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Shalev, Meir

Judiths Liebe

Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Diogenes, Zürich 1998. 396 Seiten.

Wie bereits in seinen ersten beiden Romanen, Der russische Roman und Esaus Kuß (vgl. FrRu 2[1995]6-11), beleuchtet Meir Shalev auch hier das Leben einer Gruppe von Menschen in Erez Israel in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Judiths Liebe ist die Lebensgeschichte der anmutigen Judith, einer einfachen Haushälterin in einem kleinen Dorf der Jesreelebene, erzählt aus der Perspektive ihres Sohnes, des Ich-Erzählers Sejde: „Einst wohnte dort eine Frau, lachte und träumte, arbeitete und weinte und brachte mich dort in ihre Welt. Das ist eigentlich die ganze Geschichte.“ Dieses simple Resümee steht in ironischem Gegensatz zur kunstvollen Struktur des Romans, dessen vier Teile nach vier Mahlzeiten gegliedert sind, welche Judiths Lebensgeschichte in einem spannungsvollen Bogen zum Höhepunkt führen. Die wiederkehrenden Leitmotive und zahlreichen Nebengeschichten sind die raffinierten Zutaten, die den Speisen — sprich der Hauptgeschichte — erst zu ihrer vollen Entfaltung und Vollendung verhelfen. Der hebräische Originaltitel des Romans „Kejamim achadim“ (Wie ein paar Tage) ist ein Zitat aus Genesis 29,20, das vom Werben des Erzvaters Jakob um Rahel erzählt: „Und Jakob diente um Rahel sieben Jahre, und sie kamen ihm vor wie ein paar Tage, so lieb hatte er sie.“ Da dieses Zitat bei einem deutschsprachigen Publikum wohl kaum die intendierte Assoziation weckt, ist der deutsche Titel ,Judiths Liebe“ zweifellos sinnvoller, weil sich Judiths Lebensgeschichte vor allem als Liebesgeschichte zu den drei Vätern Sejdes erweist, denn wer Sejdes Vater ist, bleibt das Rätsel des Romans. Ist es der Bauer Mosche Rabinowitz, von dem Sejde das blonde Haar geerbt hat, oder der Vogelzüchter Jakob Scheinfeld, dessen hängende Schultern Sejde trägt, oder ist es der Viehhändler Globermann, welcher Sejde seine riesigen Füße vermacht hat? In Einklang mit dem deutschen Titel entsteht in dieser Verstrickung der Beziehungen ein differenziertes Bild der Liebe, das von den derben Sprüchen des Viehhändlers Globermann bis zu den poetischen Liebesregeln des empfindsamen Jakob Scheinfeld alle Farbnuancen aufweist, und das schließlich gerade diese Liebesregeln widerlegt, denn — so die Folgerung — die Liebe folgt keinen Regeln. Die drei Väter erwecken die Assoziation mit den Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob. Die expliziten Parallelen zwischen Jakob Scheinfelds Liebe zu Judith und der Liebe des Erzvaters Jakob zu Rahel bestärken diese biblischen Obertöne in Shalevs Roman. Allerdings sind die biblischen Elemente in freiesten Variationen in den Roman eingearbeitet und damit typisch für den Autor, der sich selber als Atheist mit einer engen Bindung zur Bibel als jüdischem Kulturgut bezeichnet. Doch welcher Vater ist nun der richtige Vater? Mit dieser offenen Frage führt der Erzähler den Leser, die Leserin am Gängelband durch einen Roman, in dem es neben einem spannenden Plot eine Fülle literarischer Kostbarkeiten zu entdecken gibt: eine nuancierte Metasprache, originelle Reflexionen zur Dimension Zeit, einen überbordenden Bilderreichtum, differenzierte Naturbeobachtungen, und nicht zuletzt auch zahlreiche symbolträchtige Details wie etwa die Frage, warum ein kleiner Junge einen so seltsamen Namen wie Sejde (jiddisch: „Großvater“) tragen kann.

Gabrielle Oberhänsli-Widmer


Jahrgang 7/2000 Seite 59



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