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Avineri, Shlomo

Profile des Zionismus

Die geistigen Ursprünge des Staates Israel. 17 Portraits. Aus dem Amerikanischen von Eileen Bayer, Perdita Schulz und Andreas Wirwalski. Christian Kaiser, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1998. 264 Seiten.

Shlomo Avineri ist einer der brillantesten Köpfe der israelischen Linken. Seine eindrucksvolle Galerie der Vordenker des Zionismus bietet biographische, philosophische und politische Charakteristiken von Moses Hess, Jehuda Alkalai, Zwi Hirsch Kalischer, Peretz Smolenskin, Leon Pinsker, Eliezer Ben Jehuda, Theodor Herzl, Max Nordau, Achad Haam, Nachman Syrkin, Ber Borochow, Aaron David Gordon, Wladimir Jabotinsky, Raw Kook, David Ben Gurion. Über einige dieser Persönlichkeiten, wie z. B. Wladimir Jabotinsky (1880-1940) lagen noch keine deutschen Monographien vor (187-213). Dabei übt gerade dieser Ideologe der zionistischen Revisionisten in den letzten Jahrzehnten einen kaum zu überschätzenden Einfluß auf die israelische Politik aus. Mit dem Scharfblick des politischen Gegners, mit viel psychologischem Einfühlungsvermögen und analytischem Geschick zeichnet Avineri das Bild einer intellektuell überlegenen Persönlichkeit, die von Anfang an luzide den Untergang der europäisch-jüdischen Diaspora in einer „gemeinsam erfahrenen Bartholomäus-Nacht“ vorausgesehen hat und sich in seiner zionistischen Programmatik an dem „integrierenden Nationalismus“ des europäischen Faschismus orientierte. Avineri stellt seine Gemäldegalerie unter das Motto „Zionismus als Revolution“ und zeigt in jedem einzelnen Fall die radikal neuen Perspektiven der zionistischen Visionäre gegenüber den traditionellen jüdischen Anschauungen. Dabei bezieht er auch Denker wie Nachman Krochmal (1785-1840) mit ein, die nicht eigentlich Zionisten waren, aber der säkularen historischen und politischen Betrachtungsweise des Judentums Vorschub geleistet haben (29-37). Insgesamt stellt sich die zionistische Revolution als innere Säkularisierung des Judentums und Überwindung des Pariadaseins in der Diaspora dar (27). In vielen Fällen erscheint Zion zudem als Utopia für sozialistische Ideen europäischen Ursprungs. Durch die Produktivierung der Juden in Palästina sollte zugleich die überwiegende Zugehörigkeit des Diasporajudentums zur bürgerlichen Klasse überwunden und die wirtschaftliche Grundlage für einen eigenen Staat geschaffen werden. Die zionistischen Pioniere haben das häufig als Bekehrung und Revolution erlebt. Israel ist kein kolonialistisches oder imperialistisches Gebilde, sondern wohl der einzige erfolgreiche Arbeiter- und Bauernstaat geworden. Die sozialrevolutionäre Komponente der Gründergenerationen tritt, wie Avineri in seinem Schlußwort ausführt, freilich mehr und mehr zurück und macht einer Dienstleistungs- und Konsumgesellschaft westlichen Zuschnitts Platz, deren Leben sich kaum von dem der Juden in der Diaspora unterscheidet. Avineri schließt mit einem Aufruf zur permanenten zionistischen Revolution:

„Israel kann nur dann auf lange Sicht normatives Zentrum des Weltjudentums bleiben, wenn seine Gesellschaft sich weiterhin von der jüdischen Gesellschaft in der Diaspora unterscheidet. Der Kampf um die Bewahrung dieses Unterschieds wird weiterhin zentraler Aspekt der permanenten zionistischen Revolution bleiben müssen“ (254).

Daniel Krochmalnik


Jahrgang 6/1999 Seite 286



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