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Ewald, Johann Ludwig

Ideen über die nöthige Organisation der Israeliten in Christlichen Staaten

Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Johann Anselm Steiger. Exempla philosemitica 1. Manutius Verlag, Heidelberg 1999. 160 Seiten.

Der evangelische Theologe, Pädagoge und Publizist Johann Ludwig Ewald (1748-1822) gehört zu den zu Unrecht vergessenen Gestalten der Aufklärungszeit. Aufgrund dessen hat der Heidelberger Kirchenhistoriker Johann Anselm Steiger mit seiner 1996 erschienenen Habilitationsschrift über Ewald die „Rettung eines theologischen Zeitgenossen“ (Untertitel) in Angriff genommen. In diesem Sinne legt Steiger jetzt die Neuedition von Ewalds Verteidigungsschrift für das Judentum von 1816 vor und hebt damit eine durch ihre Leidenschaft, ihre politische und historische Sachkundigkeit und vor allem durch ihr theologisches Argumentationsniveau bestechende Quelle aus dem Meer der Vergessenheit. Ewald wendet sich mit dieser Schrift gegen die zeitgenössische christlich-nationalistische Judenhetze, die in der Zeit der Restauration nach dem Ende der sog. Befreiungskriege und des Wiener Kongresses aufkam. Seine Gegner in dieser literarischen Fehde sind der Historiker Friedrich Rühs und der Philosoph Jakob Friedrich Fries, die die These vertreten, daß der Staat von seinem Wesen her christlich-germanisch sei. Demzufolge könne nur ein Jude, der Christ geworden sei, auch deutsche Bürgerrechte erhalten. Die völlige Konversion und Assimilation der Juden gelte es folglich zu erreichen. Fries geht sogar so weit, die Ausrottung des s. E. unheilbar verderbten Judentums „mit Stumpf und Stiel“ zu fordern. Ewald reagiert auf die Schriften der beiden Judenhasser. Seine Argumentation bewegt sich dabei auf zwei Ebenen. Auf der einen Seite schließt er sich der aufgeklärt-liberalen Position von Christian Wilhelm von Dohm an, der die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden ausgehend von den allgemeinen Menschenrechten fordert. Auf der anderen Seite geht Ewald deutlich über von Dohm hinaus, indem er die Judenemanzipation dezidiert theologisch begründet. Während von Dohm für die Juden Partei ergreift, weil sie Menschen sind, setzt sich Ewald für die Juden ein, weil er sich als Christ in einer heilsgeschichtlichen Verbindung mit den Juden sieht:

„Von dieser Nation gieng bekanntlich, alle Religiosität aus, die diesen Namen verdient, weil in ihr die Lehre von dem einzigen Gott erhalten und auf andere Nationen verbreitet wurde, ohne die kein Zutraun zur Gottheit, keine Dankbarkeit und keine Folgsamkeit gegen Gott, möglich ist“ (18 f.).

Im Unterschied zu den liberalen Vertretern der Judenemanzipation, die das Judentum von einem aufgeklärt-vernünftigen Standpunkt aus für überholt und rückständig halten und von einer zunehmenden Bildung der Juden deren Assimilation an den Geist der Aufklärung erwarten, geht es Ewald gerade darum, das Judentum in seinen Wurzeln zu stärken. Er untermauert seine positive Sicht der jüdischen Tradition durch eine Fülle von Belegen aus der Tora, dem Talmud, der Mischne Tora, aber auch aus Lehrbüchern von zeitgenössischen jüdischen Pädagogen wie Michael Hess, Joseph Johlson und Moses Philippson.

Die originäre Position Ewalds im Gegenüber zu reaktionären Judenhassern und liberalen Judenemanzipatoren zeigt sich auch darin, wie er das Verhältnis der beiden Religionsgemeinschaften zueinander beschreibt. Den theologischen Streit zwischen Judentum und Christentum um die Wahrheitsfrage gilt es laut Ewald bis zum Jüngsten Tag auszuhalten. Er sei weder durch Judenmission noch durch vernünftig-deistische „Religionsmengerei“ aufzulösen.

Während die einen das in Joh 6,44 formulierte neutestamentliche Toleranzprinzip mißachteten (es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, daß ihn ziehe der Vater), folgten die anderen einem theologischen Indifferentismus, der auf der Basis einer Vernunftreligion einen Scheindialog führe, der weder der christlichen noch der jüdischen Tradition gerecht werde.

Steiger legt mit dieser Schrift Ewalds den ersten Band der neugegründeten Reihe „Exempla philosemitica“ vor, deren Ziel es ist, „neuzeitliche Zeugnisse christlichen Einstehens für das Volk Israel erneut zugänglich zu machen, die fähig sind, zu veranschaulichen, daß die jüdisch-christliche Verständigung im letzten halben Jahrhundert auf eine Vorgeschichte zurückblicken darf, die — kritisch gesichtet — zur eigenen Standortbestimmung beitragen kann“ (139). Was den ersten Band dieser Reihe angeht, darf dieses Ziel als erreicht gelten. Die Stimme Ewalds darf im jüdisch-christlichen Dialog nicht außer acht gelassen werden.

Niels Back


Jahrgang 6/1999 Seite 292



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