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In memoriam

Geoffrey Wigoder (1922-1999)

Ich schreibe über Dr. Wigoder nicht in seiner Eigenschaft als Chefredaktor des monumentalen Werkes der »Encyclopaedia Judaica“, sondern als Mitglied verschiedener Gremien der christlich-jüdischen Zusammenarbeit in Israel, vor allem als jahrelanges Mitglied und Vertreter Israels im „International Catholic-Jewish Liaison Committee“, dessen letzter Vorsitzender er war. Neben seiner Tätigkeit als Chefredaktor der „Encyclopaedia“ war er vor allem im „Institute of Contemporary Jewry“ der Hebräischen Universität in Jerusalem aktiv. Geoffrey Wigoders Arbeit als Vertreter Israels im genannten „Liaison Committee“ — seit 1971 das offizielle Organ, wo Juden mit dem Vatikan zusammen Fragen gemeinsamen Interesses diskutieren — war von besonderer Bedeutung. Geoffrey Wigoder war hier der geeignete Mann, um die Interessen Israels, aber auch des Judentums im allgemeinen zu vertreten. Ihn zeichnete nicht nur ein erstaunliches Sachwissen aus, sondern auch ein Auftreten, das niemanden verletzte und dennoch deutlich werden ließ, worum es ihm ging. In seiner vornehmen Zurückhaltung aber gleichwohl sachlichen Art und seinem klaren Denken ist er für dieses Gremium unersetzlich, zumal er auch keine politische jüdische Organisation vertrat, sondern die jüdischen Menschen seines Landes, das keinen besseren Vertreter hätte finden können. Gerade in einem Moment, wo diese jüdisch-katholische Organisation aus vielfältigen Gründen in einer Krise ist, fehlt ein Mann wie Geoffrey Wigoder. Wir alle werden ihn vermissen. Seine Verdienste um das christlich-jüdische Verhältnis in Israel und vor allem im „International Catholic-Jewish Liaison Committee“ sind groß. Es gibt jetzt wohl kaum jemanden, der ihn ersetzen könnte.

Wir gedenken seiner in Trauer, Wehmut und zugleich Dankbarkeit für das, was er uns als Menschen und der ihm anvertrauten Sache gegeben hat.

Ernst Ludwig Ehrlich


Schalom Ben-Chorin (1919-1999)

Die wohl am häufigsten von christlichen Theologen und Dialogikern zitierten Sätze von Schalom Ben-Chorin lauten:

Jesus ist für mich der ewige Bruder, nicht nur der Menschenbruder, sondern mein jüdischer Bruder. Ich spüre seine brüderliche Hand, die mich faßt, damit ich ihm nachfolge. Es ist nicht die Hand des Messias, diese mit den Wundmalen gezeichnete Hand. Es ist bestimmt keine göttliche, sondern eine menschliche Hand, in deren Linien das tiefste Leiden eingegraben ist ... Sein bedingungsloser Glaube, das schlechthinnige Vertrauen auf Gott, den Vater, die Bereitschaft, sich ganz unter den Willen Gottes zu demütigen, das ist die Haltung, die uns in Jesus vorgelebt wird und die uns — Juden und Christen — verbinden kann: Der Glaube Jesu einigt uns, aber der Glaube an Jesus trennt uns“ (aus: „Bruder Jesus“, 1967, 12).

Schalom Ben-Chorin hat sich sehr gut in den Juden Jesus und in die neutestamentliche Szenerie hineingefühlt. Für ihn war Jesus ein „Erzmärtyrer“ bzw. ein „Prototyp, der das jüdische Leidensschicksal verkörpert“. Daher ist Jesus in seinen Augen „eine zentrale Gestalt der jüdischen Geschichte“. Ben-Chorin unterstützte auch die von anderen jüdischen Forschern erhobene Forderung, es müsse „ein Prozeß der Heimholung Jesu in das jüdische Volk“ beginnen.

Der am 20. Juli 1913 in München geborene Schalom Ben-Chorin (ursprünglich Fritz Rosenthal) emigrierte (nach einer Verhaftung durch die Gestapo) 1935 nach Palästina. Einundzwanzig Jahre später kehrte er besuchsweise nach Deutschland zurück. Er habe sich damals in München „wie ein Toter auf Urlaub“ gefühlt. Seitdem trat er in Europa häufig als religiöser Journalist, Dialogiker, liberaler Rabbiner, Zionist und charismatischer Referent auf. Sein reiches literarisches Werk hat besonders das Christentum in jüdischer Optik zum Inhalt. Ben-Chorin arbeitete sich — ursprünglich unter starkem Einfluß von Martin Buber und Franz Rosenzweig — zu einem begrifflich und inhaltlich treffsicheren jüdischen Theologen empor. Seine wichtigsten Werke sind (neben dem schon erwähnten „Bruder Jesus“): „Paulus“ (1970) und „Betendes Judentum“ (1980).

Im „Freiburger Rundbrief“ publizierte Schalom Ben-Chorin ab Mitte der 50er Jahre bis kurz vor seinem Tod in fast jedem Jahrgang Beiträge und Rezensionen. Er wurde vielfach geehrt, u. a. erhielt er 1959 den Leo-Baeck-Preis des Zentralrates der Juden in Deutschland, 1982 die Buber-Rosenzweig-Medaille des Deutschen KoordinierungsRates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, und zu seinem 80. Geburtstag zeichnete ihn die Kath.-Theologische Fakultät der Universität Köln mit der Ehrendoktorwürde aus.

Vielleicht noch wichtiger als seine schriftlichen Werke war sein Auftreten bei Vorträgen und Diskussionen. Er konnte faszinieren. Sooft ich ihn in Jerusalem besuchte, war er von ziemlich vielen Verehrern und Verehrerinnen umgeben. Wenn er in der Schweiz auftrat, kamen Leute zum Vortrag, bei denen ich nie ein jüdisch-christliches Engagement vermutet hätte.

Das Geheimnis der Faszination von Schalom Ben-Chorin lag hauptsächlich in seinem Bestehen darauf, daß Jesus, Paulus und das Christentum nur vom Judentum her wirklich zu verstehen seien. Es lag aber auch darin, daß Schalom Ben-Chorin, von der Basis bis zum Kopf, ein Apostel der Verständigung zwischen Judentum und Christentum war.

Clemens Thoma


David Daube (1908-1999)

David Daube war ein persönlicher Freund der Gründerin des Freiburger Rundbriefs, Dr. Gertrud Luckner. Selbst bereits 1936 vor der Verfolgung nach England geflohen — nur fünf Jahre nach seiner Promotion in Göttingen —, schätzte Daube ihren Einsatz für die verfolgte jüdische Bevölkerung.

Der am 8. Februar 1908 in Freiburg geborene Rechtshistoriker stammte aus einer jüdisch-orthodoxen Familie. Als Schüler des Berthold-Gymnasiums studierte er neben dem Talmud auch Griechisch und Latein, später Literatur und Musik in Paris und Rechtswissenschaft in Göttingen und Freiburg. Seine weitere akademische Laufbahn führte ihn nach Cambridge (1938-1951), Aberdeen (1951-1955), Oxford (1955-1970) und schließlich an die Berkeley School of Law an der Universität von Kalifornien (1970-1981). Von 1966-1978 hatte er eine Gast- und später eine Honorarprofessur an der Universität Konstanz. Neben seinem Fachgebiet (römisches und biblisches Recht) befaßte er sich mit jüdischer, römischer und christlicher Literatur. Zur ersteren zählte er auch die Schriften des Neuen Testaments, dessen hervorragender Kenner er war. Mit seinen zahlreichen Werken hat er auch den christlich-jüdischen Dialog im Freiburger Rundbrief bereichert (vgl. FrRu XXXI[1979]59 ff., „Typologie im Werk des Flavius Josephus“, und die Rezensionen seiner Bücher „Limitations of Self-Sacrifice in Jewish Law and Tradition“, FrRu XXI[1969]132, und »Collaboration with Tyranny in Rabbinic Law“, FrRu XVIII[1966]125). Von bleibendem Wert sind auch die letzten beiden in Konstanz erschienenen Werke „Gewaltloser Frauenwiderstand im Altertum“ und „Das Alte Testament im Neuen aus jüdischer Sicht“. Professor Daube ist am 24. Februar 1999 in Kalifornien gestorben.

Elisabeth Weidinger


Jahrgang 6/1999 Seite 311



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