Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1999 > 732  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version

Antisemitismus, Schoa und Kirche

Studie eines theologischen Arbeitskreises

Einleitung

Das hebräische Wort „Schoa“ bedeutet Katastrophe, Unheil, Vernichtung. Es bezeichnet heute die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden unter dem Nationalsozialismus. Frauen und Männer, Greise, Kinder und Säuglinge wurden auf eine bis dahin nicht gekannte Art erniedrigt, geschunden, gequält und ihrer menschlichen Würde beraubt. Diejenigen, die die Qualen des Transports und des Lagers überlebten, fanden in den Gaskammern ein schreckliches Ende. Nur eine geringe Zahl überlebte - für ihr Leben schwer gezeichnet. Dies alles geschah nur aus dem einen Grund, weil sie Juden waren.

Das präzedenzlose Verbrechen wirft viele Fragen auf. Historiker und Soziologen, Politologen und Psychologen untersuchen, wie es dazu kommen konnte und wie es im einzelnen verlief. Ein Ende der wissenschaftlichen Bemühungen, durch die die Fakten gesichert und das Geschehene gedeutet wird, ist heute noch nicht abzusehen. Letztlich lässt sich aber ein solches Ereignis nicht nach den üblichen Maßstäben der Geschichtswissenschaft in den Gang der Geschichte einordnen. Es verlangt zuerst und zutiefst eine moralische Erinnerung, die auf die Stimme der Opfer hört und sich ihr aussetzt.

Die Erinnerung an die Schoa entspricht der biblischen Weisung: „Gedenke!“ (vgl. Dtn 25,17 u.a.). Sie gedenkt der Opfer und mahnt die Lebenden. Die Erinnerung an die Schoa darf nicht ausgelöscht werden. Sie deckt Versagen auf und führt zur Umkehr. Sie weckt die Bereitschaft zur Verantwortung und kann zur Quelle des Handelns werden.

Aus der Kraft der Erinnerung müssen sich die Christen fragen, welche Mitverantwortung und Schuld die Kirche an der Jahrhunderte alten Judenfeindschaft hat, die schließlich zur Schoa führte. Das gilt vor allem für die Christen in Deutschland, von wo aus die millionenfache Tötung geplant und ins Werk gesetzt wurde.

I. Der Weg zur Schoa und die Geschichte der Kirche1

A. Ursachen der Feindschaft zwischen Kirche und Judentum

1. Die Kirche ist aus dem Judentum hervorgegangen und mit dem Judentum unauflösbar verbunden. Nach den Worten des Apostels Paulus können sich Juden und Christen als verschiedene Zweige betrachten, die auf demselben Ölbaum gewachsen sind (Röm 11, 13-24). Die gemeinsamen Grundlagen haben nicht verhindert, dass es schon in den Anfängen der Kirche zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Juden und Christen gekommen ist.

Zunächst war der Konflikt zwischen Juden und den Anhängern Jesu ein innerjüdischer Streit. Er entzündete sich an den Fragen, wie man die Tora auszulegen habe, ob Jesus von Nazareth der von den Propheten angekündigte Messias sei, ob mit seiner Auferstehung die Endzeit angefangen habe und ob der Glaube an Jesus den Menschen vor Gott rechtfertige. Die jüdischen Anhänger Jesu waren davon überzeugt und erhofften vom Glauben an ihn das Heil. Die jüdische Mehrheit teilte diesen Glauben nicht, weil sie nicht zu erkennen vermochte, dass mit Jesus die biblischen Verheißungen einer heilen und gerechten Welt in Erfüllung gegangen wären. Als die Anhänger Jesu nach seinem Tod und seiner Auferweckung das Evangelium nicht mehr nur Juden, sondern auch Nichtjuden („Heiden“) verkündeten, wurde aus dem zunächst innerjüdischen Konflikt ein solcher zwischen Juden und Christen aus den Völkern, zwischen Synagoge und Kirche.

2. Während dieser Kampfzeit entstanden die Schriften des Neuen Testaments. Sie spiegeln an vielen Stellen die Heftigkeit der damaligen Auseinandersetzung wider, in der es für beide Seiten um grundsätzliche Fragen ging. So kamen polemische Äußerungen in das Neue Testament. Manche lassen sich aus der Enttäuschung der Anhänger Jesu erklären, dass so viele Juden den Glauben an Jesus nicht annahmen. Sie waren anfangs wohl auch Reaktionen auf Bedrängnisse und Aggressionen von jüdischer Seite. Von weitreichender und tragischer Bedeutung war die Tendenz der neutestamentlichen Schriftsteller, die Juden für den Tod Jesu verantwortlich zu machen, während die Beteiligung des römischen Statthalters Pontius Pilatus an der Verurteilung Jesu in den späteren Evangelien zurücktritt. Die Schuld der Juden wurde mit der Bibelstelle begründet: „Da rief das ganze Volk: ‘Sein Blut komme über uns und unsere Kinder’“ (Mt 27,25). Dieser Ruf wurde zum Anlass für Abgrenzung und Feindschaft. Von ihm her wurde im Zusammenhang mit den anderen Differenzen ein jahrhundertelanger christlicher Antijudaismus begründet. Im späten zweiten Jahrhundert kam es bei Meliton von Sardes zu der theologisch unhaltbaren Anschuldigung, die Juden seien Gottesmörder. Bis in unsere Gegenwart wurde die Beschuldigung in Theologie und Predigt, in Katechese und Brauchtum wiederholt. Sie hat unermesslichen Schaden angerichtet. Zahlreiche Judenverfolgungen wurden mit ihr gerechtfertigt.

3. Neben dem Vorwurf der Verstocktheit, den die Christen den Juden mach-ten, vermeinten die Christen im Neuen Testament Gottes Liebe und Vergebung zu erfahren, dies vor allem als Freiheit vom Gesetz (Tora).

4. In der Verkündigung setzte sich die Auffassung durch, die Kirche sei das neue und wahre Israel, während das jüdische Volk seine heilsgeschichtliche Bedeutung verloren und an die Kirche abgetreten habe.

B. Stationen der Geschichte der Judenfeindschaft im christlichen Abendland

5. Die religiös begründete Judenfeindschaft führte seit dem 2. Jahrhundert zu einer Fülle von antijüdischen Traktaten. Diese erneuerten bis zum Ende des Mittelalters die antijüdischen Stereotypen und entwickelten sie weiter.

6. Nach dem endgültigen Verbot aller heidnischen und häretischen Kulte durch Kaiser Theodosius I. Ende des 4. Jahrhunderts regten sich in der Kirche Tendenzen, auch das Judentum durch Synagogenzerstörungen und Zwangsbekehrungsaktionen zu unterdrücken. Die christlichen Kaiser hielten zwar an der Duldung des Judentums als „zugelassener Religion” fest. Sie begrenzten jedoch zugleich den Juden ihre Rechte als Reichsbürger; ihnen wurde z. B. verboten, Ämter zu bekleiden oder neue Synagogen zu bauen.

7. Neben einer Richtung in der Theologie, welche die Duldung der Juden letztlich immer wieder auf die Erwartung ihrer dereinstigen Rettung im Sinne der Bekehrung zum Evangelium stützte (Augustinus und Röm 11,25 f.), entwickelte sich auch die Verwerfungstheologie fort; auch sie glaubte, sich auf biblische Überlieferungen berufen zu können. Das Nebeneinander beider Richtungen trat häufig in den gleichen Personen zutage. Es bestimmte die schwankende Haltung kirchlicher Autoritäten über die Jahrhunderte und erklärt die häufig widersprüchlichen Aussagen und Verhaltensweisen. Die Päpste und die mittelalterlichen Kaiser hielten im Prinzip stets an der kirchlich-kanonischen und römisch-rechtlichen Tradition fest. Demgegenüber haben Könige, Fürsten und Adel wie auch Pfarrklerus, Mönche und das Kirchenvolk in Krisensituationen sich immer wieder an den Juden vergriffen.

8. In Krisenzeiten, bei Hungersnöten, Krieg, Seuchen sowie sozialen Spannungen wandte sich das Bedürfnis, Sündenböcke zu suchen, oft genug gegen das schwächste Glied der Gesellschaft, die jüdische Minderheit. Volkstümliche Prediger wiegelten das einfache Volk zu Judenverfolgungen und -tötungen auf. Es gab in der Regel auch Stimmen, die sich für die Juden einsetzten. Aber die weltlichen und geistlichen Obrigkeiten haben oft nicht vermocht oder sich nicht bemüht, gegen die aufgestachelte Volkswut vorzugehen und wirksamen Schutz zu bieten.

9. Ebenso wie in der Theologie war das negative Judenbild auch in der Volksfrömmigkeit verankert. So konnten Judenverfolgungen, ja -massaker, als gottgefällige, von Gott gewollte Tat ausgegeben werden. Während des ersten Kreuzzugs stachelten Prediger die Scharen auf, die dem eigentlichen Kreuz­fahrerheer vorauszogen, an „Gottes Feinden” das Blut Christi zu rächen (vgl. Mt 23,35 f.). Obwohl die Bischöfe in der Regel die Juden zu schützen versuchten und christliche Bürger an mehreren Orten für sie eintraten, wurden im Jahr 1096 Tausende Männer und Frauen, Greise und Kinder von den Horden getötet. Viele Juden gaben sich in aussichtsloser Situation selbst den Tod.

10. Anschuldigungen, daß im Talmud und in anderer jüdischer Literatur Christus und die Jungfrau Maria beleidigt wurden, führten 1242 in Paris, wie später anderswo, zur Verurteilung und Verbrennung des Talmuds. Da die erhoffte Bekehrung der Juden ausblieb, stieg die Neigung, sich ihrer ganz zu entledigen. Schon 1290 wurden die Juden aus England und Apulien, bis 1395 in mehreren Wellen aus Frankreich vertrieben. Besonders traumatisch wirkte sich die Vertreibung der Judenheit aus Spanien aus. Das Dekret Ferdinands II. von Aragon und Isabellas I. von Kastilien vom 31. März 1492 beendete ein kulturell reiches Zusammenleben von Christen und Juden. Den Christen wurde untersagt, die vertriebenen Juden aufzunehmen. So mußten Zehntausende ihre angestammte spanische Heimat verlassen.

11. In der Neuzeit trat keine entscheidende Besserung im Verhältnis zu den Juden ein. Auch die Kirchen der Reformation übernahmen die traditionelle judenfeindliche Einstellung und führten sie weiter fort. Die Juden waren gettoisiert und hatten nirgends die gleichen Rechte wie die nichtjüdischen Bürger.
Im Westen Europas gab es, im Unterschied zu Osteuropa, mit dem Aufkommen der Aufklärung eine Bemühung um die Verbesserung der Rechtsstellung der Juden. Zunehmend wurden den Juden die bürgerlichen Rechte zugesprochen. Sie nahmen verstärkt am allgemeinen Wirtschaftsleben teil. Das aber setzte die Juden zugleich unmittelbarer den judenfeindlichen Stimmungen und Aktionen aus, die durch wirtschaftliche Krisen des 19. Jahrhunderts ausgelöst wurden. Das religiöse Vorurteil trat zurück, blieb aber abrufbar. Ökonomische und soziale Gründe der Feindseligkeit gegen die Juden Europas wurden bestimmender.

C. Der Weg in die Schoa

12. Im 19. Jahrhundert kam eine neue Form der Judenfeindschaft mit der bislang unbekannten Behauptung auf, die Juden gehörten einer minderwertigen Rasse an. Die ideologisch aufgeladene Rassenlehre verband sich mit ökonomischen, politischen und kulturellen Anschuldigungen gegen die Juden. Man warf ihnen einen schädlichen und gefährlichen Einfluss vor: sie überfremdeten die jeweilige Nation, lösten die soziale Ordnung auf und beuteten die Bürger aus. Gerade außerhalb der Kirche wurde der neuzeitliche Antisemitismus zum Anlass bösartiger Diskriminierung und Verfolgung. Er war aber so erfolgreich, weil er die judenfeindliche Einstellung der Christen für seine Zwecke einkalkulierte und zu nutzen wusste.

13. Eine furchtbare Mischung rassistischer, sozialer, wirtschaftlicher, politischer und religiöser Judenfeindschaft war die Voraussetzung für die schlimmste Judenverfolgung aller Zeiten. Der rassistische Antisemitismus wurde zum Programm des Nationalsozialismus. Hitler selbst hatte diesen Antisemitismus schon vor seinem politischen Aufstieg offen und aggressiv vertreten. Als er 1933 Reichskanzler wurde, begann für die Juden in Deutschland eine Zeit des Schreckens. Viele von ihnen verloren ihre Stellung; jüdische Geschäfte wurden boykottiert; Bücher jüdischer Autoren öffentlich verbrannt; Ehen zwischen „Ariern“ und Juden wurden verboten. Allmählich verloren die Juden alle Rechte. Seit 1938 mussten sie die Zwangsnamen „Israel“ oder „Sara“ tragen. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden im ganzen Deutschen Reich die Synagogen angezündet und verwüstet. Geschäfte und Wohnungen wurden geplündert. Rund dreißigtausend Juden wurden in Konzentrationslager gesperrt, etwa hundert ermordet.
Auf der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 in Berlin erörterten führende Nationalsozialisten und Ministeralbeamte die Durchführung und Koordination der „Endlösung der Judenfrage“, d. h. der systematischen und völligen Vernichtung des europäischen Judentums. Die Konferenz dachte planerisch die unvorstellbare Katastrophe vor, die wir mit den Juden „Schoa“ nennen. Alle wichtigen Entscheidungen, Maßnahmen und Handlungen dieser Verfolgung und Vernichtung gingen von Deutschland aus. In ihr verloren etwa sechs Millionen jüdische Männer, Frauen und Kinder ihr Leben. Jene, die überleben konnten, wurden in ihrer Menschenwürde unheilbar verwundet.

14. Die Nationalsozialisten haben vielen Gruppen und Völkern in Europa u.a. den Sinti und Roma, unermessliches Leid angetan.

15.. In den Jahren der Schoa ist die Kirche nicht so für die Juden eingetreten, wie es der christliche Glaube gefordert hätte. Dabei konnte keinem Christen unklar sein, dass der Antisemitismus sittlich nicht erlaubt und christlich nicht vertretbar ist. Die Päpste Pius XI. und Pius XII. und die Bischöfe hatten sich öffentlich vom totalitären Nationalsozialismus distanziert und erklärt, der Rassismus sei mit den Grundlagen des christlichen Glaubens unvereinbar mit den Grundlagen des christlichen Glaubens unvereinbar.2 Aber zum Novemberpogrom 1938 gab es keinen offiziellen Protest seitens der deutschen Bischöfe. Auch während der Schoa erfolgte keine unmissverständliche, öffentliche und deutliche Verurteilung dieses Massenmordes am jüdischen Volk.
Pius XII. wie auch einzelne Christen haben sich für die Juden eingesetzt. Aber insgesamt waren die Hilfen der Christen und die Proteste des kirchlichen Amtes zu schwach. Dieses Versäumnis hat viele Gründe. Eine Rolle spielte damals die nicht unberechtigte Sorge, bei einem öffentlichen Eintreten für die Juden werde die Grausamkeit der Nationalsozialisten gegen das jüdische Volk noch schlimmer. Man fürchtete auch Repressalien gegen die Kirche. In dieser Situation wirkte sich nicht zuletzt die lange Vorgeschichte christlicher Judenfeindschaft aus. Die vielen Vorurteile gegenüber den Juden, die in Predigt und Unterricht verbreitet worden waren, ließen es kaum zu, dass ein Solidaritätsgefühl mit der verfolgten jüdischen Minderheit aufkam.

II. Die Frage nach Mitverantwortung und Schuld der Kirche

16. Die Vergegenwärtigung der Geschichte zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk macht deutlich, „wie negativ die Bilanz der Beziehungen zwischen Juden und Christen während zwei Jahrtausenden gewesen ist.“3 Es genügt nicht, lediglich die Tatsache der geschichtlichen Belastung festzustellen. Darüber hinaus sollen die Christen und die Kirche „ihrerseits ihren Anteil von Verantwortlichkeit dafür anerkennen“.4 Die Kirche hat im Wissen, dass sie „der Reinigung bedürftig“ ist und deshalb „den Weg der Buße und Erneuerung“ gehen muss,5 inzwischen erste Schritte in dieser Richtung getan.

A. Die Verurteilung des Antisemitismus durch die Kirche

17. Die Konzilserklärung „Nostra aetate“, Artikel 4 (1965) veränderte die Beziehung zwischen der katholischen Kirche und dem jüdischen Volk entscheidend. „Im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit von irgend jemanden gegen die Juden gerichtet haben.“6 Die Zurückweisung des Antisemitismus durch das Konzil ist in vielen nachfolgenden Äußerungen des Apostolischen Stuhls, zahlreicher Bischöfe und Bischofskonferenzen bestätigt und präzisiert wor­den.

18. Die Vatikanische Kommission für die religiösen Beziehungen mit den Juden hat in ihren Richtlinien und Hinweisen die Wege gewiesen.7 Der Antisemitismus ist demnach,  wie jede andere Form des Rassismus „eine Sünde gegen Gott und die Menschheit“.8 Im Grundlagenvertrag mit dem Staat Israel vom 30. Dezember 1993 wiederholt der Apostolische Stuhl „seine Verurteilung von Hass, Verfolgung und jeder anderen Erscheinungsform des Antisemitismus, gerichtet gegen das jüdische Volk oder einzelne Juden überall, zu jeder Zeit und durch jede Person“.9

19. Die klare und vielfach wiederholte Verurteilung des Antisemitismus durch die heutige Kirche enthebt niemand der Prüfung, ob auf der Kirche eine Mitverantwortung an der Schoa lastet. Schuf die Kirche nicht ein Klima, das dem jüdischen Volk und dem Judentum gegenüber gleichgültig bis feindlich gesonnen war und den Boden für die nationalsozialistische Judenverfolgung und -vernichtung in unserem Jahrhundert bereitete?

20. Papst Johannes Paul II. sprach davon, daß das Unrecht, welches in der Geschichte zwischen Christen und Juden jahrhundertelang den Juden in Europa zugefügt wurde, „recht oft in die Denk- und Sittenstrukturen hineingeschrieben wurde“,10 d. h. in die theologische, liturgische, katechetische und künstlerische Tradition der Kirche haben im Lauf einer langen Geschichte antijüdische Motive, vorurteilshafte Denkweisen und auch ungerechtfertigte Anklagen gegen die Juden Eingang gefunden.

21. Die antijüdischen Denk- und Sittenstrukturen waren ein Element auf dem Weg zur Schoa. Allerdings wäre es „ungerecht und unwahr, dieses unsägliche Verbrechen dem Christentum anzulasten“.11 Die Christenheit hat nicht die Schoa verursacht und nicht ins Werk gesetzt. Aber jene Menschen, die dies ersannen und vollführten, waren meist getauft und hatten eine christliche Erziehung erfahren; sie haben mit ihrem Denken und Handeln das Evangelium verleugnet und mit Füßen getreten. Ihr Tun wirft daher die schwerwiegende Frage auf, warum die Kirche und ihre Gläubigen es nicht vermochten, die Täter von ihren verbrecherischen Wegen abzuhalten.

C. Kirchliches Schuldbekenntnis

22. Zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1995 stellten die deutschen Bischöfe fest: Eine antijüdische Einstellung auch im kirchlichen Bereich „hat mit dazu geführt, daß Christen in den Jahren des Dritten Reiches nicht den gebotenen Widerstand gegen den rassistischen Antisemitismus geleistet haben. Es hat unter Katholiken vielfach Versagen und Schuld gegeben. Nicht wenige haben sich von der Ideologie des Nationalsozialismus einnehmen lassen und sind bei den Verbrechen gegen jüdisches Eigentum und Leben gleichgültig geblieben. Andere haben den Verbrechen Vorschub geleistet oder sind sogar selber Verbrecher geworden. Unbekannt ist die Zahl derer, die beim Verschwinden ihrer jüdischen Nachbarn entsetzt waren und doch nicht die Kraft zum sichtbaren Protest fanden. Jene, die bis zum Einsatz ihres Lebens halfen, blieben oft allein. Es bedrückt uns heute schwer, daß es nur zu Einzelinitiativen für verfolgte Juden gekommen ist und daß es selbst bei den Pogromen vom November 1938 keinen öffentlichen und ausdrücklichen Protest gegeben hat. ... Der Rückblick auf die Geschehnisse vom November 1938 und die zwölfjährige Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten vergegenwärtigt die schwere Last der Geschichte. Er erinnert daran, ,daß die Kirche, die wir als heilig bekennen und als Geheimnis verehren, auch eine sündige und der Umkehr bedürftige Kirche ist‘ (Wort der deutschsprachigen Bischöfe aus Anlaß des 50. Jahrestages der Novemberpogrome 1938).

23. Das Wort der deutschen Bischöfe bekennt Versagen und Schuld der Kirche in Deutschland. Die Perspektive der Gewissenserforschung der Kirche als ganzer wie auch der Kirche in den von Nazideutschland besetzten und mit ihm im Krieg stehenden Ländern ist eine andere. Dort kann man z. B. auf öffentlichen bischöflichen Protest nach den Novemberpogromen 1938 hinweisen. Oder es ist wie in Polen an die Zerschlagung der Hierarchie nach der Okkupation des Landes zu erinnern. Auch kennt die Vergegenwärtigung der Hilfe von christlichen Männern und Frauen oder der Repräsentanten der Ortskirchen bzw. des Apostolischen Stuhls für die jüdischen Opfer viele Namen und vorbildliche Aktionen. Und doch ist vielfältiger Anlaß der Gewissenserforschung für die Kirche als ganze gegeben.

24. Für eine jahrhundertelange Verkündigung und Theologie war die Fortdauer des Judentums als Lebens- und Glaubensweg im Heilsplan Gottes nicht vorgesehen. Sie war ihr ein Rätsel. Das Dasein der Juden als Juden schien ihr anormal. Was im christlichen Denken überholt schien, fand in Situationen der Gefahr nicht die gebührende Aufmerksamkeit. Theologie und Verkündigung hatten die Gewissen eingeschläfert und die Fähigkeit zu Solidarität und Widerstand geschwächt, als in Deutschland und Europa der nationalsozialisti­sche Antisemitismus mit seiner Brutalität und kriminellen Energie auftauchte. So kam es zur vielfältigen Schuld unter Christen und in der Kirche: zur Schuld, das Gute nicht getan zu haben, wie zur Schuld der bösen Tat, zur Schuld des Schweigens und des Verdrängens; zur Schuld der Leugnung und der unterlassenen Hilfeleistung wie zur Schuld des Fehlens dort, wo Protest, Hilfe und Schutz notwendig und möglich war.

III. Die Aufgaben der Kirche aus der Erinnerung an die Schoa

A. Die biblischen Aussagen im Licht der historischen Fakten

Eine Erneuerung des Verhältnisses von Juden und Christen im Schatten der Schoa setzt voraus, daß die Kirche sensibler mit ihren Heiligen Schriften umgeht. Für das Urchristentum gab es das „Alte“ Testament im Sinne einer zweitrangigen, vergangenen oder überholten Quelle der Offenbarung nicht. Vielmehr wurden die Heiligen Schriften der Juden im Kontext ihrer jüdischen Lebenswelt in Anspruch genommen. Nirgendwo wird im Neuen Testament gesagt, daß die Bibel der Juden durch diese urchristliche Inanspruchnahme aufgehört hätte, das heilige Buch der Juden zu sein. Die Erkenntnis der Bedeutsamkeit Jesu war außerhalb der Grundauffassungen der jüdischen Bibel für das Urchristentum nicht möglich. Die Überzeugungskraft des urchristlichen Schriftbelegs für die Besonderheit Jesu hing an der Bibel Israels. Die neutestamentliche Deutung des Lebens und Geschicks Jesu geschah im Licht der Heiligen Schriften des Judentums.

26. Dem Juden Jesus von Nazaret ging es um nichts anderes als um die Wahrheit des Gottesglaubens Israels. Weder das, was Jesus wollte, noch das, was schließlich das Urchristentum weltweit verkündete, zielte auf ein neues religiöses Prinzip neben dem oder gegen das Judentum ab. Das verhängnisvolle Auseinanderleben von Christentum und Judentum war für Jesus auch nicht durch den Streit und die Scheidung infolge des Bekenntnisses zu ihm (vgl. Mt 10,16-39; 24,9-14 u. a.) vorprogrammiert. Denn diese Konflikte spielten sich im innerjüdischen Kontext ab. Auch für die Urchristenheit lag der Christusglaube in den Auslegungsmöglichkeiten der jüdischen Bibel.

27. Das Urchristentum hat seinen Glauben an die Auferweckung Jesu aus den Toten vor allem dadurch weiter entfaltet, daß es Titulaturen, welche die jüdische Überlieferung für den Richter oder Heilbringer am Ende der Tage bereit hielt, konsequent auf Jesus übertrug. Mit dessen Auferweckung aus den Toten mußte nach jüdischer Vorstellung jenes Ende der Tage angebrochen sein. Es waren dies vor allem die Titel „Menschensohn”, „Herr”, „Christus-Messias”, „Sohn Davids” und „Sohn Gottes”. Jeder dieser Titel hatte seinen je besonderen Ort in der jüdischen Überlieferung. Späteres christologisches Verständnis dieser Hoheitstitel darf nicht im Widerspruch zu diesem Ursprung stehen.

28. Die Kirche muß sich der Herausforderung stellen, daß die Schriften des Neuen Testaments Äußerungen (vgl. 1 Thess 2,14-16; Mt 27,24-25 oder Joh 8,43-44) enthalten, die Judenfeindlichkeit gerechtfertigt haben und dies auch scheinbar können.
Beim Umgang mit diesen Stellen genügt es nicht, aus den Schriften des Paulus (vgl. Röm 11,25-27), des Matthäus (vgl. Mt 23,2-3) oder des Johannes (vgl. Joh 4,22) andere Stellen aufzuführen, die ein positives Bild der Juden zeigen. Solche positiven Belege tilgen jene anderen negativen Aussagen nicht aus den normativen Urkunden der Kirche.
Der Grund für alle neutestamentliche Judenfeindlichkeit muß aufrichtig anerkannt werden. Es ist die Tatsache, daß es schon den ersten Anhängern Jesu nicht gelang, die übrigen Juden von der Auferweckung Jesu und seiner Messianität zu überzeugen. Die Trennung der Kirche von Israel und die Enttäuschungen über das Festhalten der Juden an ihren Überlieferungen finden in Äußerungen der Polemik und der Aggressivität ihren Niederschlag, die, auch wenn sie im Neuen Testament stehen, keinesfalls für alle Zeiten gültig sind.12 Der durchgängige Fehlschlag der Judenmission bleibt eine Grunderfahrung der Kirche, die nach einer neuen theologischen Deutung verlangt.

29. In der christlichen Theologie haben sich abwertende Redeweisen vom jüdischen „Gesetz“ eingebürgert. Sie treffen nicht das, was das Frühjudentum unter „Geboten und Verboten der Tora“ verstand. Innerhalb der christlichen Theologie haftet der Ausdruck „Gesetz“ oft an Fragestellungen, die im Zeitalter der Reformation aufkamen und die man in das Verhältnis Jesu zu seiner jüdischen Umgebung zurückzuprojizieren versuchte. Für die ältesten Stufen der Jesusüberlieferung ist eine grundsätzliche Infragestellung der Tora und der ihr zugehörigen Halacha nicht nachweisbar. Vielmehr bestimmte der Gehorsam gegenüber den Geboten und Verboten der Tora zunächst auch das palästinische Judenchristentum. In den Jesusüberlieferungen der synoptischen Evangelien fehlt eine eigentliche Diskussion über die Heilsrelevanz des Gesetzes (Tora). Das Matthäusevangelium behauptet ebenso wie die ihm voraus-liegende Logienquelle ausdrücklich (Mt 5,17, vgl. Lk 16,17), daß Tora und Halacha nach wie vor in Geltung seien. Erst im Rahmen der allmählich aufbrechenden Heidenmission wurden unter Berufung auf die Autorität Jesu Teile des Gesetzes außer Kraft gesetzt, jedoch ohne die Heilsbedeutung der „Gebote“ in Frage zu stellen (vgl. noch Mk 10,17-19).

30. Von bleibender Dringlichkeit ist die Frage, wie es zum Tod Jesu am Kreuz kam. Jahrhundertelang haben die Christen den Juden pauschal die Schuld am Tod Jesu zugeschrieben. Die Juden galten deshalb als „Gottesmörder“.13 Diese Anschuldigung war aus theologischen und ethischen Gründen nie zu rechtfertigen.14
Der Konflikt, in dem Jesus umkam, ist keineswegs der Höhepunkt eines langen Streites Jesu mit dem Judentum, besonders mit den Pharisäern (Mk 3,6), seiner Zeit. Er ist auch nicht die Folge einer Auseinandersetzung um das jüdische Gesetz. Wahrscheinlich erfolgte die Verurteilung Jesu wegen einer prophetischen Zeichenhandlung gegen den Tempel von Jerusalem, die im Text von der Tempelreinigung (Mk 11,15-17) noch erkennbar ist. Der Tempel war damals Ort des politischen Zusammenspiels zwischen der römischen Besatzungsmacht und der die jüdische Führung stellenden sadduzäischen Priesterschaft. Wer den Tempel angriff und durch eine Prophetie relativierte (vgl. Mk 14,58), erhob sich gegen die tempelstaatliche Ordnung in der Provinz Judäa, die von den Römern eingesetzt und legitimiert worden war. Das Wort Jesu gegen den Tempel erfüllte nach römischem Recht den Tatbestand des Aufstandes („perduellio“). Nach jüdischem Recht entsprach diese Prophetie dem Vergehen einer mit dem Tod zu bestrafenden Gotteslästerung (vgl. Jer 26,1-19). Nach unserem heutigen Wissen erfolgte die Verurteilung Jesu zum Tod am Kreuz in einem ordentlichen Gerichtsverfahren und nach Maßgabe einer juristisch exakt handelnden römischen (und jüdischen) Kapitalgerichtsbarkeit. Dieser historische Befund läßt weder damals noch heute eine Schuldzuweisung an die Juden zu.

31. Unbestritten gibt es in der christlichen Theologie und Eschatologie, in Ethik und Liturgie einen Grundbestand, der aus der jüdischen Tradition kommt. Indessen wird man daran zweifeln müssen, ob allein durch das Forschen nach dem Theologisch-Gemeinsamen das Verhältnis zwischen Juden und Christen zu erneuern ist. Ein künftiges Verhältnis zwischen Christen und Juden wird nicht zuletzt davon abhängen, ob die Christen die theologischen Traditionen des Judentums in ihrer Eigenständigkeit und in ihrer je besonderen theologischen Würde anerkennen, ob sie also in der Spur der Bibel (vgl. Röm 11,17-24) den Anspruch auf Absolutheit des Christentums gegenüber dem Judentum aufgeben.

B. Die Schoa und die Rede von Gott dem Erlöser

32. Das Nachdenken über die Schoa wirft Fragen auf, die selbst vor dem Glauben an Gott und der Rede von ihm nicht halt machen. Die Schoa hat gerade das Volk in die Vernichtung gerissen, dem die Erwählung und Verheißung Gottes gelten: „Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen ...“ (Gen 12,2 f.) und: „Du, mein Knecht Israel, du Jakob, den ich erwählte ...“ (Jes 41,8-10).

33. Das Leiden der Unschuldigen, Bewährten und besonders der Kinder hat schon immer in die verzweifelte Frage um das Warum und Wozu getrieben. Das Böse, das in der Schoa getan wurde, und das Leiden, das dort erlitten wurde, wirken verschärfend wie ein Beweis für die Abwesenheit, das Schweigen oder die Nichtexistenz Gottes. Der Glaube kann von diesem Bösen und Leiden nicht absehen. Die Theologie als Rede von Gott kann von der Schoa nicht unberührt bleiben.

34. Das jüdische Volk hat angesichts seiner Leiden oft mit seinem Gott gerungen und in Zeiten des Niedergangs gefragt: „Auf wen anders sollten wir uns verlassen als auf unseren Vater im Himmel?“ (Sota IX, 14 f.). So haben auch jüdische Opfer in den Todeslagern der Schoa gefragt. Sie haben an Gott festgehalten und sind mit dem Bekenntnis des „Höre, Israel“ oder mit der Melodie „Ich glaube“ in den Tod gegangen. Anderen wurde ihr Glaube vernichtet. Es geschah aber auch, daß Opfer, die der religiösen Tradition entfremdet waren, in den Lagern der Schoa zum Glauben an Gott fanden.
In der kontroversen Einschätzung, ob Gott für die Schoa verantwortlich sei, ist ein Klagegebet, das sich als Dokument der letzten Stunden des Warschauer Gettos gibt, aufschlußreich. „Du hast alles getan, damit ich nicht an Dich glaube. Solltest Du meinen, es wird Dir gelingen, mich von meinem Weg abzubringen, so sage ich Dir, mein Gott und Gott meiner Väter: Es wird Dir nicht gelingen.“

35. Von Auschwitz her kann neu deutlich werden: Das Gebet ist die Suche des Antlitzes Gottes (vgl. Ps 27,8.10; 42; 63,2-4), das in der Welt verborgen ist.

36. Das betende Klagen gegenüber Gott weist dem Reden von Gott, das des Leidens der Menschen und der Schoa eingedenk ist, einen Weg. Gott läßt sich nicht auf glatte Formeln bringen. „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege — Spruch des Herrn“ (Jes 55,8). Die Unbegreiflichkeit des Leids ist ein Stück Unbegreiflichkeit Gottes. Die Frage: Wo war Gott in Auschwitz? beunruhigt viele Herzen. Niemand hat die Autorität, die Frage zu verbieten.

37. Die Rede von Gott als Retter und Erlöser und das Verständnis von Erlösung sind in den Schatten der Schoa geraten. Die Schoa verdunkelt die Transparenz der Geschichte und zerstört jeden naiven Optimismus gegenüber dem Sinn der Geschichte. Sie verhüllt, daß die Geschichte unter der Herrschaft Gottes steht. Vor allem fragt sie nach der Wirklichkeit von Erlösung, die der Glaube der Kirche mit Jesus Christus verbindet.

38. Zwar hat Israel in seiner wechselvollen Geschichte vielfältige Rettung durch Gott erfahren. Gerade in Zeiten der Bedrängnis rühmt es in der Bibel die Befreiung aus der Knechtschaft Agyptens und die Errettung vor dem Tod (Ex 1-15). Seine Lehrer und Propheten erinnern in Situationen der Gefährdung und Not, des Abfalls oder des Exils an diese zentrale Rettungserfahrung, um Gott anzurufen oder das Volk zu mahnen, aufzurichten oder in der Hoffnung auf Gottes erneute Hilfe zu stärken (vgl. Amos 9; Ez 20; Jes 43; 51 f. u. o.). Im Neuen Testament ist Jesus „Anführer und Retter“ (Apg 5,31), der die Menschen aus der Herrschaft des Todes herausführt, „um die zu befreien, die durch die Furcht vor dem Tod ihr Leben lang der Knechtschaft verfallen waren“ (Hebr 2,15).

39. Aber wo die vielfach in der Bibel verheißene Rettung ausbleibt, erscheint das Versprechen wie widerrufen und zurückgenommen und die Erlösung als noch nicht geschehen. Gerade die Schoa radikalisiert den gewichtigen jüdischen Einwurf gegen das christliche Erlösungsverständnis. Der jüdische Einwurf sagt: „Wir sind nicht erlöst.“ Er argumentiert: von einem Erlöstsein der Schöpfung kann angesichts ihrer Wirklichkeit, wie sie ist, nicht gesprochen werden. Die Geschichte müßte anders verlaufen, die Welt müßte anders aussehen, wenn sie erlöst wäre. Vor allem die Opfer der Schoa, die ihren Kampf für ihr Leben verloren, weil die Welt sie im Stich ließ, legen Zeugnis dafür ab: wir sind nicht wirklich erlöst. Wenn Juden sagen, die Welt ist noch unversöhnt, brauchen Christen dem nicht zu widersprechen.

C. Die Kirche in Weggemeinschaft mit dem jüdischen Volk

40. Im Zusammenhang des Nachdenkens über die Bedeutung der Schoa hat die Kirche ihre eigene Verbundenheit mit dem jüdischen Volk wiederentdeckt und in ein zunehmend klareres Licht gestellt. Für das Zweite Vatikanische Konzil gehört diese Verbundenheit zum Sein der Kirche; sie wird im Akt der Selbstbesinnung gegenwärtig: „Bei ihrer Besinnung auf das Geheimnis der Kirche gedenkt die Heilige Synode des Bandes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist.“15 Aus dieser Aussage zog Papst Johannes Paul II. die Folgerung: „Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas ,Äußerliches‘, sondern gehört in gewisser Weise zum ,Innern‘ unserer Religion.“16 Es existieren also „einzigartige Beziehungen zwischen dem Christentum und dem Judentum: Beide sind ,auf der Ebene ihrer eigenen Identität miteinander verbunden‘ (Johannes Paul II. am 6. März 1982), und diese Beziehungen ,gründen sich auf den Plan des Bundesgottes‘.“17

41. Belehrt durch den Römerbrief wird die Ekklesiologie stärker die Bedeutung der Kirche als „Mitteilhaberin an der Wurzel des Ölbaums“ (Röm 11,17) herausstellen. Die Wurzel ist Israel — bis heute.

42. Die Fortdauer der Erwählung des jüdischen Volkes muß den Gläubigen in der Kirche nahe gebracht werden. Das Weiterbestehen des Alten Bundes erlaubt es nicht, den Neuen Bund, in dem die Kirche steht, so zu begreifen, als ob er den Alten Bund hinfällig macht oder ersetzt. Der Neue Bund ist kein anderer als der „Erste“ Bund. Er ist der von Gott mit neuer Lebenskraft erfüllte Bund seiner Barmherzigkeit, an dem Israel und Kirche auf je spezifische Weise Anteil haben.

43. Wie die Rede von der Überholtheit des Alten Bundes ist auch ein Verständnis abzuweisen, demzufolge die Kirche Israel ersetzt oder enterbt. Auch das Bild zweier paralleler Heilswege würde die Tatsache des gemeinsamen Ursprungs, der konflikthaften Entzweiung und der bleibenden Herausforderung nicht zur Darstellung bringen.18 Zwischen der Kirche und dem Judenturn herrscht ein spannungsreiches Verhältnis, dem neben der Nähe die Trennung, neben der Bejahung die Infragestellung eigen ist. Das Gegenüber von Kirche und Israel erinnert daran, daß die Kirche einen „Keim und Anfang dieses Reiches (Gottes) auf Erden darstellt“19 und ihre endgültige Vervollkommnung noch erwartet.20

44. Den Weg auf die Vollendung des Plans Gottes gehen Kirche und Israel in je eigener Identität. Es ist derselbe Gott, der sie ruft. Wie Israel ist die Kirche wanderndes Gottesvolk: immer neu auf den Weg durch die Wüsten der Zeit gebracht, sich stets nach dem Ziel des Reiches Gottes ausstreckend. Bis zu dessen Kommen in Fülle bleibt das spannungsreiche Gegenüber, das die Kirche achtet. Sie will nicht die Aufhebung oder Auflösung des Judentums. Die Judenmission der „Kirche aus den Völkern“ war ein Fehlgriff. Die Kirche bejaht die Sendung Israels.21

D. Der Ruf nach einer Ethik des Lebens

45. Das Verbrechen der Schoa rührt an die Grundlagen der christlichen Ethik. Es geschah auf einem Kontinent, der durch eine lange Geschichte des Christentums geprägt ist. Das Gewissen der Christen und der Kirche muß auf den Schrei der in der Schoa Ermordeten und Gemarterten reagieren. Belastet mit der Bürde geschichtlicher Schuld und eingedenk des Verlustes moralischer Glaubwürdigkeit beim jüdischen Volk reagiert das christliche Gewissen im Geist der Demut und Umkehrbereitschaft.

46. Die Ethik, die auf den Schrei der Opfer der Schoa hört, steht im Dienst einer Kultur des Lebens. Gerade das Volk, welches das Verbot „Du sollst nicht morden“ (Ex 20,13; Dtn 5,17) von Gott empfangen und der Menschheit weitergegeben hat, hat in der Schoa millionenfach die Mißachtung und Leugnung dieser göttlichen Weisung erfahren müssen.

47. Der Unrechtscharakter der gesetzlichen Maßnahmen des nationalsozialistischen Staates und das Verbrecherische der Ausführungen wurden durch eine öffentliche Sprache verhüllt, welche die Dinge nicht beim Namen nannte, sondern das Menschliche auf ein Technisches reduzierte. Mit Ersatzwörtern hatten die Nationalsozialisten das, was sie zu tun vorhatten, verschleiert. So sprachen sie von ihren Verbrechen, indem sie sich der Lüge bedienten. Die Achtung des Menschen, seines Lebens und seiner Würde hingegen findet ihren Ausdruck in einer Sprache, die dem Gebot der Wahrheit entspricht und die Dinge beim Namen nennt. Eine solche Sprache ist für eine Ethik des Lebens unerläßlich.

48. Das Ausmaß der Vernichtung der Schoa war möglich geworden, weil eine Gleichgültigkeit und Apathie die Menschen und Völker hinderte, den Opfern tatkräftiger und wirksamer beizustehen, als es geschah, sie und ihr Leben zu verteidigen und sie vor dem ihnen zugedachten gewaltsamen Tod zu bewahren. Aber jene, die aus dem Anstoß ihres christlichen Glaubens oder aus anderem Impuls heraus sich als Helfer bewährten, setzten ein Maß des Ethischen. Die Verfolgten galten gemeinhin als solche, die Gefahr brachten und von denen man sich fernhalten mußte. Jenen aber waren sie Brüder und Schwestern, die in Not waren und mit denen sie sich solidarisch wußten. Oft bezahlten sie ihre Solidarität mit dem eigenen Leben. In ihrem Geschick zeigte sich „das andere, zweite Gesicht der Schoa“. Sie waren nach jüdischem Verständnis „Gerechte aus den Völkern“ und lebten eine Ethik der Verantwortung für den Anderen.

49. Das Bemühen um gemeinsame ethische Reflexionen wie um eine praktische Solidarität kann sich auf einen reichen Schatz gemeinsamer christlich-jüdischer Überzeugungen stützen. Die Würde eines jeden Menschen ist ungeachtet seiner Herkunft, seines Geschlechtes, seiner Religion und seiner Fähigkeit und Eigenarten zu schützen. Die Beziehungen der Menschen untereinander in der Familie, in der Gesellschaft und zwischen den Völkern und Nationen müssen von gegenseitiger Solidarität und von Friedensbereitschaft geprägt sein. Unterdrückung, Vertreibung von Minderheiten und autoritäre Systeme sind ausgeschlossen. Die Bewahrung der Schöpfung Gottes ist uns Menschen treuhänderisch anvertraut.

50. Zum ersten Mal ist es in der Menschheitsgeschichte durch den Menschen selbst fraglich geworden, ob es morgen noch den Menschen gibt. Des Menschen Zukunft ist bedroht durch seine Friedlosigkeit und das Zerstörungspotential in seiner Hand, durch seinen Eingriff in die ökologische Struktur der Erde, durch die Ambivalenz seiner wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten und durch sein Unvermögen zu gerechter Verteilung von Nahrungsmitteln und den übrigen Gütern der Erde. Nicht erst im Handeln, sondern schon im Denken und Forschen kann der homo faber zum Täter werden, der das Leben bedroht. Human- und Sozialexperimente können die personale Identität des Menschen gefährden. Daher sind grundlegende politische Entscheidungen, die von ethischen Optionen einer Kultur des Lebens geprägt sind, erforderlich. Jüdische und christliche Männer und Frauen haben in ihren Traditionen eine Quelle, Modelle der Problemlösung und Perspektiven der Hoffnung für eine Welt zu formulieren, die nur jenseits von Gleichgültigkeit und Hoffnungslosigkeit eine Zukunft hat.

Schluss

„Erhoben und geheiligt werde sein großer Name
in der Welt, die er nach seinem Willen erschaffen:
Er lasse sein Reich kommen in eurem Leben und in euren Tagen
und in dem Leben des ganzen Hauses Israel,
bald und in naher Zeit.
Darauf sprecht Amen“
     (Kaddisch).

  1. Es wird nicht der Versuch unternommen, die Geschichte der Judenfeindschaft in der Kirche vollständig nachzuzeichnen. Auch strebt die Darstellung, die auf die Angabe von Belegen verzichtet, keine nüchtern-emotionslose Analyse aus der Sicht der Geschichtswissenschaft an. Vielmehr stellt sie sich Anteil nehmend und beteiligt der geschichtlichen Wirklichkeit.
  2. Pius XI., Enzyklika Mit brennender Sorge (14. März 1937): AAS 29 (1937), 145­167; HI. Kongregation für Seminare und Universitäten, Brief an alle Rektoren und Dekane (13. April 1938): La Documentation Catholique 39 (1938), 579-580; Pius XII., Enzyklika Summi Pontificatus (28. Oktober 1939): AAS 31 (1939), 481­509; Rundfunkbotschaft zu Weihnachten (24. Dezember 1942): AAS 35 (1943), 9-24.
  3. Vatikanische Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, Hinweise für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum in der Predigt und in der Katechese der katholischen Kirche (24. Juni 1985), Nr. 25: Rolf Rendtorff/Hans Hermann Henrix (Hg.), Die Kirchen und das Judentum. Band I: Dokumente von 1945 bis 1985, Paderborn/Gütersloh 1989, 92-103, 102.
  4. Vatikanische Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, Richtlinien und Hinweise für die Durchführung der Konzilserkläruna „Nostra aetate", Artikel 4 (1. Dezember 1974),: AAS 67(1975), 73-79, 74f.
  5. II. Vatikanisches Konzil. Dogmatische Konstitution Lumen Gentium, Nr. 8.
  6. II. Vatikanisches Konzil, Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nicht­christlichen Religionen Nostra aetate, Nr. 4.
  7. Vgl. Richtlinien und Hinweise (1. Dezember 1974): AAS 67 (1975), 73f.
  8. Johannes Paul II., Ansprache an Verantwortliche des British Council for Christians and Jews (16. November 1990): Insegnamenti XIII, 2 (1990), 1202 f.
  9. Grundlagenvertrag zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Israel vom 30. Dezember 1993, Artikel 2.2.
  10. Ansprache an die jüdische Gemeinschaft Polens (9. Juni 1991), Nr. 3: Insegnamenti XIV, 1 (1991), 1618.
  11. Johannes Paul II, Ansprache an die Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft Österreichs (24. Juni 1988): Insegnamenti XI, 2 (1998), 2124, 2126.
  12. Vgl. Hinweise (24. Juni 1985), IV. Nr. 21, C: Die Kirchen und das Judentum I, 100.
  13. Vgl. oben unter Nr. 5.
  14. Vgl. Hinweise (24. Juni 1985), III, Nr. 19: Die Kirchen und das Judentum II, 99..
  15. II. Vatikanisches Konzil, Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nicht­christlichen Religionen Nostra aetate, Nr. 4.
  16. Johannes Paul II., Ansprache beim Besuch der Großen Synagoge Roms (13. April 1986), Nr. 4: Die Kirchen und das Judentum II, 108f.
  17. Hinweise Nr. II.2,94.
  18. Hinweise Nr. II,2,96f
  19. Lumen Gentium Nr. 5.
  20. Hinweise Nr. II.8,97.
  21. Johannes Paul II., Ansprache an die Vertreter der jüdischen Gemeinden Polens (14. Juni 1987): Insegnamenti X,2 (1987), 2221-2222.

Prof. Dr. Willehad P. Eckert OP, Düsseldorf, Akademiedirektor Hans Herman Henrix, Aachen, Abt Dr. Laurentius Klein OSB, Trier/Jerusalem, Prof. Dr. Dr. Karlheinz Müller, Würzburg, Prof. Dr. Franz Mussner, Passau, Oberstudiendirektor a. D. Werner Trutwin, Bonn, Pfr. Dr. Michael Ulrich, Dresden, Prof. Dr. Herbert Vorgrimler, Münster, Prof. Dr. Erich Zenger, Münster.


Jahrgang 6/1999 Seite 262



top