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Zuckermann, Moshe

Gedenken und Kulturindustrie

Philo Verlag, Boden-heim 1999. 127 Seiten.

Reichel, Peter

Politik mit der Erinnerung

Carl Hanser Verlag, München 1995. 387 Seiten.

Seit einiger Zeit überfluten Bücher über Gedächtnis und Erinnerung den Buchmarkt. Dem zynischen Beobachter scheint es, als habe ein Sachbuchtitel ohne eines dieser Zauberworte keine Chance, verlegt zu werden. Die Gründe für diese Hochkonjunktur der Erinnerungsthematik hat der Ägyptologe Jan Assmann in seinem Buch „Das kulturelle Gedächtnis“ (1992) genannt. Zum einen liegt es an den elektronischen Medien, die ein künstliches Gedächtnis hervorbringen, zum anderen an der Erkenntnis, daß eine Tradition ihrem Ende näherrückt. George Steiner hat in diesem Zusammenhang von der „Nach-Kultur“ gesprochen. Nicht zuletzt ist es aber auch die Tatsache, daß sich die Generation der Zeitzeugen der Schoa (ganz gleich ob Opfer, Täter, Mitläufer oder Zuschauer), des schwersten Verbrechens in den Annalen der Menschheitsgeschichte, von uns verabschiedet. In der akademischen Sprache und auch im modischen Jargon finden sich vermehrt neue Wortschöpfungen wie Erinnerungsstrategien und Erinnerungsträger, Erinnerungsmedien und Erinnerungsvirtuosen und nicht zuletzt der Begriff der Erinnerungsorte. Einer der Vorreiter auf diesem Gebiet war der mittlerweile oft zitierte jüdische Soziologe Maurice Halbwachs, der kurz vor Kriegsende (März 1945) im Konzentrationslager Buchenwald umgebracht wurde.

In seinem jüngsten Buch „Gedenken und Kulturindustrie“ setzt sich der israelische Historiker Moshe Zuckermann mit der Erinnerungsstrategie in Deutschland, mit dem „Zeitgeist“, wie er es nennt, auseinander. Das Buch ist während eines längeren Aufenthalts in Berlin entstanden. Zweifellos profitiert Zuckermann von seiner externen Position als ein aufmerksamer und kritischer Beobachter der deutschen Szene. Er reflektiert über drei Reden, die seiner Meinung nach symptomatisch sind für die Veränderungen in der Denkweise vieler Deutscher über das Dritte Reich, den Holocaust und die damit verbundenen Fragen nach dem historischen und politischen Bewußtsein und der Verantwortung. Zuerst behandelt Zuckermann ausführlich Martin Walsers umstrittene Friedenspreisrede. Er interpretiert sie minutiös und versucht, auch den Subtext dieser Rede zu deuten und zu zeigen, daß der Wunsch vieler Deutscher, ein „normales Volk“ zu sein, die „Normalität“ als Ideologie zu verfestigen, äußerst fragwürdig und beängstigend ist. Walser sprach vielen Bundesdeutschen aus dem Herzen, als er andeutete, er wolle nicht mehr belästigt werden. Wenngleich einige Kritiker ihm vielleicht auch Unrecht getan haben, indem sie, wie Walser stets behauptete, seine Absichten mißverstanden und falsch deuteten, so blieb doch ein tiefes Unbehagen zurück. Dazu Zuckermann: „Bei einem so durchdachten und sprachgewaltigen Schriftsteller wie Walser durfte man sich da schon fragen, ob das Nebulöse nicht vielleicht doch etwas bewußt zuließ, was der Literat späterhin, als die Debatte entflammt war und das ursprünglich Gesagte im Sumpf sich stetig häufender Kommentare, Interpretationen und Stellungnahmen der zweiten, dritten und vierten Ableitung versank, brüsk von sich wies“ (15).

Als zweites Beispiel für den herrschenden „Zeitgeist“ befaßt sich Zuckermann mit dem Vortrag, den der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler Ende 1998 zu dem brisanten Thema „Nationalsozialismus und deutsche Historiker“ in Berlin hielt. Zuckermann sieht diesen Vortrag als eine Rechtfertigungsschrift für die Historikerzunft und für Wehlers Mentor Theodor Schieder. Deutsche Historiker wie Schieder und Werner Conze unterstrichen die Tatsache, daß es die sogenannte „Stunde Null“ nicht gegeben habe und daß das Erbe der Zeit vor 1945 weiter wirke. Das deutsche akademische Milieu habe wenig Zivilcourage gezeigt, und gerade die Historiker, deren Zuständigkeit für die Aufbewahrung und Aufarbeitung der Erinnerung niemand bestreite, seien nicht nur durch das System vereinnahmt worden, sondern hätten ihre Mitarbeit freiwillig angeboten. „Was bringt Wehler dazu, im Jahre 1998 in aller Öffentlichkeit einen Ex-Nazi zu rechtfertigen?“ fragt Zuckermann. Sein Fazit: „Man darf heute in Deutschland so reden, ohne einen allzu gewaltigen Tabubruch begangen zu haben.“ Und weiter: „Wehler kann — einen ,schmerzhaften Spagat vollführend‘ — der ,Gerechtigkeit‘ für einen Ex-Nazi das Wort reden“ (60).

Daß ehemalige Linksliberale wie Walser und Wehler eine zentrale Rolle in dem veränderten Bezug zur Vergangenheit spielen, beweist für Zuckermann auch die Rede „Über die gutmütigen Deutschen“ von Hans Magnus Enzensberger Ende 1998 in Düsseldorf. Zuckermann fragt, was „adäquate Trauerarbeit“ ist, wie sie sich gestaltet und ob man dem Holocaust künstlerisch begegnen kann. Er konstatiert u. a. die Eigendynamik des Diskurses, in dem die eigentliche Erinnerung verlorengeht, und den Versuch der ,Entsorgung‘ des Vergangenen. Am Ende steht seine Behauptung, daß „Deutschland in (vorläufiger) letzter Rechnung als einziger wirklicher Sieger aus der von ihm verursachten Weltkatastrophe hervorgegangen ist“ (126).

Auf die Gefahren, die in einer politisch gesteuerten Erinnerungskultur latent sind, deutete bereits Peter Reichel in seinem eindrucksvollen Buch „Politik mit der Erinnerung“ hin. In seinem Vorwort zitiert er den ungarischen Schriftsteller und Schoa-Überlebenden Imre Kertész, der einerseits von der „Angst vor dem Vergessen“, andererseits von der Verwandlung des Holocaust in eine „Subkultur“ sprach. Die theoretische Auseinandersetzung mit den Arbeiten von Maurice Halbwachs, Pierre Nora („lieux de mémoire“) und Walter Benjamin wie auch mit den provokanten Äußerungen eines Hermann Lübbe („nicht vergessen, aber einiges ausgeheilt“) oder eines Ernst Nolte begleiten den Hamburger Zeithistoriker und Politologen auf seiner Reise durch die deutsche Erinnerungslandschaft. Sein Augenmerk richtet sich auf authentische Orte des Schreckens sowie auch auf symbolträchtige Orte des Erinnerns, z. B. Gedächtniskirchen. Den Erinnerungsstätten in Berlin widmet Reichel ein eigenes Kapitel: „Die Hauptstadt als zentraler Gedächtnisort“. Neben Orten, die „umfunktionalisiert“ und „ästhetisiert“ worden sind, wie z. B. die Wannsee-Villa, zeugen auch Synagogen und Bahnhöfe von der Ausrottungsstrategie der Nazis. Der jüdische Friedhof Weißensee wird als ein Monument der gescheiterten Assimilation der deutschen Juden dargestellt. Nach Reichel weist dagegen die Debatte über die Neue Wache die verschiedenen Bezüge der Deutschen zu ihrer eigenen Geschichte auf. Da das Buch bereits 1995 erschienen ist, spielt die Debatte um das Denkmal für die ermordeten Juden in der alten Hauptstadt nur eine marginale Rolle, wenngleich diese Diskussion, wie wir inzwischen wissen, seismographisch ist für die Veränderungen im „Zeitgeist“ (um mit Zuckermann zu sprechen). Schließlich untersucht Reichel die Funktion der Gedenktage als „kalendarische Erinnerung“: den 8. Mai als Tag der Befreiung und des Zusammenbruchs, den 20. Juli als „Zweierlei Widerstand im geteilten Deutschland“ oder den 9. November, samt seinen komplexen historischen ,Schichten‘ und der damit verbundenen vielfältigen Symbolik. Alle diese Gedächtnisorte und offiziellen Gedenktage seien Signale einer Gesellschaft, die sich zu erinnern sucht, zu ehren, feiern oder zu mahnen, auch wenn diese Erinnerungsannäherung oft von Konflikten, Kontroversen oder antagonistischen Vorfällen begleitet werden.

Anat Feinberg


Jahrgang 7/2000 Seite 61



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