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Lustiger, Arno

Rotbuch

Stalin und die Juden. Aufbau-Verlag, Berlin 1998 429 Seiten.

„Lies keine Geschichtswerke, nur Biographien, denn das ist Leben ohne Theorie.“ Diesen Satz von Benjamin Disraeli (303) hat sich Arno Lustiger zum Motto und zur Methode gemacht bei seinem Vorhaben, die Geschichte der Sowjetunion und der sowjetischen Juden neu zu schreiben. Entsprechend will seine nach jahrzehntelangem Quellenstudium zusammengetragene Sammlung von Kurzporträts im letzten Teil dieses Bandes weit mehr sein als ein Anhang: hier werden Menschen als Objekte und Subjekte der historischen Ereignisse zurückgeholt in die lebendige Geschichte. Bei seiner Darstellung des dramatischen Schicksals der Juden im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion vom Anfang bis in unsere Tage hinein weiß sich Arno Lustiger — gebürtiger Pole, Überlebender von Auschwitz und Buchenwald, seit 1945 Publizist in Frankfurt/M. — in erster Linie den Lebensgeschichten der Menschen verpflichtet.

Im Mittelpunkt von Lustigers Ausführungen stehen die wechselvolle Geschichte des Jüdischen Antifaschistischen Komitees (JAFK) von dessen Anfängen über die Blütezeit bis zu seiner Liquidierung sowie der gescheiterte Versuch der Herausgabe eines Schwarzbuches, einer Dokumentation von Verfolgungen, Leiden und patriotischen Heldentaten sowjetischer Juden während des Naziterrors. Autonome jüdische Interessen hat die Sowjetmacht grundsätzlich nie akzeptiert. Auch Phasen scheinbar größerer Liberalität wie in den zwanziger Jahren erweisen sich im Gesamtzusammenhang betrachtet letztlich als „repressive Toleranz“. Gewisse Freiräume wie etwa der Aufbau eines autonomen jüdischen Gebietes ,Birobidshan‘ oder das zunächst sehr erfolgreiche JAFK offenbaren sich im Systemzusammenhang als Instrumentalisierung der Juden. Die russischen Marxisten haben wohl nie verwunden, daß sie in der Schuld jüdischer Revolutionäre standen. Einerseits gehörten Juden stets zur Avantgarde der Bewegung, andererseits sollte das „jüdische Element“ der Revolution in immer neuen Anläufen abgestoßen werden. So wurde der Bolschewismus bzw. Sowjetkommunismus unter Preisgabe des jüdisch-internationalistischen, kosmopolitischen Erbes verwandelt in eine russisch-imperiale Ideologie, die strukturelle Analogien aufweist zu einem Zarentum, zu dessen Überwindung man einst angetreten war.

Zarismus und Stalinismus richteten einen Illoyalitätsverdacht gegen die Juden. Den Machthabern und Organen beider Regime war die jiddische Nationalkultur, das Einheitsgefühl einer Bevölkerung, die kein eigenes Territorium besitzt, zutiefst suspekt. Die Feindschaft gegen die beiden nationalen Bewegungen der Juden, den ,Bund‘ und den Zionismus, blieb bis zum Ende der Sowjetunion eine der wenigen Konstanten der bolschewistischen Ideologie und Praxis. Dabei war der russische Antisemitismus nicht von der Rassenlehre gekennzeichnet, sondern von einer Phobie gegen assimilierte wie nationale Juden gleichermaßen. So ist denn auch die antijüdische Zuspitzung der späten Stalindiktatur nur aus dem Zusammenhang des totalitären Generalangriffs auf die Gesellschaft mit reaktivierten antisemitischen Traditionen der russischen Geschichte zu verstehen. Dabei bestand die tödliche Logik des Stalinismus darin, aus einer abweichenden Meinung die nahezu zwangsläufige Bereitschaft Andersdenkender zu Verbrechen herzuleiten. Antijüdische und antiwestliche Ressentiments fokussierten schließlich in dem Vorwurf, mit ihrer Abneigung gegen alles „echt Russische“ bildeten die Juden eine fünfte Kolonne des von den Amerikanern dominierten Westens.

Mit der zunehmenden Russifizierung der gesamten Sowjetunion trat in den dreißiger Jahren das wahre Wesen von Stalins Nationalitätenpolitik offen zutage. Mit der Vernichtung der staatsloyalen jüdischen Kultur und der Liquidierung auch treu ergebener Kommunisten jüdischer Herkunft mag sich in der Tat die Frage stellen: War Stalin zu einem zweiten Hitler geworden? Arno Lustiger gibt ein klares Nein. „Im Gegensatz zum allumfassenden Rassenwahn Hitlers, welcher in jedem Menschen mit jüdischem Blut einen Feind sah, der vernichtet werden mußte, wollte Stalin den jüdischen Nationalismus und den Kosmopolitismus ausrotten. Stalin wollte die jüdische Kultur und das Nationalbewußtsein der Juden vernichten, Hitler die Juden als Volk. Betrieb letzterer einen Genozid, so blieb erster auf der Stufe eines ,Kulturozids‘ mit mörderischen Mitteln stehen“ (298 f.).

Den antijüdischen Kampagnen in Stalins späten Jahren folgte nach dem Tod des Diktators nur eine kurze Phase der Erleichterung. Die Hoffnung auf eine Erneuerung der jüdischen Gemeinschaft erfüllte sich nicht; vielmehr sollte der regierungsamtliche Antisemitismus bis zum Ende der Sowjetunion kontinuierlich zunehmen. Erst die Perestroika brachte eine Wende. Allerdings wird nun die Freiheit von einer ebenso unbeschränkten Freiheit für antisemitische Aktivitäten begleitet. Gerade hier ist Lustigers Untersuchung besonders hilfreich: wenn es darum geht, die auch gegenwärtig wieder grassierenden vielfältigen Instrumentalisierungen des tiefsitzenden Antisemitismus in ihrem Sündenbock-Charakter zu durchschauen, in ihren Tiefendimensionen zu erkennen und derart gewappnet mit ihnen umzugehen.

Wieland Zademach


Jahrgang 7/2000 Seite 54



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