Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 2000 > 758  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Ruth Ahl

Von Missionierung zum Dialog

150 Jahre Sionsschwestern

Die Sionsschwestern sind eine katholische Ordensgemeinschaft, die – nach einer Zeit des Wandels – heute ihre Hauptaufgabe im jüdisch-christlichen Dialog sowie in der entsprechenden Arbeit in der Erwachsenenbildung sieht. Seit 1965 geben sie die Zeitschrift SIDIC (Service International de Documentation Judéo-Chrétienne) in englisch und französisch heraus. Die Zeitschrift wurde auf Anregung mehrerer Teilnehmer des Zweiten Vatikanischen Konzils gegründet, um Nostra aetate Nr. 4 in das öffentliche Bewußtsein hineinzutragen. 1997 feierten die Schwestern das 150jährige Gründungsjubiläum.

„Das Werk Sions ist nur eine Vorbereitung auf die Wege Gottes.“ Dieses Wort von Théodore Ratisbonne (1812-1884), dem Gründer der Sionsschwestern, läßt Offenheit spüren, Offenheit für Wege, die der Gründer noch nicht sehen und wohl kaum ahnen konnte. Eine Ordensgemeinschaft zu gründen lag dem konvertierten Straßburger Juden, der Priester geworden war, fern. Aber: eine sterbende Jüdin hatte ihm ihre beiden kleinen Töchter anvertraut mit der ausdrücklichen Bitte, sie katholisch zu erziehen. Um das zu bewerkstelligen, bat Ratisbonne zwei Straßburger Damen, Sophie Stouhlen und Louise Weywada, nach Paris zu kommen. So entwickelte sich ein kleiner Katechumenatskreis, wo jüdische Mädchen, deren Eltern dies wünschten, auf eine mögliche Taufe vorbereitet wurden. Von dem bald größer werdenden Kreis der Erzieherinnen ging der Wunsch aus, eine religiöse Gemeinschaft zu bilden.

Théodore Ratisbonne war auch als Christ den Heiligen Schriften seiner Vorfahren verbunden geblieben. Anders als in der theologischen Ausbildung seiner Zeit, die stark vom Antijudaismus geprägt war, sah er im Leid und in der Zerstreuung der Juden keine „Strafe für die Nicht-Annahme des Messias Jesus“. 1846 fand der erste Weiheakt der „Damen von Sion“ statt, 1847 erfolgte die Gründung der Kongregation „Notre Dame de Sion (NDS) – Unserer Lieben Frau von Sion“. Hauptaufgabe war die Mädchenerziehung. Das Katechumenat für jüdische Kinder versandete aber bald.

Auch Alphonse Ratisbonne (1812-1884), der jüngste Bruder von Théodore Ratisbonne, hatte konvertiert und war Priester geworden. Analog zum Erziehungswerk der Schwestern gründete er die „Sionsbrüder“. 1855 brach Alphonse nach Jerusalem auf. Die ersten Sionsschwestern trafen 1856 dort ein. Sie widmeten sich vor allem Waisenkindern aus dem Libanon und aus Syrien, deren Eltern in Pogromen umgekommen waren. Mission unter Juden war nicht möglich. Alphonse Ratisbonne konnte für die Schwestern bald ein Grundstück an der Via Dolorosa erwerben. In einer der weiteren Niederlassungen („Ratisbonne“ in West-Jerusalem) befindet sich heute ein Zentrum für christlich-jüdische Studien. Als beide Brüder im Jahr 1884 starben, gab es bereits 21 Niederlassungen in sieben islamischen Ländern. Ein versöhnliches Verhältnis zwischen „Ismael und Israel“ eher durch Liebe als durch Diskussionen zu erreichen, war ihnen ein wichtiges Anliegen. „Versöhnung findet in dem Maß statt, in dem Menschen aufeinander zugehen, sich gegenseitig kennen und schätzen lernen.“

Théodore Ratisbonne war und blieb ein Kind seiner Zeit, in der man sich jüdisch-christliche Versöhnung nur durch Bekehrung des Volkes Israel vorstellen konnte. Das Entscheidende seiner Inspiration war jedoch seine unerschütterliche Hoffnung auf die Verheißungen der Propheten und die Aussagen des Römerbriefs bezüglich des endgültigen Heils Israels und der Völker (vgl. Röm 11,25-36). Die Schwestern sollten durch ihr Leben die in Jesus sichtbar gewordene Liebe des Ewigen zu seinem Volk weitergeben. Ratisbonne vermittelte den Schwestern eine Spiritualität, die geprägt war von einer umfassenden Vertrautheit mit der ganzen Heiligen Schrift.

So war es möglich, daß die Schwestern schon in den zwanziger Jahren, entgegen der üblichen Theologie, das Judentum als ,lebendige Wirklichkeit‘ zu begreifen begannen. Auf dieser Basis konnte sich ihre Liebe zum jüdischen Volk in der Zeit des NS-Regimes durch Taten bewähren: „Ohne jeden Gedanken an Konversion boten die Schwestern in Paris, Rom1 und andernorts Hunderten von Juden Obdach, fälschten Pässe und halfen ihnen auf andere Weise, den Nazis zu entkommen. Die jüdischen Kinder, die sie in den Dörfern versteckten, wurden nie getauft. Eine neue Generation trat in den Orden ein, die sich am Widerstand beteiligt hatte, und das alte Ordensleben sowie seine Ziele in Frage stellte. Diese Entwicklung, die in den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts zu einem totalen Wandel führen sollte, begann zögernd in den fünfziger Jahren ...“ Den Schwestern wurde „immer klarer, daß nicht die Bekehrung unsere Aufgabe ist, sondern die Annäherung von Juden und Christen in gegenseitiger Hochachtung“. Nach der Veröffentlichung der Konzilserklärung ,Nostra aetate 4‘ im November 1965 sagte Kardinal Bea zu den Schwestern: „Die Erklärung ist ein Programm für die Zukunft, ein Programm für alle, aber vor allem für Sie, Schwestern Unserer Lieben Frau von Sion. Jetzt wird Ihnen Ihre Aufgabe von der Kirche selbst gestellt.“

Immer mehr wurde sich die Gemeinschaft ihrer Aufgabe in der Kirche bewußt: einerseits die Christen an ihre jüdischen Wurzeln zu erinnern, und andererseits die bleibende Erwählung Israels und die Gültigkeit der jüdischen Religion zu vertreten. Mehr und mehr gab sie die erzieherischen Tätigkeiten auf zugunsten einer intensiven Beschäftigung mit dem Judentum, mit seiner Theologie und Geschichte und einer darauf basierenden qualifizierten Beteiligung am jüdisch-christlichen Dialog sowie entsprechender Arbeit in der Erwachsenenbildung. Noch vor dem Konzil (1962-1965) waren in Paris, London, Montreal und São Paulo Studienzentren und Begegnungsmöglichkeiten mit Juden ins Leben gerufen worden. Die Ordensregel wurde mehrmals überarbeitet und den neuen Einsichten und Erfahrungen angepaßt. Aufgabe der Schwestern ist es nun, „der Kirche zu helfen, den tieferen Sinn der jüdischen Präsenz in der Welt zu verstehen“.

Obwohl Théodore Ratisbonne selbst einmal nach Deutschland kam, um Möglichkeiten einer Sionsgründung zu erkunden und auch später solche Vorstöße unternommen wurden, dauerte es mehr als hundert Jahre, bis es zu einer Niederlassung kam. Schwester Charlotte Klein NDS (1914-1984), 1914 in einer jüdischen Familie in Berlin geboren, hielt in der unmittelbaren Nach-Konzilszeit in Frankfurt am Main einen Vortrag zum Verhältnis der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen, insbesondere zum Judentum.2 Im Oktober 1968 kam es dann in Frankfurt, in einer für das deutsche Judentum wichtigen Stadt, dank des Einsatzes von Weihbischof Walter Kampe (Limburg), Dr. Lotte Schiffler und Stadtdekan Walter Adlhoch zur Gründung einer Niederlassung. Der Einsatz der Schwestern strahlt aber weit über Frankfurt hinaus. „Durch unsere Präsenz wollen wir zum Ausdruck bringen, daß wir den Juden, für die ,die deutsche Erinnerung‘ so viel Leid beinhaltet, nahe sind“, heißt es in einem Beitrag von Sr. Katherine Wolff NDS, die zeitweise in der Kommunität in Frankfurt lebte und seit kurzem an der ordenseigenen Hochschule für Theologie und Judaistik in Jerusalem lehrt.

Sionsschwestern sind im besten Sinn des Wortes eine mutige Vorhut in der Kirche. Sie haben den Krebsschaden Antijudaismus und Antisemitismus, aber auch Fremdenfeindlichkeit allgemein, erkannt und gehen in Einkehr und Gebet und einem überzeugenden Lebensstil sowie in beherzten kleinen und größeren Schritten dagegen an. Das wird auch in Zukunft nötig sein.

„Wir wollen gemeinsam mit anderen suchen, wie wir mit der Vergangenheit so leben können, daß Gegenwart und Zukunft von einem tiefen Respekt für Menschen aller Rassen, Kulturen und Religionen geprägt sind“ (Katherine Wolff).

  1. Vgl. FrRu 6(1999)238.
  2. Vgl. Charlotte Klein, Theologie und Antijudaismus. Eine Studie zur deutschen theologischen Literatur der Gegenwart. Abhandlungen zum christlich-jüdischen Dialog. Hrsg. von Helmut Gollwitzer, Chr. Kaiser, München 1975, Rezension in: FrRu XXVII(1975)138-139.

Ruth Ahl, freie Publizistin, war 1972-1986 leitende Redakteurin der Zeitschrift »Frau und Mutter“. 1990 wurde sie für eine Artikelserie zur feministischen Theologie mit dem Katholischen Journalistenpreis ausgezeichnet. Vortragstätigkeit zu biblischen Themen, Christentum-Judentum und feministische Theologie.


Jahrgang 7/2000 Seite 37



top