Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1999 > 733  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Ruth Ahl

Kerala — Süd-Indien: Vergessener jüdischer Außenposten

Wer bringt schon Indien in Verbindung mit Judentum? Und doch gibt es das – ziemlich sicher seit rund 1500 Jahren, wahrscheinlich seit fast 2000 Jahren, und möglicherweise seit König Salomos Zeiten, also seit fast 3000 Jahren.

Synagoge von Cochin: Tora-Schrein und Vorlesepult (Postkartenausschnitt)

Wer Cochin besucht, die heimliche Hauptstadt Keralas, auf einer der Malabar-Küste vorgelagerten Insel (Westküste, 300 km nördlich der Südspitze Indiens gelegen), der findet in seinem Reiseführer auch einen Hinweis auf das jüdische Viertel. Es liegt unmittelbar bei der sogenannten Gewürzstraße mit ihren verführerischen Düften und wo die Antiquitätenhändler ihre Schätze feilbieten. Dort steht noch heute eine Synagoge, sehr schön und ganz traditionell, mit Tora-Schrein, erhöhtem, umgittertem Vorlesepult und Frauenempore, mit herrlichen Lampen und kostbaren handgemalten chinesischen Bodenfliesen. Der christliche Aufseher berichtet auf Nachfrage, gegenwärtig bestehe die Gemeinde aus fünf Familien mit siebzehn Mitgliedern.1 Wie lange sie noch bestehen wird? — Trauriges Achselzucken. Er zeigt Postkarten und weist auf Nachbildungen der berühmten Kupferplatten hin, die 379 n. Chr. (nach anderen Angaben etwas später) den Juden durch einen Hindu-König eine Reihe von Privilegien garantierten — auch solche, die sonst nur dem König zustanden.

1968 konnte die Synagoge ihr 400-jähriges Bestehen feiern — in Anwesenheit der damaligen Premierministerin Indira Gandhi. Schon damals war es eine schrumpfende Gemeinde. Mit der Gründung des Staates Israel hatte eine Emigrationswelle eingesetzt, die weder auf Intoleranz oder Diskriminierung basierte noch auf politischem oder sozialem Druck, sondern allein auf religiöser Sehnsucht, im Land der Väter zu leben und zu sterben. Je kleiner die Gemeinde wurde, um so stärker kamen Mangel an Heiratspartnern und Beschäftigungsmöglichkeiten hinzu. Das Ende einer Geschichte von beispielhafter religiös-ethnischer Toleranz und gegenseitiger Achtung mag abzusehen sein — eine Geschichte, auf die Indien stolz sein darf, die Europäer dagegen nur beschämen kann.

Angefangen hat die Geschichte der Juden in Indien möglicherweise mit König Salomos Handelsflotte. Ein sprachliches Indiz läßt eine so frühe Berührung von Israeliten mit dem indischen Subkontinent als durchaus wahrscheinlich erscheinen. In den biblischen Büchern der Könige und der Chronik sind die Bezeichnungen für ,Affe‘ und ,Pfau‘ im hebräischen Text dem alt-tamilischen Wort so nah (Takai > Tuki), daß anzunehmen ist, frühe Reisende hätten mit den exotischen Tieren auch deren tamilische Bezeichnung nach Israel mitgebracht. (Heute wird im Staat Kerala Malayalam gesprochen, eine Sprache, die sich aus dem Tamil entwickelte, das im Nachbarstaat Tamil Nadu gesprochen wird.) Andere Theorien gehen davon aus, die erste Ansiedlung von Juden in Cranganore — dem einzigen Seehafen Indiens, der in der Außenwelt bekannt war — wäre im Zuge der Auswanderung von Juden aus Persien im fünften vorchristlichen Jahrhundert geschehen. Andere wieder rechnen mit Resten der sogenannten „verlorenen Stämme Israels“ durch die assyrische Vertreibung um 722 v. Chr.; wieder andere halten sie für Nachkommen der um 586 v. Chr. nach Babylon verschleppten Judäer.

Es gibt gute Anzeichen, daß nach der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahre 70 n. Chr. durch die Römer eine große Zahl jüdischer Einwanderer Zuflucht an der Malabar-Küste gefunden hatte — die meisten davon in Cranganore. Bezeugt ist, daß Juden dort vom 5. bis zum 15. Jahrhundert in einem unabhängigen Fürstentum unter einem Regenten ihrer eigenen Rasse und Wahl gelebt hatten und daß der Ruhm dieses kleinen jüdischen Königtums nah und fern verbreitet war. Berühmte jüdische Dichter und Gelehrte besuchten das kleine jüdische Fürstentum. 1524 verwüsteten Mauren unter einem Vorwand das jüdische Gemeinwesen so gründlich, daß sich nur noch wenige Juden kümmerlich durchschlugen. Die meisten verließen ihr angestammtes Gebiet, flohen nach Cochin und unterstellten sich dem dortigen Hindu-Rajah, der ihnen großzügig ein Baugebiet in unmittelbarer Nähe seines Palastes und Tempels überließ. So wurde 1567 das jüdische Viertel in Cochin und 1568 die Synagoge errichtet. Auch nach der Zerstörung von Cranganore, von den Juden Shingly genannt, war die Anhänglichkeit der indischen Juden an diese Stätte so groß, daß es dort bis vor kurzem üblich war, jedem Sarg neben der Erde aus dem Heiligen Land eine Handvoll Shingly-Sand mitzugeben. Es gibt auch eine Tradition, bezeugt in einem alten Hochzeitslied der syrischen Christen, wonach der Apostel Thomas, zusammen mit einem jüdischen Geschäftsmann, im Jahre 55 in Cranganore gelandet sei, und — begrüßt von einer jüdischen Flötenspielerin — im jüdischen Viertel Quartier genommen habe. Dort soll er jüdische Einwohner für Christus gewonnen und getauft haben, jene Thomas-Christen, als deren Nachfahren sich die Christen Süd-Indiens fühlen.

Im Babylonischen Talmud wird auf einen Rabbi Judah Bezug genommen, der ein Hindu-Konvertit war und in hohem Ansehen stand. Da es nirgends sonst in Indien Juden gab, muß auch er aus Cranganore oder Umgebung stammen. Auch eine Reihe mittelalterlicher Reisender erwähnen Begegnungen mit Juden an der Malabar-Küste.

In der frühen Neuzeit gab es dann weitere Zuwanderung von Juden aus der iberischen Halbinsel und anderen europäischen Ländern, aus denen sie vertrieben wurden. Schlechte Zeiten brachen an, als im 16. Jahrhundert die Portugiesen kamen, während unter der Vorherrschaft der toleranten Holländer (1663-1795) die jüdische Gemeinde wieder prosperierte. Es entstand sogar Kontakt und Austausch mit der jüdischen Gemeinde in Amsterdam. Als das Land 1795 unter britische Oberhoheit kam, konnten die Juden weiterhin in Frieden und Wohlstand leben. Unter den Maharajas von Cochin erfreuten sie sich völliger religiöser Toleranz. Ihre Sabbate und religiösen Feiertage wurden sogar amtlich bekannt gegeben. Die jüdischen Frauen verkehrten freundschaftlich im Königlichen Palast, was der letzte Maharaja, H. H. Rama Varma, in einem Brief vom März 1949 an die jüdische Gemeinde ausdrücklich erwähnt.

Höchstwahrscheinlich ging von den Malabar-Juden auch die erste jüdische Ansiedlung in China während der Hung-Dynastie aus. Manche von diesen Malabar-Juden waren regelrechte Handelsfürsten, vielleicht den Fuggern und Welsern vergleichbar, die viel zur allgemeinen Prosperität beitrugen. Ein weithin anerkannter unter ihnen, Ezekiel Rahabi, wurde 1747 von den Thomas-Christen sogar gebeten, ihnen einen Bischof aus Basra zu besorgen. Eine wahrhaft erinnernswerte Geschichte!

  1. Ruth Ahl besuchte die Synagoge von Cochin am 4. Februar 1999. Die historischen Angaben sind der Broschüre „Kerala and Her Jews“ entnommen. Diese beruhen auf Ausführungen von S. S. Koder von der Kerala History Association von 1965 sowie auf der Magisterarbeit in Soziologie von Fiona Hallegua „Die jüdische Gemeinde von Cochin“ von 1984. Vgl. dazu auch: Frieda Weber-Krebs, Die Juden von Cochin, FrRu XXXII(1980)81-83.

Ruth Ahl, freie Publizistin, war 1972-1986 leitende Redakteurin der Zeitschrift „Frau und Mutter“. 1990 wurde sie für eine Artikelserie zur feministischen Theologie mit dem Katholischen Journalistenpreis ausgezeichnet. Vortragstätigkeit zu biblischen Themen, Christentum-Judentum und feministische Theologie.


Jahrgang 6/1999 Seite 280



top