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Herrenalber Forum (19)

Leo Baeck — Zwischen Geheimnis und Gebot

Auf dem Weg zu einem progressiven Judentum der Moderne. Evangelischer Presseverband für Baden (secolo), Osnabrück 1997. 279 Seiten.

Der vorliegende Sammelband dokumentiert die Vorträge, die anläßlich des vierzigsten Todestages von Leo Baeck (1873-1956) beim Leo-Baeck-Symposium des Bertelsmann Verlags in München sowie auf Tagungen an den Evangelischen Akademien Baden und Berlin-Brandenburg 1996 und 1997 gehalten wurden. An diesen Veranstaltungen nahmen hervorragende Fachleute sowie Schüler und Weggefährten Leo Baecks teil. So konnte ein Buch entstehen, das sich neben Albert H. Friedlanders großer Biographie am ehesten für eine Einführung in das Leben und Werk eines der bedeutendsten Rabbiner unseres Jahrhunderts eignet. Der Band möchte dazu beitragen, daß Baeck endlich auch in seinem Denken mehr rezipiert wird. Die fünfzehn Beiträge sind in vier Abschnitte gegliedert: (1) Leben und Wirken, (2) Leo Baecks Denken, (3) sein Beitrag im christlich-jüdischen Dialog, (4) zwei Predigten während der Tagungen. Es fragt sich allerdings, ob der Untertitel, der Baeck auf dem Weg zu einem „progressiven“ Judentum der Moderne sieht, nicht allzu plakativ ist. Der Titel „Geheimnis und Gebot“ nimmt das Thema eines bedeutenden Aufsatzes von Leo Baeck aus den zwanziger Jahren auf. Dazu E. L. Ehrlich, selbst ein Schüler von Leo Baeck: „Um den Begriff des Gebots kreist das gesamte Denken Baecks ebenso wie um den des Geheimnisses. Er hat erkannt, daß jedes biblische Gebot unvollständig ist, jedes ,Du sollst‘ seinen eigentlichen Sinn verliert, wenn man den ihm nachfolgenden Satz nicht beachtet, der lautet: So spricht der Ewige. Die Ethik des Judentums hat ihre Wurzel in Gott. Das Judentum hört auf, wo sich der Mensch mit dem Geheimnis begnügt, gebotlose Religion ist nicht Judentum. Und ebenso wenig ist Judentum dort, wo sich das Gebot mit sich zufrieden gibt und es nur ,Gesetz‘ ist“ (32).

Ergreifend lesen sich die beiden sehr persönlich gehaltenen Artikel von Albert H. Friedlander, der zum einen Baecks Weg vom „Wesen“ (des Judentums) zur (jüdischen) „Existenz“ nachzeichnet und zum anderen, — ähnlich wie der Beitrag von Charlotte Guthmann Opfermann — auf Baecks Leben mit der Schoa in Theresienstadt eingeht. Hier wird ersichtlich, weshalb der große Gelehrte auch ein Mensch von so ergreifender Glaubwürdigkeit war. — Die Polaritäten seines Denkens zwischen Tradition und Fortschritt, liberalem und orthodoxem Judentum, zwischen neukantianischer und existentialistischer Philosophie, zwischen fairer Kritik am Christentum und stets wachsendem Verständnis für das Christentum werden von Jonathan Magonet, Esther Seidel und Walter Homolka herausgearbeitet. — Originell ist das von Werner Licharz erfundene fiktive Gespräch zwischen Adolf von Harnack, dem Verfasser der Schrift „Das Wesen des Christentums“ und Leo Baeck, dem Autor des Werkes „Das Wesen des Judentums“. In diesem Dialog kritisiert Baeck Harnacks falsche Sicht des Judentums und hält ihm ein Jesusbild entgegen, das ohne seine jüdische Herkunft überhaupt nicht verstanden werden kann. Man mag sich nicht ausdenken, wie sich das christlich-jüdische Verhältnis im 20. Jahrhundert entwickelt hätte, wenn ein solches Gespräch damals wirklich stattgefunden hätte. — Bertold Klappert analysiert ausführlich und kenntnisreich Baecks Schrift „Dieses Volk. Jüdische Existenz“ als Midrasch aus Theresienstadt und als Testament Baecks. Die weiteren Beiträge von Walter Jakob und Stefan Schreiner untersuchen Baecks Sicht der Evangelien, während Andreas Pangritz einen Vergleich mit Dietrich Bonhoeffer anstellt. Schließlich zeigt Ralf Koerrenz Perspektiven für den christlich-jüdischen Dialog im Anschluß an Leo Baeck.

In diesem Band leuchtet das Bild einer der großen Persönlichkeiten unserer Zeit auf. Leo Baecks Botschaft war nicht nur Lehre, er hat sie in noch höherem Maß in seinem Leben verkörpert.

Werner Trutwin


Jahrgang 7/2000 Seite 50



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