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Gertrud Luckner
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Notizen Jahrgang 6/1999 Heft 4

Gerhart Riegner, Genf, Ehrenpräsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), hatte als erster die während des Zweiten Weltkriegs maßgeblichen Politiker auf die systematische Ermordung der Juden durch die Nazis aufmerksam gemacht. Seine Aufrufe waren lange ungehört geblieben. Für seine später anerkannten Verdienste wurde er am 12. Mai 1999 anläßlich der 94. Delegiertenversammlung des Schweizer Israelitischen Gemeindebundes (SIG) mit einem Eintrag ins „Goldene Buch des SIG“ geehrt. In seiner Dankesrede gab er seiner Hoffnung Ausdruck, seine Bemühungen mögen „der jüngeren Generation Beispiel sein, auch in ungünstigen Momenten“.

Die erste „Tagung europäischer Rabbinerinnen, Kantorinnen und rabbinisch gelehrter und interessierter Jüdinnen und Juden“ (13.-16. Mai 1999), organisiert von der Initiativgruppe Bet Debora im Berliner Centrum Judaicum, endete mit einem Eklat, der als „Kampf den Orthodoxen“ benannt wurde. Bea Wyler (Oldenburg), die einzige amtierende Rabbinerin Deutschlands, fand, daß ihre „Conservative Art, Judentum zu leben und zu lehren, mit Füßen getreten wurde“. Die Organisatorinnen, Monika Herweg, Elisa Klapheck und Lara Daemmig, bekräftigten jedoch, sie seien bestrebt, „das Gespräch zwischen den verschiedensten jüdischen Strömungen zu suchen und einen Austausch über die unterschiedlichen Vorstellungen von jüdischem Leben in Europa zu ermöglichen“. Die erste Rabbinerin weltweit, Regina Jonas (1902-1944), Berlin, war ein Opfer der Schoa geworden. Heute amtieren Rabbinerinnen u. a. in Paris, London, Moskau, Minsk, Budapest und in Oldenburg.

Bei einer christlich-jüdischen Dialogveranstaltung in Zagreb am 22. März 1999 ist auf das tragische Schicksal der kroatischen Juden während des Ustascha-Regimes 1941-1945 hingewiesen worden. In Kroatien überlebten ungefähr 1000 Juden die Verfolgungen, weil sie Hilfe bei der Kirche und bei Einzelpersonen gefunden haben. (Vgl. die Rezension von Salome Schöll zu Zdenko Levental, Auf glühendem Boden, FrRu 6 [1999] 213-214.)

Nach einem Brandanschlag auf drei Synagogen am 18. Juni 1999 in Sacramento, Kalifornien, sagte Kardinal William H. Keeler, Beauftragter der Amerikanischen Bischofskonferenz für katholisch-jüdische Beziehungen: „Taten wie diese machen uns schmerzhaft klar, daß es auch im nächsten Jahrtausend eine der wichtigsten Aufgaben der Bischöfe sein wird, gegen religiöse und rassistische Vorurteile und jegliche Form des Hasses anzukämpfen.“ In zwei der betroffenen Synagogen wurden antisemitische Schriften gefunden. In der am stärksten betroffenen B‘nai Israel Synagoge verbrannten die Bibliothek sowie Videos über die Schoa und jüdische Kultur. Die Bischofskonferenz wird sich finanziell am Wiederaufbau beteiligen.

Am Vorabend des Besuches von Papst Johannes Paul II. in Polen (5.-17. Juni 1999) wurde der polnische Lefebvreanhänger Kazimierz Switon festgenommen. Die polnischen Lefebvreanhänger verurteilen die Hinwendung des Papstes und der Kirche zum Judentum als Verrat am Christentum. Switon hatte am 15. August 1998 die Errichtung von 300 Kreuzen in Auschwitz veranlaßt. Mit Hilfe eines neu erlassenen Gesetzes zum Schutz der Vernichtungslager gelang es der polnischen Regierung, alle Kreuze — mit Ausnahme des Papstkreuzes — vor der Ankunft des Papstes zu entfernen. Gemeinsam mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde betete Johannes Paul II. am 11. Juni am Umschlagplatz des Warschauer Gettos für die Opfer der Schoa (vgl. Foto S. 261). Mehr als 300 000 Juden waren von dort aus in die Vernichtungslager abtransportiert worden. Aus den Reihen der christlich-polnischen Opfer des Nazi-Regimes hat der Papst am 13. Juni 108 als Märtyrer seliggesprochen.
Jüdischerseits wurde der Besuch sehr positiv gewertet. Adam Michnik, Herausgeber der größten polnischen Tageszeitung, kommentierte die Ansprachen des Papstes: „Die Worte von Johannes Paul II. waren sorgfältig gewählt und durchdacht. In diesen Predigten und Ansprachen gab es keine überflüssigen, leeren, nur der Verzierung dienenden Worte. Es waren einfache Worte, aber getränkt von solcher Schönheit, Poesie, Tiefe, Weisheit und Herzensgüte, als seien sie in Fels geschlagen. Diese Worte lassen sich nicht auswischen, für ungültig erklären, durchstreichen. Das sind polnische Steintafeln für die Zeit neuer Herausforderungen, eines neuen Jahrhunderts, des neuen Jahrhunderts (Gazeta Wyborcza, 19.6.1999, S. 1, übersetzt von M. Deselaers).

Dokumente belegen die gezielte Verfolgung und das Verschwinden von 164 Juden in Argentinien während der Militärdiktatur (1976-1983). Die Opfer wurden gefoltert, um Aussagen über ein angebliches, gegen Argentinien gerichtetes „internationales zionistisches Komplott“ zu erzwingen. Insgesamt rechnet man mit mehreren zehntausend, die aus politischen Gründen verschleppt und ermordet worden seien. Nach einem Bericht der Tageszeitung „Abc“ habe damals die jüdische Gemeinde einen Plan zur Evakuierung der 350 000 argentinischen Juden ausgearbeitet.

Wie zum ersten Mal vor dreißig Jahren fand am 16. März 1999 in St. Stephan in Mainz ein christlich-jüdischer Gottesdienst statt. Mitwirkende waren u. a. Rabbiner Prof Dr. Nathan Peter Levinson, Jerusalem, Weihbischof Dr. Franziskus Eisenbach, Mainz, und Propst Hermann Petersen von der Ev. Kirche in Hessen und Nassau. Die musikalische Gestaltung oblag Oberkantor Raffaele Polani, Mannheim, und dem Chor von St. Stephan. „Wie ökumenische Gottesdienste heute etwas ... fast Selbstverständliches sind“, so Pfarrer Klaus Mayer, „sollte dies auch mit jüdisch-christlichen Gottesdiensten sein.“ Das Besondere an der Kirche von St. Stephan sind die von Marc Chagall geschaffenen Fenster.

Am 19. April wurde das „Leo-Baeck-Haus“ in Berlin, benannt nach dem letzten Präsidenten der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, als neues Domizil des Zentralrates der Juden in Deutschland eingeweiht. Am selben Tag war auch der Reichstag mit einer Sitzung des Deutschen Bundestages eingeweiht worden. Der Präsident des Zentralrates, Ignatz Bubis, sieht in der Rückkehr nach Berlin ein „Stück Normalität“. Rabbiner Nathan Peter Levinson hätte die Nutzung der einstigen „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“ (1872-1942) als Rabbinerausbildungsstätte vorgezogen.

Die erste Generalversammlung des European Council of Jewish Communities (CEJC) Ende Mai 1999 in Nizza hat die Vitalität, aber auch die großen Unterschiede des europäischen Judentums aufgezeigt. Im Vergleich zu Israel und zu den amerikanischen Juden verstehen sich die europäischen Juden als Vertreter einer gemeinsamen Geschichte, die die Schoa überlebt und die Errichtung eines demokratischen und multiethnischen Europa mitgetragen haben. Der CEJC besteht aus einem Netz von 55 Organisationen in 33 europäischen Ländern. Heute leben in Europa etwa 3 Millionen Juden. Die Teilnehmer der Generalversammlung setzten sich auch für eine offenere Definition jüdischer Identität ein. Ebenso betont wurde die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen allen Richtungen des Judentums insbesondere im Bereich der Erziehung, in der die Erinnerung an die Schoa eine wichtige Rolle spielt. (La Croix)

Bei der Generalaudienz am 5. Mai 1999 hat Papst Johannes Paul II. an die Gemeinsamkeiten im Glauben von Christentum und Islam erinnert und die Mitglieder beider Religionen zum solidarischen Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit aufgerufen. Christen und Muslime sollten gemeinsam den Weg der Versöhnung gehen und jede Form von Gewalt als Lösung von Differenzen zurückweisen. Weil beide an „denselben einen Gott der Lebenden“ glauben, seien sie aufgerufen, in einer von „Gottes-Vergessenheit“ gezeichneten Welt, den Geist der Liebe, die menschliche Würde sowie Werte der Moral und Freiheit zu verteidigen. Gleichzeitig wies der Papst auf die theologischen Unterschiede zwischen Islam und Christentum hin.

Anläßlich der Feierlichkeiten zum 20-jährigen Bestehen der „Ökumenischen Kontaktstelle für Nichtchristen“ (ÖKNI) in München am 29. April 1999 sah der Generalsekretär des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, Bischof Michael Louis Fitzgerald, Möglichkeiten und Perspektiven für einen konstruktiven Dialog zwischen Christen und Muslimen in Europa. Nach Schätzungen des „Islam in Europa“-Komitees leben in Europa (einschließlich Rußland) 20 bis 24 Millionen Muslime, davon vier Millionen in Frankreich und 2,5 Millionen in Deutschland.

Am 3. Mai 1999 ist in Genf eine Stiftung zur Gründung eines Forschungszentrums für den interreligiösen und interkulturellen Dialog gegründet worden. Dem Stiftungsrat gehören hochrangige Vertreter aus Christentum, Judentum und Islam an. Das Zentrum werde insbesondere zur Aufgabe haben, „die zentralen und authentischen Botschaften“ der drei monotheistischen Religionen Christentum, Judentum und Islam herauszuarbeiten. Das Zentrum soll ferner zum besseren Verständnis sowie zur gegenseitigen Annäherung der drei Religionen beitragen und mithelfen, „Mißverständnisse der Vergangenheit“ aufzulösen. Einmal jährlich soll ein Kongreß von Religionswissenschaftlern und Vertretern interkultureller Bewegungen stattfinden. Das neue Zentrum soll ferner eine Dokumentationsaufgabe wahrnehmen und eine spezialisierte Bibliothek aufbauen sowie eine Zeitschrift herausgeben. (kipa)

Israelische Archäologen haben Mitte Juni 1999 in einer Höhle in den Jerusalemer Hügeln Überreste einer „Fabrik“ zur Erstellung von Steingefäßen aus der Zeit des Zweiten Tempels gefunden. Die Anlage enthält auch einen Steinbruch für Werkzeuge. Nach Jon Zeligman wurden im Tempelbereich Gefäße und Werkzeuge aus Stein bevorzugt, da sie keiner rituellen Reinigung bedurften. Gleichzeitig entdeckten der Ozeanforscher Dr. Robert Ballard, der die Titanic gefunden hatte, und der Archäologe Lawrence Stager, Harvard Universität, mit ihrem Team nahe der Küste von Aschkelon in einer Tiefe von 500 Metern zwei phönizische Frachtschiffe. Vermutlich waren die Schiffe 750 v. Chr. mit einer großen Ladung von Weinamphoren von Tyrus aus unterwegs nach Ägypten oder Karthago (Tunesien).

Die Teilnehmer eines Versöhnungsmarsches zur Vergebung für die Greuel der Kreuzzüge (vgl. FrRu 4[1997]71-72) sind Anfang Mai 1999 in Israel eingetroffen. Etwa 2000 Menschen aus 27 Ländern haben in den vergangenen drei Jahren auf eigene Kosten an dem Marsch teilgenommen. Die Route des Versöhnungsmarsches verlief von Köln, dem Ausgangspunkt des Ersten Kreuzzugs im Jahr 1096, über Istanbul und Antiochia nach Israel. In der Türkei und im Libanon wurde die Gruppe nach eigenen Angaben freundlich aufgenommen. In Israel dagegen sei man auf ein „gewisses Mißtrauen“ gestoßen. Bei einer Abschlußkonferenz in Jerusalem (Juli 1999) wurde an einen griechisch-orthodoxen, einen islamischen und einen jüdischen Vertreter ein Entschuldigungsschreiben überreicht, in dem es heißt, die Kreuzritter hätten „den Namen Jesu Christi betrogen und sich an seinem Anliegen von Versöhnung, Vergebung und selbstloser Liebe“ vergangen.

Vom 30. April bis 2. Mai 1999 fand in Mönchengladbach unter Leitung von Akademiedirektor Hans Hermann Henrix ein Symposion statt über Sinn und Fragwürdigkeit der Passionsspiele heute, demonstriert an den für das Jahr 2000 geplanten Oberammergauer Passionsspielen. Die Tagung verlief außerordentlich polemisch. Der Leiter der Oberammergauer Passionsspiele, Otto Johannes Huber, legte dar, daß und wie alle Antisemitismen aus den Passionsspielen herausgenommen worden sind. Rabbiner Leon Klenicki, New York, hingegen verurteilte die Passionsspiele an sich als Ereignisse, die einen latenten Antisemitismus in sich tragen. Wilhelm Gössmann, Düsseldorf, beschrieb die Passionsspiele auch als literarische Ereignisse, die das Abendland mitgeprägt haben. Die Bemühungen von Clemens Thoma, Luzern, und Johann Michael Schmidt, Köln, die Geschichte der Passion Jesu zu verdeutlichen, gingen in der Diskussion unter. Die Polemik löste sich in dem Verständnis, die Passionsspiele müssen nicht antisemitisch sein, sie können auch religiös aufbauend wirken.


Jahrgang 6/1999 Seite 314



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