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Dichter, Wilhelm

Das Pferd Gottes

Aus dem Polnischen von Martin Pollack. Rowohlt, Berlin 1998. 314 Seiten.

Hier erzählt einer, der seine Kindheit nicht vergessen hat, der noch immer staunt, daß ein jüdisches Kind im nazibesetzten Polen überleben, die körperlichen Strapazen der Flucht und des Hungers ertragen kann, der eigentlich nichts verstand und dennoch ahnte, der den Verlust des verstorbenen Vaters so schmerzhaft spürte, vieles bloß registrierte, immer Angst hatte und doch sehr kindlich im Hören von Geschichten war. Der Bub Wilek überlebt mit seiner Mutter — irgendwie —, immer in Todesgefahr durch Verrat. Dann werden der Balkan und Polen von den Russen besetzt. Nun muß Wilek endlich in die Schule, immer wieder an einem anderen Ort. Zeitweise muß er russisch sprechen, aber auch die Lehrer können es nicht. Vor allem hat er Angst vor den Kindern, denn die sind grausam, schlimmer als die Großen. Der Antisemitismus steckt ihnen im Blut. Die Mutter heiratet einen Freund aus früherer Zeit. Er ist Ingenieur im Erdölbereich und Kommunist. Also hat es Wilek nun viel besser als andere Kinder, aber er ist wieder ausgegrenzt und fürchtet sich. Einmal findet er einen Freund — einen Hund; aber auch das bleibt nur eine Episode, wie alles in seinem jungen Leben. Die Geschichte vom „Pferd Gottes“ oder vom „Esel“, wie Wilek von seinem Stiefvater genannt wird, ist nicht kontinuierlich erzählt, denn kein Kind erlebt Kontinuität. Vielmehr gewinnen einzelne Ereignisse an Bedeutung. Kontinuierlich ist nur die Angst. Wilhelm Dichter erinnert sich an seine Kindheit, ohne den erfahrenen und wissenden Erwachsenen Regie führen zu lassen. Dieses Buch ist in mehrfacher Hinsicht ausgezeichnet: einmal die echte kindliche Atmosphäre, dann die kühle, mit fast unbeteiligtem Verstand wiedergegebene Welt des Nachkriegskommunismus in Polen und nicht zuletzt die Komposition des Buches.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 7/2000 Seite



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