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Henze, Dagmar / Janssen, Claudia

Antijudaismus im Neuen Testament?

Grundlagen für die Arbeit mit biblischen Texten. Mit einem Vorwort von Luise Schottroff. Kaiser Taschenbuch 149, Gütersloh 1997. 175 Seiten.

„Sind die Juden schuld am Tod Jesu?“ so fragte das Emnid-Institut 1992 — mit dem Ergebnis, daß fast 40% der Befragten erklärten: „Schuldig“. Nur etwa 25% sprachen die Juden frei. Bei treuen Kirchgängern stimmten 60% der Katholiken und 48% der Protestanten der Schuldthese zu.

Die acht Autorinnen verstehen es, das komplexe Phänomen „Antijudaismus“, das jüdische Gelehrte geradezu für eine „Geisteskrankheit“ halten, so darzulegen, daß auch „Kirchgänger“ spüren, wie tief die eingefleischten Ressentiments, die Klischees und Stereotypen sitzen. In Text und Tradition spüren sie dem Antijudaismus nach, zeigen die verhängnisvolle Wirkungsgeschichte dessen auf, was, ausgehend von Texten des Neuen Testaments, durch die Jahrhunderte an Feindseligkeiten transportiert wurde: in Kirchen und Schulen, in Hörsälen und an Stammtischen. Luise Schottroff schreibt im Vorwort: „Der christliche Antijudaismus hat seit Mitte des 2. Jahrhunderts die christliche Bibelauslegung und ganz besonders die Auslegung des Neuen Testaments geprägt. Er hat im 20. Jahrhundert dazu beigetragen, daß das deutsche Volk seinen Antijudaismus und Antisemitismus in die Tat umsetzte. Der christliche Antijudaismus hat den Weg von Millionen jüdischer Menschen nach Auschwitz und in die vielen Mordlager mit bereitet ... Die eingeschliffenen Gewohnheiten der Bibellektüre sitzen tief in meiner Generation, aber auch ebenso noch in der heutigen jungen Generation“ (7). Übersichtlich strukturiert, hält das Buch, was es verspricht: Grundlagen anzubieten für eine selbst-und kirchenkritische Arbeit an neutestamentlichen Texten. Elf herausragende Abschnitte werden auf „antijudaistische Stereotypen“ hin untersucht und ausgelegt.

Im Hintergrund steht die Frage: Können Christen nach der Schoa noch unkritisch mit neutestamentlichen Texten umgehen? Im Kapitel „Sind die Juden schuld am Tod Jesu?“ heißt es treffend: „Aus heutiger christlicher Perspektive bringt die schlichte, unkommentierte Wiederholung neutestamentlicher Texte, die eine besondere jüdische Schuld anklagen, einen christlichen Antijudaismus zum Ausdruck, den die Texte zu ihrer Entstehungszeit noch nicht vertraten. Die Geschichte des christlichen Antijudaismus und Antisemitismus ist in der Wiederholung der Texte präsent, wenn diese Geschichte nicht aufgearbeitet und kritisiert wird“ (73). Die Autorinnen unterscheiden zwischen Texten, die antijüdisch ausgelegt werden können und Texten, die eo ipso anti-jüdisch sind.

Die Verfasserinnen erliegen nicht der Gefahr, den neutestamentlichen Antijudaismus als theologische Entgleisungen zu verniedlichen oder ihn nur historisch oder gar rein psychologisch zu erklären. Antijudaismus ist das Gift, das ein Volk in unserem Jahrhundert fast vollständig ausgelöscht hat. Gefragt ist eine neue „Theologie aus der Umkehr“ heraus, die die „Umkehr mit den Füßen“, von der ein Franz Rosenzweig sprach, impliziert. Es gilt, eine Israel zugewandte Theologie zu formulieren, in der die antijüdischen Gedanken kommentiert und historisch-kritisch hinterfragt werden. Es ist möglich, christliche Identität so zu bestimmen, daß Christen „weder das Judentum diffamieren, noch bestehende Differenzen zwischen der jüdischen und der christlichen Religion verwischen“ (11). Die Autorinnen versuchen, im Blick auf das Neue Testament umzusetzen, was bereits 1973 die französischen Bischöfe prägnant formuliert haben: „Es ist vordringlich, daß die Christen definitiv aufhören, sich die Juden nach Klischees vorzustellen, die jahrhundertelange Aggressivität geformt hat; merzen wir für immer die eines ehrlichen Menschen und um so mehr eines Christen unwürdigen karikaturistischen Vorstellungen aus und bekämpfen wir sie mit Entschlossenheit.“

Dieter Krabbe


Jahrgang 6/1999 Seite 295



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