinnen wurden auch gewissenhaft auf ihre Aufgabe als Vorsteherin eines jüdischen Haushaltes vorbereitet.

Schüler/innen des Liselotte-Gymnasiums mit (von l. n. r.) Elisabeth Heinrich (Jüdische Gemeinde), Richard Dietmann (Sparkasse) und Bürgermeister Lothar Mark. Foto: Tröster

Die Schülerarbeit untersuchte auch die Frage, warum das besondere Interesse jüdischer Familien damals gerade der Liselotteschule galt: die Studienwünsche jüdischer Mädchen gingen auf Medizin, Nationalökonomie (Volkswirtschaftslehre) und Jura. Mit Beginn der zwanziger Jahre sank der Anteil jüdischer Schülerinnen auf nahe 10%. Die unglückselige Nazizeit brachte einen „Abschied in Raten“, kaschiert als „Austritt“. So waren zur Zeit des Reichserlasses (15.11.1938), der jüdische Schülerinnen und Schüler generell vom Besuch einer Höheren Schule ausschloß, nur noch vier jüdische Schülerinnen an der Schule. Die Leistung der Klasse 7 B, im Rahmen eines Unterrichtsprojektes (kath. Religion) sich und anderen die Vergangenheit zu vergegenwärtigen und besonders den Beitrag jüdischer Mitbürger/innen zum Wohl aller Bewohner Mannheims aufzuzeigen, ist exemplarisch und — wie die Auszeichnung beweist — hervorragend gelungen.

Alwin Renker


„Achtung vor dem Namen des Ewigen“ — ein Antrag

In den Beiträgen dieses Heftes haben wir bewußt das Tetragramm (JHWH) durch „Der Ewige“ ersetzt. Die Italienische Bischofskonferenz hatte bereits bei der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Graz (1997) einen entsprechenden Antrag eingebracht, vorgelegt von Pfarrer Holger Banse, Hamm/Sieg. Wir bringen den Antrag in Auszügen.

Solange der Tempel bestand, wurde der Name Gottes JHWH nur einmal im Jahr — am Versöhnungstag bei der Segnung des Volkes durch die Priester — ausgesprochen. Respekt und Ehrfurcht verboten den Gebrauch dieses Namens im profanen Bereich. Dieses Verbot gilt auch für den Synagogen-Gottesdienst. Im ,Sein‘ offenbarte sich Gott im Wandel der Geschichte der Menschen als DER EWIGE, als der Bleibende. Die geheimnisvolle Einheit des Namens ,Ich bin‘ (Ex 3,14) offenbarte gleichnishaft auch das Eins- und Einzigsein Gottes selbst. Die Menschen der Bibel haben vermieden, dieses Geheimnis und seine Symbolik in einen Begriff einzuschließen, der zu einer Dogmatisierung hätte verleiten können. Auch die Septuaginta beließ das Wort vom Namen Gottes in seiner ganzen Erhabenheit. Sie interpretierte das Wort JHWH als „kyrios“ (der Herr) oder „aionios“ (der Ewige).

Heute wird in Bibelübersetzungen, wissenschaftlichen Abhandlungen, in Liturgie und Katechese häufig der Name Gottes acht- und gedankenlos in Form des Tetragramms wiedergegeben und ausgesprochen. Man muß sich fragen: Wird damit nicht das Erhabenste zur Alltäglichkeit verwandelt, das Charakteristische dieses namenlosen Namens zum diskutierbaren Begriff gedeutet, der Gott vergleichbar macht, der sein Ein- und Einzigsein verwischt? Büßt nicht hierdurch das Wort der Heiligen Schrift sein Eigentliches ein? Wenn die gelegentliche schriftliche Verwendung des Tetragramms dennoch unumgänglich scheint, so sollte es zumindest nicht ausgesprochen, sondern, wie im jüdischen Gottesdienst, im gesprochenen Wort durch „Adonai“ ersetzt werden. Calvin und Franz Rosenzweig versuchten den Namen Gottes durch „Der Ewige“ zu ersetzen. Christlicher Glaube ist durch sein Bekenntnis zu Jesus, dem Juden, untrennbar mit jüdischem Glauben, mit jüdischer Theologie und Tradition verbunden. Eines der Charakteristika dieser Tradition ist die Ehrfurcht vor dem Namen Gottes. Wenn Christen sich dieser Ehrfurcht anschließen, wird der Versöhnung zwischen Juden und Christen ein weiterer positiver Schritt nach vorn gelingen.


„Einsame Wölfe“ — antisemitische Anschläge in den USA

Rechtsradikale Extremisten in Amerika haben gelernt, daß es keiner Massenbewegung bedarf, um ihre Judenfeindschaft effektiv auszudrücken. Die Schießerei eines Neonazis auf Kinder und ihre Betreuer im jüdischen Gemeindezentrum in Los Angeles hat viele Juden in Furcht versetzt. „Dieser Vorfall war nicht nur eine Tat des Hasses, sondern ein Terrorakt,“ sagte Rabbiner Abraham Cooper vom Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles. Die Brandstiftungen an drei Synagogen in Sacramento (vgl. FrRu 6[1999]315), die Entdeckung einer schwarzen Liste mit den Namen führender Männer und Frauen der kalifornischen jüdischen Gemeinden, die Schießerei in einem orthodox-jüdischen Stadtteil Chicagos, der Angriff auf das jüdische Gemeindezentrum in Granada Hills und eine Reihe anderer antisemitischer Vorfälle haben die jüdischen Gemeinden terrorisiert wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Noch mehr Verstörung hat die Erklärung eines Kriminellen bewirkt, er wolle „Amerika aufrufen, die Juden umzubringen“.

Experten behaupten, daß es sich bei den Angriffen um führerlose Einzelne handelt, die als „einsame Wölfe“ die Haßpropaganda rechtsradikaler Gruppen in die Tat umsetzen. In diese Richtung deuten auch verbale Angriffe auf Minoritäten. In einem Brief wurde die tödliche Schießerei des Benjamin Nathanael Smith in Illinois und Indiana am 4. Juli 1999 als „Auftakt zu einem internationalen arischen Commonwealth“ und Smith selbst als „Märtyrer“ bezeichnet. „Ihr werdet nie wissen, wo wir plötzlich auftauchen,“ hieß es in dem Brief. „Wir sind auf jeder Ebene der Gesellschaft vertreten, und unsere Zahl verstärkt sich täglich um das Zehnfache.“ Der Brief ist unterschrieben mit „Arisch und stolz darauf“. Die Zunahme an antisemitischen Ausfällen hat allerdings auch eine bisher unbekannte Solidarität hervorgerufen. Wie nie zuvor haben Christen den jüdischen Gemeinden beigestanden. Nichts könnte die Auswirkungen des christlich-jüdischen Dialogs in Nordamerika deutlicher machen.

Fritz Voll


Jahrgang 7/2000 Seite 64



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