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Yahil, Leni

Die Schoah

Überlebenskampf und Vernichtung der europäischen Juden. Aus dem Amerikanischen von H. Jochen Bußmann. Luchterhand, München 1998. 1056 Seiten.

„Als ich mit dem ,Buch der Tränen‘ beschäftigt war, habe ich manchmal wie ein Kind geweint. Ich zitterte am ganzen Körper. Und es kam vor, daß ich vor Zorn gezwungen war, die Arbeit zu unterbrechen ...“

Diese Erfahrung des Historikers Schimon Bernfeld bei der Niederschrift der Martyriumsgeschichte des jüdischen Lebens könnte sich auch auf dieses Werk beziehen. Was hier zusammengetragen und verdichtet ist an (un)menschlicher Erlebens- und Leidensgeschichte, dem kann keine Besprechung auch nur andeutungsweise gerecht werden. Daß die deutsche Übersetzung dieser wohl bedeutendsten Gesamtdarstellung des nationalsozialistischen Judenmordes erst mit elfjähriger Verspätung erscheint — anderswo ist sie längst historisches Standardwerk —, ist mit der Schwierigkeit der Materie und der Komplexheit der Recherchen etc. nur unzureichend erklärt. Aber vielleicht ist auch hier hintergründig die List der Geschichte am Werk, denn gegenwärtig ist der Boden ungleich günstiger für die Aufnahme dieses Werkes als vor zehn Jahren.

Die hier vorgelegte monumentale Geschichte der Schoa liefert eine Gesamtübersicht über den Verlauf der nationalsozialistischen Judenverfolgung, die mit Hitlers Machtergreifung einsetzte und dann parallel zur allgemeinen politischen und militärischen Entwicklung des Zweiten Weltkrieges stufenweise zur sogenannten „Endlösung“ führte. Die Radikalisierung antijüdischer Maßnahmen wird detailliert nachgezeichnet. Zugleich aber stellt die Autorin das Handeln der Juden in seiner ganzen Komplexität und Tragik als einen Kampf ums Überleben dar. Neben der Chronologie der Ereignisse liefert Leni Yahil als Ergebnis einer 25jährigen Forschungsarbeit exemplarische Einblicke in den spezifischen Charakter der jüdischen Gemeinden in den verschiedenen europäischen Ländern und spannt dabei den Bogen vom Aufstieg der NSDAP bis zur Befreiung der Konzentrationslager. Von einem „normalen“ Werk der Geschichtsschreibung unterscheidet sich dieses Buch dadurch, daß nicht Lebensverhältnisse aufgezeigt werden „die vom Tod begleitet werden“, sondern „Todesverhältnisse beschreiben, die sich in den Kulissen des Lebens abspielen“ (34). Der Massenmord an Menschen wird dargestellt vor dem Hintergrund ihres Kampfes um das Überleben, allerdings nicht so, „daß die Ereignisse sich im Zuge einer eindeutigen Rollenverteilung entwickelten, wonach die Deutschen die Subjekte des Handelns und die Juden dessen Objekte waren“. Eine von Yahils Absichten war es, „uns von der Vorstellung zu befreien, die Juden seien in den Tod gegangen ,wie die Schafe zur Schlacht-bank‘. Dieses Stereotyp entstand infolge der ausgeklügelten Verfolgungs- und Täuschungstechniken der Nationalsozialisten. Seine weite Verbreitung stellt eine Fortsetzung der nazistischen Diffamierung von Juden dar, ein später Triumph Hitlers, für den Juden minderwertig, feige und ohne Ehrgefühl waren“ (38).

Gerade weil Leni Yahil als Bürgerin des Staates Israel Zugang zu den Quellen in hebräischer und jiddischer Sprache hatte, reduziert sich bei ihr jüdische Geschichte nicht auf die Ideologie des Antisemitismus; vielmehr gehört dazu auch der unter schrecklichsten Umständen fortwirkende Überlebenswille der Juden. Was für sie am Ende zählt, ist nicht der Antisemitismus, sondern das Überleben des jüdischen Volkes zu allen Zeiten — auch in der Schoa. Darin liegt Hoffnung auch im Weiterwirken der unheilvollen alternativen Gegentypen Rassismus und Antisemitismus. Auschwitz ist kein Symbol, auch nicht nur ein Ort, sondern eine Wirklichkeit: etwas, „wo der Mensch für den Menschen zu etwas wurde, was noch keine Sprache der Welt definiert hat“ (J. Platek, zit. 888). Das der Bibel entlehnte hebräische Wort „Schoa“ bezeichnet ein Geschehen, für das die Sprachen der Welt keine Bezeichnung haben.

Wieland Zademach


Jahrgang 6/1999 Seite 303



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