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Leser-Echo

C. C. Aronsfeld, Harrow, England, schreibt zu Clemens Thoma, Unklare Sicht im Jahr 1933. Ein Brief von Carl Jacob Burckhardt (FrRu 6[1999181-88):

Als ehemals deutscher Jude habe ich den Brief aus dem Jahre 1933 mit beträchtlichem Ekel gelesen. Über das Schicksal der deutschen Juden kann er sich am 1. Juni 1933 „nicht übermäßig aufregen“; die „Relativität dieses Vorgangs“ war Herrn CJB „sehr deutlich“: solche Sachen passieren eben, und die Juden werden ja „mit Hilfe der sich ganz in ihren Händen befindlichen Weltpresse“ einen „mächtigen Feldzug einleiten“. Außerdem sind die Juden, nach Burckhardts Relativitätstheorie, selbst schuld — was „ihre ehrlichen Vertreter auch sehr gut verstehen“, usw. Wenn das „Freunde“ aussagen, braucht man sich nicht zu wundern, daß unsere Feinde von den Juden sagten, das seien Menschen „nur in dem Sinne, wie Ratten, Läuse und anderes Ungeziefer Tiere seien — von der Natur dazu bestimmt, ausgerottet zu werden“ (vgl. meine Schrift „The Text of the Holocaust“). Davon war die Luft im Jahre 1933 derart erfüllt, daß ich sie nicht atmen konnte. Ich hatte schon das Gefühl, ich würde vergast, und ich konnte mich nicht genug beeilen, um Berlin im Mai 1933 — 14 Tage vor dem Brief des CJB — auf immer zu verlassen. Die „Sicht“ mag „unklar“ gewesen sein, aber das Gefühl war jenseits allen Zweifels. Ich möchte Thomas Schlußbemerkung unterstreichen von der Dringlichkeit der „Selbsterkenntnis unter den Intellektuellen unserer Zeit“, daß „Intelligenz nicht automatisch ein Erkennen menschenbedrohender Gefahren bewirkt“. Dieser Intellektuelle war mit Blindheit geschlagen.


Paul Stauffer, Bern, langjähriger Burckhardt-Spezialist, schreibt an C. Thoma:

Sie werden mir gestatten, Sie auf zwei kleine sachliche Irrtümer hinzuweisen: CJB ist erst 1974, nicht schon 1956, gestorben, und er hat Hitler nicht 1938, sondern am 18. September 1937 und am 11. August 1939 gesprochen. Mit Burckhardts „Juden-Briefen“ an Leopold von Andrian bringen Sie, verdienstlicherweise, ein in der Tat sehr aufschlußreiches Dokument erstmals zum integralen Abdruck. Wesentliche Passagen daraus habe ich allerdings bereits in meinem 1998 erschienenen Buch „,Sechs furchtbare Jahre ...‘. Auf den Spuren Carl J. Burckhardts durch den Zweiten Weltkrieg“, S. 352 und 355, veröffentlicht.


Zwi Werblowsky, Hebräische Universität Jerusalem, bemerkt zur Heiligsprechung von Edith Stein (FrRu 61199913-23):

Die letzte Nummer (Edith Stein) und besonders E. L. Ehrlich habe ich als sehr wohltuend empfunden. Ich selbst habe im israelischen Fernsehen ein längeres Interview über E. Stein gegeben, welches sehr positiv aufgenommen wurde. Wenn es jüdischerseits heftige Proteste gab und gibt, so sind katholische Publikationen dafür verantwortlich! Schwester Teresa Benedicta starb nicht als Opfer oder gar in Selbstaufopferung für das Heil ihres Volkes, sondern — trotz und mit Taufe — als Tochter ihres Volkes, dessen Schicksal sie teilen mußte. Sie hat ihr Leben nicht „geopfert“, sondern wurde, wie alle anderen Juden, gepackt.


Conrad Wilhelm Mayer, Breisach, kommentiert die Hefte 4/1998 und 1/1999:

Noch selten hat mich der Freiburger Rundbrief so sehr beschäftigt, wie diese Hefte, die sich mit dem Verhältnis von Juden und Christen „kat‘ exochän“ befassen. Noch nie wurde mir so bewußt, woran es liegt, warum der jüdisch-christliche und auch der jüdisch-deutsche Konflikt bisher zu keiner wirklichen Lösung geführt hat. Es ist das auf beiden Seiten gehegte Mißtrauen gegenüber der andern Seite und die Wiederholung längst widerlegter Tatsachen. Das stimmt traurig und entmutigend. Als Pädagoge einer Generation, die am eigenen Leib das Schreckenssystem miterlitten hat, war es über vierzig Jahre mein innerstes Anliegen, der Jugend ein positives Bild von dem großen jüdischen Volk und seiner mit dem Christentum zuinnerst verbundenen Religion und Geschichte zu vermitteln — und dies mit gutem Erfolg. Liest man aber dann den Beitrag von Joel Berger, beschleicht einen das Gefühl, daß letzten Endes alles umsonst war, weil nach solchem Verständnis niemals sein dürfte, was an sich schon längst sein könnte: wirkliche und echte Versöhnung. Hier scheint mir von jüdischer Seite ganz entschieden Klärungsbedarf angezeigt.


Jahrgang 6/1999 Seite 238



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