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Clemens Thoma

Auseinandersetzungen um die vatikanische Diplomatie im Zweiten Weltkrieg

1. Gegenwärtige Verstimmungen

Papst Pius XII. (1939-1958), der während des Zweiten Weltkrieges und in den ersten Jahren der Nachkriegszeit der katholischen Kirche als oberster Hirte vorgestanden hat, ist zu einem schwierigen Thema jüdisch-christlicher Auseinandersetzungen geworden. An der Wende vom 2. zum 3. Jahrtausend scheint es kaum mehr möglich zu sein, religiösen und wissenschaftlichen Austausch zu pflegen, ohne daß man sich als christlicher Gesprächspartner zunächst über das „Schweigen“ dieses Papstes zum Genozid am jüdischen Volk äußern muß. Um den am jüdisch-christlichen Dialog Beteiligten Informationen, Verdeutlichungen und Urteilsmöglichkeiten zu bieten, veröffentlichen und kommentieren wir hier ein Dokument, das vor kurzem in den USA Furore gemacht hat und das am 25. Juli 1999 auch im Zweiten Deutschen Fernsehen kommentiert worden ist.1 Es geht hier nicht um Enthüllungen oder um ein Zur-Schau-Stellen kirchlichen Versagens am Judentum während des grausamsten und antijüdischsten aller Kriege. Wohl aber geht es um Anregungen zur Umkehr (teschuva) und zu Vorkehrungen, falls wieder Haß, Vertreibung oder gar Vernichtung propagiert und entfacht werden. Judenhaß, Fremdenhaß und vernachlässigte Abwehr sind gefährliche Brandherde zu Verleumdung, Verfolgung und Mord. Selbst die kirchliche Diplomatie wurde in der Nazizeit in den Strudel der Hilflosigkeit und der Falsch-Reaktion hineingerissen.

Seit einiger Zeit knistert es bedenklich zwischen der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit den Juden und einigen jüdischen Institutionen in den USA. Besonders drei Gründe sind dafür auszumachen:

1. Die Vatikanische Erklärung „Wir erinnern uns. Nachdenken über die Schoa“ vom 16. März 19982 hat manche jüdische Erwartungen auf eine eindeutige, die Mitschuld bekennende Stellungnahme der Kirche enttäuscht.

2. Am 18. Februar 1999 wurde in Baltimore eine Ansprache des damals erkrankten Kardinals Edward Idris Cassidy vorgetragen, die besonders den leitenden Persönlichkeiten des jüdischen Weltkongresses sauer aufgestoßen ist. In dieser Rede beklagte sich der Kardinal über einzelne jüdische Organisationen, die „die katholische Kirche ... verunglimpfen und die auch den jüdisch-christlichen Dialog beinahe verunmöglichen“.3 Vermutlich dachte der Kardinal bei dieser Nebenbemerkung besonders an das Symposion des vatikanischen Einheitssekretariates mit jüdischen Organisationen im März 1998. Damals ließ die Geradheit des Gesprächs — nicht nur nach Meinung von Kardinal Cassidy, sondern auch nach Ansicht mehrerer Teilnehmer — einiges zu wünschen übrig.

Die vagen Nachrichten über eine bevorstehende Seligsprechung von Papst Pius XII. haben in jüdischen Kreisen Beunruhigung ausgelöst.

2. Vorbemerkungen zu einem Dokument vatikanischer Diplomatie im Jahr 1943

Vor kurzem ist in den USA ein am 22. Juni 1943 geschriebener Brief des damaligen Apostolischen Delegaten in Washington, Erzbischof Amleto Giovanni Cicognani, gefunden worden. Dieser Brief war an Myron Taylor, den persönlichen Gesandten von Präsident Roosevelt, gerichtet. Darin wird angedeutet, wie in der vatikanischen Diplomatie während des Pontifikats Pius XII. über den Zionismus, die Verfolgung des jüdischen Volkes und die Idee einer „hebräischen Heimat in Palästina“ gedacht wurde. Die Kommentatoren dieses Briefes eines vatikanischen Diplomaten ziehen daraus vorwiegend den Schluß, eine Seligsprechung von Pius XII. würde die 6 Millionen von den Nazis umgebrachten Juden und Jüdinnen und auch die Überlebenden beleidigen. Der Verfasser, Amleto Giovanni Cicognani (1883-1973), wurde 1959 nach seiner Washingtoner Zeit im Zusammenhang mit dem vorzubereitenden Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) Vorsitzender der Kongregation für die Orientalischen Kirchen. Als solcher war ihm der Schutz der heiligen Stätten in Israel anvertraut. 1961-1969 war er Kardinal-Staatssekretär. Während des zweiten Vatikanischen Konzils wurde er als eher konservativ eingestuft. Ihm oblag damals die schwierige Aufgabe, die Einsprüche arabischer Diplomaten gegen die geplante Judenerklärung des Konzils „Nostra aetate“ Art. 4 aufzufangen. 1965 begleitete er Papst Paul VI. nach Jerusalem und besuchte die Erinnerungsstätte Yad-wa-Schem. Seine letzten Jahre waren geprägt von Reue über seine frühere antijüdische Einstellung.

Kardinal Amleto Giovanni Cicognani, Apostolischer Nuntius, Kardinal- Staatssekretär und  Dekan des Kardinalskollegiums (1972-73). Foto: KNA

In dem nachstehend abgedruckten Brief an den Berater von Präsident Roosevelt legt Erzbischof A. G. Cicognani richtig dar, daß sich der Vatikan während des Krieges zugunsten jüdischer Jugendlicher und internierter Kinder in der Slowakei eingesetzt hat. Entlarvend ist aber seine historische Rückschau auf die wiederholten Bedenken des Vatikans gegen die jüdische Einwanderung in Palästina. Ein ziemlich böser Satz lautet: „Wenn die Macht der Ungläubigen (gemeint sind wohl damalige zionistisch geprägte jüdische Einwanderer) zunimmt, werden die heiligen Stätten wieder in Gefahr sein.“ Ähnlich negativ-pathetisch ist die Aussage, wonach die jüdische Einwanderung in Palästina die friedliche Ausübung christlicher Rechte stören würde. Heute können die Christen im Heiligen Land und außerhalb des Heiligen Landes dankbar dafür sein, daß am 30. Dezember 1993 volle diplomatische Beziehungen zwischen dem Vatikan und dem Staat Israel aufgenommen worden sind. Mit der endgültigen Ratifizierung des Abkommens zur Rechtskörperschaft zwischen dem Staat Israel und dem Hl. Stuhl am 3. Februar 1999 ist der katholischen Kirche in Israel auch volle Rechts- und Geschäftsfähigkeit und damit volle Freiheit für die Christen und die christlichen Stätten im Heiligen Land garantiert.‘ Alle Befürchtungen Cicognanis sind somit heute im Winde verweht.

Eine weitere Kritik betrifft die Terminologie des Cicognani-Briefes: Die Ausdrücke „Arier/Nichtarier/Hebräische Rasse“ wirken heute unzumutbar. Sie hätten schon 1943 nicht mehr gewählt werden dürfen, da bereits damals Nachrichten über die Vernichtung des jüdischen Volkes zu staatlichen und kirchlichen Stellen durchgesickert waren. Eine penible Formulierung findet sich gegen Schluß des Briefes: Zwar sei Palästina „einst von der Hebräischen Rasse bewohnt“ gewesen. Nichts aber begründe „die Notwendigkeit, daß ein Volk in ein Land zurückkehrt, das es vor 19 Jahrhunderten verlassen hat“. In Wirklichkeit hat das jüdische Volk sein Land vor neunzehnhundert Jahren nicht verlassen, sondern es wurde nach der Tempelzerstörung (70 n. Chr.) dezimiert und aus dem Land vertrieben. Falsch und peinlich wirkt auch die Aussage, wonach „die Katholiken der ganzen Welt empört wären“, wenn die jüdische Bevölkerung in Palästina wachsen würde. Eine Empörung großer katholischer Gemeinschaften gegen die jüdische Einwanderung in Palästina wurde damals nicht registriert.

3. Wortlaut des Briefes von Erzbischof Cicognani an Myron Taylor

Apostolic Delegation
United States of America
3339 Massachusetts Avenue
Washington, D. C.

No 219/43   22. Juni 1943

Exzellenz,

mit Bezug auf unser Gespräch vor einigen Tagen möchte ich Eurer Exzellenz folgende Punkte hinsichtlich der Situation in Palästina zur Überlegung und Kenntnisnahme vorlegen.

Trotz ernsthafter Schwierigkeiten hat der Heilige Stuhl stets ein starkes Interesse und große Sorge für „Nicht-Arier“ kundgetan. Dies zeigt sich eindeutig an der jüngsten Aktion zugunsten internierter jüdischer Jugendlicher und Kinder in der Slowakei, um deren Vertreibung aus der Republik zu verhindern.

Vor kurzem ist die Hilfe des Heiligen Stuhles bemüht worden, um Schwierigkeiten beim Transport jüdischer Kinder nach Palästina zu beseitigen. Deren Einwanderung aus europäischen Ländern ist von der Britischen Regierung erlaubt worden.

Obwohl der Heilige Stuhl am Wohlbefinden dieser Kinder stark interessiert ist, scheint es angebracht zu sein, sich in der jetzigen Zeit allgemein die Frage einer hebräischen Heimat (Hebrew Home) in Palästina in Erinnerung zu rufen. Seit 1917, als die Frage zum ersten Mal aufkam, hat der Heilige Stuhl seine Einstellung zu diesem Punkt dargelegt und in mehreren formellen Dokumenten wiederholt.

Im Jahre 1919 erwähnte Seine Heiligkeit Papst Benedikt XV. bei einer Ansprache vor dem Konsistorium der Kardinäle die große Fürsorge, welche die Päpste für die Erhaltung der ehrwürdigen und heiligen Stätten in Palästina gezeigt haben. Seit Jahren haben die Päpste Opfer gebracht, um die heiligen Stätten vor den Händen der Ungläubigen zu bewahren. Jetzt, da ihr Besitz gesichert ist, muß er beschützt und gestärkt werden. Wenn die Macht der Ungläubigen in Palästina zunimmt, werden die heiligen Stätten wieder in Gefahr sein.5

Am 13. Juni 1921 wies derselbe Papst darauf hin, daß er, obwohl er sich nicht in die Rechte des jüdischen Volkes einmischen wolle, er auch die Rechte der Christen in Palästina auf keinerlei Weise präjudiziert sehen möchte.6 Die Haltung der Kirche wurde in einem „Aide-mémoire“ an den Rat des Völkerbundes am 4. Juni 1922 dargelegt. Eine Kopie davon ist diesem Brief beigefügt, ebenso die Kopie eines Briefes von Kardinal Gasparri (1845-1934), datiert vom 6. März 1922.7

In dieser Frage müssen zwei Punkte berücksichtigt werden. Der erste betrifft die Heiligen Stätten (z. B. die Grabeskirche, Bethlehem usw.). Die Katholiken genießen gewisse Rechte bezüglich dieser Stätten und gerechterweise müssen diese ihre Rechte anerkannt und respektiert werden. Wiederholte formale Zusicherungen, daß diese Rechte respektiert werden, sind stets notwendig und werden nach dem jetzigen Krieg erneut nötig sein.

Der zweite Punkt betrifft Palästina selbst. Die Katholiken der ganzen Welt sind diesem Land, das durch die Gegenwart des Erlösers geheiligt wurde und das als Wiege des Christentums hoch verehrt wird, in frommer Ergebung zugetan. Wenn der größere Teil Palästinas dem jüdischen Volk gegeben wird, wäre dies ein schwerer Schlag für die religiöse Bindung der Katholiken an dieses Land. Eine jüdische Mehrheit würde die friedliche Ausübung dieser Rechte im Heiligen Land, die den Katholiken bereits verliehen worden sind, behindern.

Es stimmt zwar, daß Palästina einst von der hebräischen Rasse (the Hebrew Race) bewohnt war. Es gibt in der Geschichte aber kein Axiom, das die Notwendigkeit begründet, daß ein Volk in ein Land zurückkehrt, das es vor 19 Jahrhunderten verlassen hat.

Wenn eine „hebräische Heimat“ (Hebrew Home) erstrebt wird, wäre es nicht allzu schwierig, ein passenderes Gebiet als Palästina zu finden.8 Mit einer zunehmend jüdischen Bevölkerung in Palästina würden gravierende neue internationale Probleme erwachsen. Katholiken auf der ganzen Welt wären empört. Der Heilige Stuhl wäre durch eine solche Entwicklung zu Recht brüskiert, denn sie stünde nicht in Einklang mit der karitativen Unterstützung, die Nicht-Arier vom Vatikan bekommen haben und weiter erhalten werden.

Ich bin zuversichtlich, daß Eure Exzellenz auf Grund der vorgetragenen Gesichtspunkte die Haltung des Heiligen Stuhles in dieser Angelegenheit würdigen können.

Mit dem Ausdruck von Hochachtung und mit allen guten Wünschen verbleibe ich

Ihr ergebener

A. G. Cicognani
Erzbischof von Laodicea, Apostolischer Delegat

4. Zusammenhänge mit dem Pontifikat Pius XII.

Der Brief von Erzbischof Cicognani an den amerikanischen Politiker Myron Taylor wurde nach seiner Auffindung im vergangenen Jahr von den Kommentatoren mit der Kirchenpolitik Pius XII. während des Zweiten Weltkrieges in Verbindung gebracht. Cicognani schrieb diesen Brief mitten im Krieg, offensichtlich nach Rücksprache mit vatikanischen Entscheidungsstellen. Jüdische Deuter des Briefes packten die Gelegenheit beim Schopf, um im Vatikan gegen eine Seligsprechung Pius XII. zu protestieren. Den wohl schärfsten offiziellen Kommentar zum Cicognani-Brief schrieb Rabbiner Marvin Hier, Vorsitzender des Simon-Wiesenthal-Zentrums, Los Angeles, am 10. September 1998 an Papst Johannes Paul II. Darin legte er in harter Sprache Gründe dar, weshalb eine eventuelle Selig- und Heiligsprechung von Papst Pius XII. von jüdischer Seite inakzeptabel wäre. Ein solcher kirchlicher Akt würde, seiner starken Überzeugung nach, als schwerster Affront gegen das vom Holocaust dezimierte jüdische Volk gewertet werden.

Uns geht es hier weder um eine pauschale Apologetik noch um Polemik, wohl aber um einen Aufruf zu gerechter Untersuchung der Worte und Taten Pius XII. während des Zweiten Weltkrieges. Dann geht es um eine Umkehr (teschuva) der ganzen Kirche. Sie bestand und besteht in der Mehrzahl nicht aus irdischen Heiligen und nicht aus weisen Vorstehern. Vielmehr setzt sie sich aus Menschen zusammen, die oft das Falsche sagen und tun und dadurch den Mitmenschen und sich selbst schaden. In Zeiten der Besinnung und Umkehr geht es darum, einzusehen, was in der Vergangenheit falsch und unheilvoll gesagt, getan und entschieden worden ist und, in Konsequenz, einen entsprechenden Richtungswechsel einzuleiten.

Über Pius XII. ist eine umfassende historische und ideologische Analyse anzustreben. Der Cicognani-Brief bietet einiges, aber bei weitem nicht alles. Papst Pius XII. war ein glänzender Denker, ein eifriger Seelsorger und ein angesehener Diplomat. Aber er erkannte das jüdische Volk in dessen größter Notsituation weder als Volk der Erwählung noch als Volk in äußerster Gefährdung. Andererseits kann man Pius XII. nicht zum Sündenbock für die Vernichtungsmaschinerie des Nazismus stempeln.

Eine Seligsprechung Pius XII. — da können unsere jüdischen Freunde beruhigt sein — kommt in den nächsten Jahrzehnten für den Vatikan sicher nicht in Frage. Auch die hier geschilderten jüdischen Einwände gegen eine Beatifikation haben im Vatikan Gewicht.

Es gibt allerdings nicht nur kritische Stimmen gegen den Pacelli-Papst. Die Schriftstellerin Anja Lundholm, Frankfurt/M., arbeitete während des Zweiten Weltkrieges in Rom in einem Büro des von den Pallotinern auf Anordnung von Papst Pius XII. geleiteten St. Raphaels-Vereins.9 Sie beschreibt in ihrem (leider vergriffenen) Buch „Jene Tage in Rom“, daß und wie während ihrer dortigen Tätigkeit — durch Vermittlung des Vatikans — rund 6000 Juden Pässe und Visa erhielten, damit sie fliehen konnten. Und als die SS-Truppen unter Führung von Herbert Kappler am 8. August 1943 in Rom einmarschierten, gebot der Papst

„den Klöstern Italiens die uneingeschränkte Aufnahme aller politisch Bedrängten, hauptsächlich der Juden. Die Tore der Vatikanstadt wurden nun nicht mehr nur für Diplomaten und hohe Würdenträger geöffnet; alle von den Nazis Gefährdeten fanden hier ohne Einschränkung in bezug auf Abstammung und Glauben Aufnahme. Daß dies unter höchstmöglicher Geheimhaltung und Stille geschah, war das Gebot der Stunde. Hitler hatte in einer seiner berüchtigten Tischreden erklärt, die geringste Provokation resp. Einmischung des Papstes in die Angelegenheiten des Reichs würde bewirken, daß man „den Vatikan mitsamt dem Pfaffengesindel und seinen Schützlingen ausräuchern würde“.10

Vorsichtig und bedingt wird man angesichts der derzeit noch unvollständigen Forschungslage folgende zwei Vorwürfe gegen Pius XII. erheben müssen:

1. Er hat den rassistischen und religiös verwurzelten Antisemitismus nicht rechtzeitig und nicht wieder eindeutig verurteilt.11

2. Er hat die sich anbahnende und fortschreitende Vernichtung des jüdischen Volkes durch die Nazis nicht direkt und nicht deutlich als antijüdisches, antichristliches und antihumanes Schwerverbrechen bezeichnet.12 Zwar ist nicht sicher, ob ein deutliches kirchliches Veto gegen den ungerechten Krieg, gegen Rassismus, Antisemitismus und Massenmord den Gequälten und von Tod Bedrohten geholfen hätte. Die deutschen und die vatikanischen kirchlichen Behörden mußten mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß einem solchen Protest sogleich eine intensivierte Verfolgung von Judenchristen und Völkerchristen folgen, die Vernichtung des jüdischen Volkes aber dennoch nicht gestoppt würde.13 Heute wären wir für ein damaliges Wagnis des direkten Protestes und der deutlichen Verurteilung dankbar. In jedem Fall aber tun heutige Christinnen und Christen und heutige kirchliche, diplomatische und politische Autoritäten gut daran, die damalige Zeit wissenschaftlich, geistig und auch religiös aufzuarbeiten. Die katholische Kirche muß noch besser erkennen, daß sie trotz der Unfehlbarkeit des Papstes und der Gesamtkirche keine societas perfecta ist, sondern eine fehlbare, sich täuschende und sich gegen die Menschen versündigende Gemeinschaft, die in jeder geschichtlichen Stunde nicht nur Gutes und Richtiges verkündet, sondern sich auch träge, unklug und sündhaft verhält. Nur so kann eine menschlichere Gesellschaft entstehen, die sich ohne Wenn und Aber zur Schuld ihrer geistigen und leiblichen Vorfahren bekennt und die neue Wege des humanen Zusammenlebens zu beschreiten versucht. Es wäre aber falsch — dies muß nochmals betont werden —, eine Hauptschuld an der Schoa auf Pius XII. abzuwälzen. Dies ergäbe ein die Wahrheit verdrängendes Sündenbock-Syndrom. Wie heißt es doch in der Heiligen Schrift der Christen: „Wer von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“ (Joh 8,7)!? Niemand ist vor falschen Entscheidungen gefeit. Und solche Entscheidungen können Schaden verursachen und für viele Menschen Qual und Tod bedeuten.

  1. Wir danken der Redaktion „Kirche und Leben“ des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF), besonders Herrn Werner Kaltefleiter, für die freundliche Zustellung der Unterlagen.
  2. Das Vatikanische Dokument samt Kommentar ist abgedruckt im FrRu 5(1998)161-177.
  3. Edward Cardinal Cassidy, „To be together, A Light to the Nations. The Future of Catholic-Jewish Relations“, Baltimore/USA, February 1999 (Manuskript). Ich verdanke den ersten Teil dieses Artikels hauptsächlich dem hochgeschätzten Akademiedirektor Hans Hermann Henrix, Aachen. Er hielt Anfang Juni 1999 in Paris einen Vortrag anläßlich des Besuches des Zentralkomitees der deutschen Katholiken bei der jüdischen Gemeinschaft Frankreichs und der französischen Kirche. Der Titel des Vortrags lautete: „In einer aktuellen Verstimmung: Das katholisch-jüdische Verhältnis nach dem Vatikandokument ,Wir erinnern uns‘ vom 16. März 1998.“
  4. Vgl. FrRu 1(1993/94)88-94; 5(1998)146 f.; 6(1999)235 f.
  5. Die Ansprache von Papst Benedikt XV. fand am 10. März 1919 statt. Sie ist in AAS XI (12. März 1919) S. 97-101 dokumentiert.
  6. Diese Ansprache findet sich in AAS XIII (18. Juni 1921) S. 281-284. Sie war an das geheime Konsistorium der Kardinäle gerichtet. Benedikt XV drückte darin die Befürchtung aus, daß ein Krieg in Palästina größere Ausmaße annehmen könnte und daß dabei die hl. Stätten zer-stört und die Rechte der dortigen Christen eingeschränkt würden. Der Krieg könnte — nach der Meinung des Papstes — „zugunsten der Hebräer“ (in gratiam Hebraeorum) ausgehen. Damit die Rechte der hebräischen Bevölkerung (hebraei generis) deutlich umschrieben und die Rechte der Christen nicht eingeschränkt würden, forderte der Papst die englische Mandatsverwaltung auf, politisch dezent einzugreifen.
  7. Wir konnten diese Dokumente nicht finden (Anm. d. Redaktion).
  8. Hier wird der utopische Vorschlag aus der Gründerzeit des Zionismus aufgegriffen, das jtidische Volk könne sich in einem menschenleeren Land Afrikas, z. B. in Uganda, ansiedeln.
  9. Der St. Raphaels-Verein (gegr. 1871) beriet katholische deutsche Auswanderer. Als caritativer Fachverband war er dem Deutschen Caritasverband als korporatives Mitglied ange-schlossen. Solang dies möglich war, unterstützte er auch die Auswanderung katholischer „Nichtarier“.
  10. Zitiert aus einem Brief von Frau Lundholm vom 8. März 1999 an Elisabeth Weidinger.
  11. Vgl. Enzyklika „Mit brennender Sorge“, 1937.
  12. Zum näheren Studium der Politik und der Hilflosigkeit der katholischen Kirchenführung vgl. u. a. Georg Denzler/Volker Fabricius, Die Kirchen und das Dritte Reich, Christen und Nazis Hand in Hand. 2 Bände, Frankfurt 1984; Georges Passelecq/Bernard Suchecky, Die unterschlagene Enzyklika. Der Vatikan und die Judenverfolgung, München 1997; dazu auch: Versteckte und verpaßte Botschaft für die Juden, FrRu 4(1997)241-249.
  13. Den Protestbrief (Telegramm) der Niederländischen Kirchen (11. Juli 1942) und den Hirtenbrief der katholischen Bischöfe in den Niederlanden (26. Juli 1942) gegen die Judenverfolgungen werden wir in einem der nächsten FrRu zu interpretieren versuchen.

Jahrgang 7/2000 Seite 2



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