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Berichte Heft 3 Jg 6/1999

Erzbischof Muszyński: Brückenbauer zwischen Polen und Deutschen, Christen und Juden

Für sein Engagement im Dienst der Verständigung und Versöhnung zwischen Polen und Deutschen, Christen und Juden wurde der Gnesener Erzbischof Henryk Muszyński am 14. März 1999 bei der Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit in Potsdam mit der Buber-Rosenzweig-Medaille geehrt (vgl. FrRu 6[1999]74). Die Laudatio hielt Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe. Die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen erinnerte in ihrer Ansprache unter anderem daran, daß beim Lesen des Neuen Testamentes Gott und nicht allein Jesus gesucht werden soll. Weiter befaßten sich mit dem Thema der Woche der Brüderlichkeit „Bedenke, was trägt“ der katholische Theologe Johann Baptist Metz und die CDU-Politikerin Rita Süssmuth. Beim Festakt der Freiburger Gesellschaft für Christlich-Judische Zusammenarbeit am 16. März 1999 bekräftigte Erzbischof Muszyński Auffassungen, die in Deutschland vielfach auf Überraschung stoßen: Das polnische Volk stehe mit dem jüdischen nicht nur in einer Opfergemeinschaft, sondern leide noch heute unter ungerechtfertigten Schuldzuweisungen für die Schoa.

Landesrabbiner Erzbischof Henryk Muszyński (links) und Henry Brandt bei der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille in Potsdam. Foto: KNA

Nachdrücklich bestritt der Erzbischof eine Verbindung zwischen antisemitischen Traditionen in Polen und dem nationalsozialistischen Tötungsprogramm. Nach seinen Worten „hat es in Polen nie einen rassistischen Antisemitismus gegeben“. Obwohl Muszyński die polnische Schuldlosigkeit an der Schoa verteidigt, bleibt sein Engagement für eine christlich-jüdische Aussöhnung seitens vieler Polen nicht unwidersprochen. Als er den Vorsitz der „Kommission der Polnischen Bischofskonferenz für den Dialog mit dem Judentum“ innehatte, brachten rechtsnationale Katholiken 1988 eine Schmähschrift mit dem Titel „Geburt einer neuen Irrlehre?“ in Umlauf. Muszyński selbst wurde mit anderen Befürwortern des Dialogs als „jüdischer Agent“ verunglimpft. Demgegenüber beteuert Muszyński die Geschlossenheit des Bischofskollegiums in „wichtigen Fragen“ des christlich-jüdischen Dialogs. Sein am 7. August 1998 veröffentlichter Brief zum Streit um die Kreuze in Auschwitz war verschiedentlich als Widerspruch gegen den Primas der katholischen Kirche in Polen, Kardinal Glemp, gewertet worden. Zuversichtlich äußerte sich Muszyński über den Fortschritt des christlich-jüdischen Dialogs in Polen, der vor allem durch die verschwindend geringe Zahl jüdischer Gesprächspartner erschwert ist. Anders als in Deutschland gibt es in Polen keinen landesweiten Verband christlich-jüdischer Gesellschaften. Dennoch haben sich in den größeren Städten Zentren des Dialogs gebildet; vor allem die Universitäten Lublin, Warschau und Krakau förderten die Ökumene mit einer institutionellen Anbindung. In der Bildungsarbeit werde seit der Demokratisierung Polens vor zehn Jahren die interkulturelle und interreligiöse Verständigung vorangetrieben. Derzeit gebe es allerdings „mehr Einverständnis auf der wissenschaftlichen Ebene als an der Basis“. Zur Begründung für den erst allmählich einsetzenden Wandel verweist Muszyński auf die 40jährige kommunistische Geschichte des Landes — ein Faktor, der in Deutschland gerne unterschätzt werde und dadurch alte Klischees verfestigte.

Wenige Tage vor der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille mußte Muszyński sein Amt als zweiter Vorsitzender der Polnischen Bischofskonferenz an Erzbischof Jozef Michalik abtreten. Spekulationen über Zusammenhänge zwischen dem Amtsverlust und der Auszeichnung für seine Dialogbemühungen wies Muszyński zurück. Dennoch entsteht der Eindruck, Teile des polnischen Laienkatholizismus könnten bemüht sein, die Brücken, die er baut, hinter seinem Rücken abzubrechen. Der Erzbischof setzt dagegen unbeirrt auf ein wachsendes Verständnis zwischen Christen und Juden, Polen und Deutschen.

Burkhard Jürgens, Freiburg


Neugründungen: Judentumsbibliothek und Hermann-Cohen-Akademie

Am 9. November 1998, dem 60. Jahrestag der Reichspogromnacht, unterzeichnete Pfarrer Herbert Duffner in Buchen im Odenwald die Gründungsurkunde seiner Stiftung für eine Bücherei des Judentums. Untergebracht ist diese einmalige Bibliothek in der ehemaligen Buchener Stadtbücherei, dem sogenannten „Klösterle“, das — 1489 als Kapelle errichtet — bis 1570 von einer Beginen-Gemeinschaft bewohnt wurde. Zweck der Stiftung ist „die Bewahrung des kulturellen jüdischen Erbes, die Förderung von Geschichte, Kultur und Wissenschaft des Judentums sowie die Förderung des christlich-jüdischen Dialogs“. Schon in den sechziger Jahren war Duffner als Studentenpfarrer in Heidelberg aktiv in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Im Laufe von dreißig Jahren hat er alles ihm Erreichbare an Gedrucktem zusammengetragen, was mit Judentum und christlich-jüdischem Dialog zu tun hat. So entstand eine in ihrer Art wohl einzigartige Bibliothek mit rund 4000 Büchern und weiteren 1000 Medien. Besondere Raritäten sind 92 Bändchen einer Reihe, die noch bis 1938 von dem jüdischen Schocken-Verlag in Zusammenarbeit mit Martin Buber für jüdische Leser herausgegeben wurden, sowie ein vor der „Einstampfung“ gerettetes Exemplar der ,Judenbuche“ von Annette von Droste-Hülshoff. Zusätzlich zum Bibliotheksgebäude stellt die Stadt Buchen auch ein Wohnappartement für wissenschaftliche Arbeit frei zur Verfügung.

Ebenfalls im „Klösterle“ untergebracht ist die gleichzeitig von Prof Dr. Eveline Goodman-Thau, Jerusalem, gegründete „Hermann-Cohen-Akademie“ für Religion, Kunst und Wissenschaft. Jüdisches Denken sei europäisches Kulturgut, das nicht allein Juden gehöre, so Goodman-Thau. Darum lehre sie in Deutschland. Die freie Akademie, benannt nach dem jüdischen Aufklärer und Religionsphilosophen Hermann Cohen (1842-1918), sieht es als vorrangige Aufgabe an, einen offenen Raum zu gestalten, in dem Fragen der Zeit auf der Basis eines ethischen Bewußtseins für die Zukunft behandelt werden können. Durch wissenschaftliche Kolloquien und Forschungsprojekte soll eine Renaissance in der Wissenschaft ermöglicht werden, wobei die Bereiche Religion, Kunst und Wissenschaft verbindlich zusammengehören. Die Akademie soll aber auch Lehrseminaren der höheren Schulklassen und Student/innen aller Fachrichtungen offen stehen. (Red.)


Jüdisches Museum in Berlin

Am 24. Januar 1933 wurde in Berlin ein Jüdische Museum eröffnet. Nach einigen bedeutenden Ausstellungen mußte es am 10. November 1938 wieder schließen. Sechsundsechzig Jahre später, am 24. Januar 1999, fand der Festakt zur Eröffnung des neuen, von Daniel Libeskind konzipierten, Jüdischen Museums statt. Vier Stockwerke hoch erstreckt sich das Gebäude in der Berliner Lindenstraße, ein zerklüfteter, scharfkantiger Baukörper, der keinerlei horizontale Gliederungselemente erkennen läßt. Es gibt keine herkömmlichen Fenster. Die Fassaden werden von wirr angeordneten Spalten zerschnitten, als ob ein blindwütiger Riese mit der Axt die metallene Haut kreuz und quer durchschlagen hätte. Wer nach einem Eingang sucht, den verweist eine kleine Tafel an das benachbarte Berlin-Museum. Dort findet sich — unterirdisch — der einzige Zugang zum Jüdischen Museum. Vom Foyer aus führen Stufen in den Keller. Schon auf dem ersten Absatz öffnet sich über dem Besucher der Raum schwindelerregend in das Innere eines Turmes mit kahlen Wänden, dessen oberes Ende sich im Dunkel verliert. Auf einer gedachten Geraden angeordnet, windet sich das Museum im Zickzack um fünf solche, alle Stockwerke durchsetzende, fast ausnahmslos unzugängliche Türme — Leerräume, wie sie Vertreibung und Ermordung der Juden in der deutschen Kultur unwiederbringlich hinterlassen haben. Der Kontinuität jüdischen Lebens, aller Vertreibung und Ermordung zum Trotz, entsprechen drei unterirdische „Straßen“ des Bauwerkes. Eine Straße der Vertreibung führt gleichsam als Exodus nach außen in den nach E. T. A. Hoffmann benannten „Garten“. Der besteht aus sieben mal sieben quadratischen Betonsäulen, aus denen oben stachliges Gesträuch von Ölweiden herauswächst. In ansteigendem Gelände sind alle Säulen in zwei Richtungen gleichsinnig um je 12 Grad geneigt. Das entstehende Gefühl von Schwindel, als sacke der Boden weg, soll Exil als Entwurzelung und Orientierungsverlust nachempfinden lassen. Am Ende der zweiten Straße, der Straße des Holocaust, tritt man durch eine schwere Türe, die dann knirschend ins Schloß fällt, in einen sechsten hohlen Turm, der dem Museumsbau vorgelagert ist. Er wird nur oben von einem schmalen Lichtspalt erhellt. An einem Ende ist er von so bedrängend spitzwinkligem Grundriß, daß er die Ausweglosigkeit des Holocaust körperlich fühlbar macht. Die Straße der Kontinuität führt, immer enger werdend, plötzlich zu einer Treppe, die in hohen Stufen schnurgerade durch alle Stockwerke nach oben ansteigt, wo sie blind endet. Seitlich ausweichend kann man von ihr aus die vier oberirdischen Stockwerke des Museums betreten. In dessen Zickzack sollen die ständigen Exponate und wechselnden Ausstellungen ihren Platz finden.

Den künftigen Besuchern ist der Zugang zum Museum und zur Berliner jüdischen Kultur nicht leicht gemacht. Das Deutsche und das Jüdische, schicksalhaft und unlösbar miteinander überkreuzt, sollen in diesem Museum wieder in ihre Kontinuität gebracht werden, Geschichte und Zukunftshoffnung körperlich erlebbar und verständlich werden.

Hans-Bernhard Wuermeling, Erlangen


10 Jahre Projekt „Erinnern und Begegnen“

Aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens des Projektes „Erinnern und Begegnen“ fand vom 4. bis 6. Dezember 1998 in Rastatt eine Reflexionsstagung des Jugendamtes und des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BdKJ) der Erzdiözese Freiburg statt (vgl. FrRu 4[1997]128 f.). Rainer Moser-Fendel, einer der Gründer des Projektes, gab einen Rückblick auf Entwicklung und Geschichte, die 1988 mit dem Jugendsonntag des Erzbistums im fünfzigsten Jahr nach der Reichspogromnacht begonnen und sich das Wort des Baal Schem Tov, „Erinnern ist das Geheimnis der Erlösung“, zum Leitsatz genommen hatte. Bei einem kritischen Rückblick waren Zeitzeugen der Schoa einstimmig der Meinung, daß sie es einerseits als belastend empfinden, stets von neuem ihre leidvolle Erfahrung mitzuteilen, andererseits aber sehen sie es als ihre Verpflichtung, zu erzählen und aufzufordern, daß die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt und Ungerechtigkeiten und Ausgrenzungen schon in Ansätzen wahrgenommen und bekämpft werden. Gabriele Rosenthal von der Gesamthochschule Kassel schilderte in ihrem Vortrag „Nationalsozialismus im Familiendialog“ die vielfältigen Formen von Verstrickungen, die selbst noch die Enkel der Täter mit der Schuld ihrer Großväter und — überraschenderweise — ihrer Großmütter verbinden und sich in Depressionen und Selbstmord äußern. Werner Schneider, evangelischer Pfarrer und Vorstand des Fördervereins des Fritz Bauer Instituts, Frankfurt a. M., stellte im Zusammenhang mit der umstrittenen Rede Martin Walsers die Frage nach dem Sinn des Gedenkens. Er verwies auf die Problematik des Gedenkens an die Opfer und des Sich-Erinnerns der Täter. Gedenken brauche Rituale und Formen, innerhalb derer die anstrengende, aber bereichernde Auseinandersetzung stattfinden könne. Rituale müßten nicht notwendigerweise erstarrt sein, sondern seien wandelbar und lebendig. Sehr kontrovers wurde der Beitrag von Annegret Ehmann vom Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin aufgenommen. Sie setzte sich provokativ mit der Gedenkkultur in der Bundesrepublik auseinander und beklagte die Institutionalisierung, Instrumentalisierung und Ritualisierung eines Gedenkens, das nur selten konkrete Folgen in Form von Veränderung von Verhältnissen zeige. Statt eines Gedenkstätten-Tourismus fordert sie, den Besuch einer Gedenkstätte zu einem Projekt zu machen, in welchem kognitiv wie emotional Geschichte erfahrbar gemacht werden könne.

(Vorträge und Berichte der Tagung können beim Erzbischöflichen Jugendamt, Okenstraße 15, 79108 Freiburg, bestellt werden.)

Christine Ehrlenspiel, Freiburg


„Jesuits and Jews: Towards Greater Fraternity and Commitment“

Das Sekretariat für Interreligiösen Dialog der Jesuiten hatte vom 27. bis 31. Dezember 1998 in Krakau, Polen, unter der Leitung von Thomas Michel SJ zu einer ersten Konferenz zum jüdisch-christlichen Gespräch eingeladen. Etwa 40 Jesuiten aus Nordamerika, Europa und Israel haben als Theologen, Exegeten, Erzieher und Seelsorger ihre Erfahrungen ausgetauscht. Unterschiedlichste Bereiche wie jüdisch-christliche Theologie, Kultur und Geschichte und deren Aufarbeitung sind zur Sprache gekommen. Mit einer Gedenkfeier im Vernichtungslager Auschwitz/Birkenau und bei einem Besuch im jüdischen Kulturzentrum von Kasimierz, dem alten jüdischen Quartier von Krakau, wurden die Teilnehmer mit jüdisch-polnischer Geschichte konfrontiert. Als die Juden im 14. Jahrhundert aus Westeuropa vertrieben wurden, hatte sie Kasimir der Große in Polen aufgenommen. Im 20. Jahrhundert wurden sie dann auf polnischem Boden von den Nazis vernichtet.

Rabbiner Leon Klenicki von der Anti-Defamation-League des B‘nai B‘rith begleitete die Tagung. In seinem Vortrag „Catholic-Jewish Dialog: From Words to Action“ hat er sowohl Juden als auch Christen aufgerufen, in je eigener Weise das Gegenüber als Partnerreligion anzuerkennen. Nur in echter gegenseitiger Antwort könne Versöhnung Wirklichkeit werden. Seine Rede zeugte von einem bereits gewachsenen Vertrauen. Beiträge zum historischen Verhältnis der Jesuiten zu den Juden haben zahlreiche Details einer ambivalenten Beziehung ins Bewußtsein gebracht. James Bernauer SJ, Professor für Philosophie, Boston, USA, zeigte auf, wie die klassische Leib-Seele-Anthropologie über eine körper- und sexualverachtende Ethik eine katholische Milieukultur unterstützt hat. Ihre Aporie ließ das nationalsozialistische Menschenbild als Ausweg erscheinen und machte weite Kreise anfällig für die Rassentheorie der Nazis. Dieser kulturgeschichtliche Zugang zeigte die Zusammenhänge zwischen der stereotypen Unterscheidung und einer ideologisch motivierten Trennung von theologischem Antijudaismus und modernem Antisemitismus. Paul Beauchamp SJ, Paris, befaßte sich mit der Frage über eine für das jüdisch-christliche Verhältnis förderliche biblische Theologie. Jean-Pierre Sonnet SJ, Bruxelles, versuchte die ekklesiologischen Konsequenzen für das christliche Selbstverständnis zu ziehen, die aus einer Lektüre der biblischen Schriften im Lichte jüdischer Interpretation erwachsen. Die Suche nach einer neuen christlichen Identität ohne Beeinträchtigung jüdischer Werte wird sich in neuen Entwürfen für Theologie und Exegese, für Verkündigung und Liturgie äußern müssen. Der Zusammenhang zwischen christlich-kirchlichem Selbstverständnis und Gerechtigkeit, in den letzten Jahrzehnten ein wichtiger Interessenspunkt der Jesuiten, wurde erneut bestätigt. Die Jesuiten aus Israel haben die schwierige Dialogsituation zwischen den heterogenen christlichen und jüdischen Strömungen in Israel/Palästina skizziert. Der politisch und soziologisch komplexe Kontext, in dem Juden zum ersten Mal die dominierende Mehrheit bilden, erfordert unterschiedliche Gesprächsagenden. Daher unterscheiden sich die dortigen Dialogmodelle von Modellen in Europa und Nordamerika. Welche Verantwortung Jesuiten in Israel/Palästina in ihren Beziehungen zu den monotheistischen Religionen heute übernehmen sollten und könnten, wurde in Erwägung der eigenen Ordensgeschichte diskutiert. Daß im Schlußdokument, das in erster Linie der ordensinternen Weiterarbeit dient, vor allem Fragen aufgelistet sind, ist nicht auf Ratlosigkeit zurückzuführen, sondern stimuliert in bewährter ignatianischer Tradition die künftige Arbeit im jüdisch-christlichen Bereich. Im Sommer 2000 soll sich das Gesprächsforum in Jerusalem wieder treffen.

Christian M. Rutishauser SJ, Jerusalem


„Tiengen — Basel — Israel“: Ein Jugendprojekt

Die Gruppe Jungkolping der Kolpingfamilie Tiengen (Südbaden) erhielt am 26. September 1998 den Kolping-Jugendpreis für das Projekt „Tiengen – Basel – Israel“. Begonnen hatte das Projekt im Juni 1994 mit einem Stadtspiel zum Thema „Judentum in Tiengen“, basierend auf dem Buch von Dieter Petri über die Tiengener Juden. Der Titel war zugleich Arbeitsprogramm: das Gewesene (Tiengen und seine Geschichte) — Begegnung mit einer lebendigen jüdischen Gemeinde (Basel) — Suche nach den Namen Tiengener Juden in Yad Vashem (Israel). Erstmals kamen zwei ehemalige Mitbürger offiziell nach Tiengen. Beeindruckend schilderten sie ihre damaligen Erfahrungen. Ellen Sternberg geborene Levi (Kapstadt, Südafrika) war 1938 mit ihrer Familie nach Rhodesien ausgewandert. Mit ihrem Besuch (Juni 1998) und ihren Erinnerungen wollte sie dazu beitragen, daß die Schoa nicht ein unpersönlicher Teil der Geschichte wird. Kurt Guggenheim (USA) betete zum sechzigsten Gedächtnis der Reichspogromnacht (1998) das Totengebet auf dem jüdischen Friedhof von Tiengen. Auf Initiative der Gruppe und dank des Einsatzes von Stadtverwaltung und Gemeinderat waren entweihte jüdische Grabsteine geborgen und wieder an ihrem Ort aufgestellt worden. Erst diese Rückführung hatte Guggenheim zu einem Besuch in seiner einstigen Heimat bewegt. Er rief dazu auf, die Geschehnisse als Mahnung für die Zukunft zu verstehen. Viele haben damals „wirklich christlich“ gehandelt, viele haben Schuld auf sich geladen, aber „eine Kollektivschuld gibt es nicht“.

Christoph Söffge, Waldshut-Tiengen


Gang einer Schweizer Politikerin durch Nürnberg

Frau Dr. Josi J. Meier, Alt-Ständerätin, Luzern, besuchte im Sommer 1998 Nürnberg. Ihre Impressionen wurden vom Schweizer Radio am 8. September 1998 ausgestrahlt. Wir bringen Auszüge aus ihren „Nürnberger-Gedanken“.

Ein Gang durch die Nürnberger Altstadt zeigt trotz Wiederaufbau immer noch, daß die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs grauenhaft gewesen sein müssen. Die neuen Fassaden geben zwar die alten Umrisse wieder, aber es ist, als ob die hohen Giebelhäuser ihre Seele verloren hätten. Die Wärme, die alte Häuser auszustrahlen vermögen, fehlt. Hitler hatte diese Stadt zu einem Zentrum seiner Nazipartei gemacht. Von ihr bekamen die „Nürnberger Rassengesetze“ (1935) ihren Namen. Der Parteierlaß „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verkörperte nicht mehr — wie zur Weimarer Zeit — den verfassungsmäßigen Rechtsstaat, sondern einen Unrechtsstaat. Es läßt Juristen vor Scham erröten, daß ihresgleichen so etwas als Recht ausgeben konnten, wie Anwälte und Richter in den folgenden Jahren diese Erlasse durchsetzten, wie sie mithalfen, den Juden sukzessiv Freiheiten, Nationalität, Eigentum, Würde und Leben zu rauben. So war es denn auch folgerichtig, daß die Alliierten nach dem Krieg das zerstörte Nürnberg zum Sitz ihres Kriegsverbrechertribunals machten. Dort wurden die Nazibonzen, soweit sie nicht schon Selbstmord begangen hatten, zur Rechenschaft gezogen und abgeurteilt.

Das unermeßliche Leid der Naziopfer will man bei uns in der Schweiz heute manchmal zu vergessen suchen, weil jetzt, Jahrzehnte später, Betroffene Schadensersatz oder die Rückgabe von damals hinterlegten Geldern oder von geraubten Kunstwerken fordern. Bei diesen Ersatzforderungen haben einige Interessenvertreter in Amerika weit über das Ziel geschossen. Sie verletzten unnötig ein ganzes Volk, wo sie eigentlich nur bestimmte Banken, Versicherungen und einzelne Wirtschaftsträger im Visier hatten. Es wäre tragisch, wenn wir deswegen aufhörten, darüber nachzudenken, was wir selbst seinerzeit versäumten, um das Leid zu vermindern oder, zu verhindern. Wir brauchen die Ergebnisse der Bergier-Kommission nicht abzuwarten um zu wissen, daß wir damals mutiger hätten sein können und sollen. Unsere Großbanken haben jetzt mit einem „Vergleich“ versucht, einen Strich unter ihre Versäumnisse zu ziehen. Wir brauchen uns nicht mit ihnen zu identifizieren. Als 1946 das Washingtoner Abkommen zwischen der Schweiz und den Alliierten geschlossen wurde, waren unsere Unterhändler entschieden dagegen, unter dem Titel „nachrichtenlose Vermögen“ eine Zahlung zu leisten. Das sei nicht nötig, befanden die Unterhändler, die Banken würden sich um diese Vermögen ganz von selbst kümmern. Das war es aber nicht. Die Banken blieben passiv, behandelten Rechtsuchende hinhaltend und unterschätzten diese Langzeitmine ganz entschieden. Das — für uns kaum nachvollziehbare — Instrument der amerikanischen Sammelklagen, bei denen die Anwälte Erfolgshonorare erhalten, die bei uns standeswidrig sind, hat die Banken nun zum Handeln gezwungen. Die den Welthandelsregeln klar widersprechenden Sanktionsdrohungen mögen dazu beigetragen haben. Wir brauchen uns für die Banken nicht den Kopf zu zerbrechen. Aber wir können und dürfen keinen Strich ziehen unter das, was geschah. Wir handeln nicht als Aktiengesellschaften, wir denken und handeln als Mitmenschen.

  

Bei der Abfahrt aus Nürnberg fiel mir an einer U-Bahn-Wand ein Zitat von Walther Rathenau auf: „Denken heißt vergleichen.“ Wenn ich die Dreißiger Jahre mit heute vergleiche, dann frage ich mich: Haben wir die Tendenz, Andersdenkende oder Fremde als Minderwertige und Störenfriede zu betrachten, wirklich überwunden? Haben wir wirklich genug gelernt aus dem, was damals geschah? So sicher bin ich mir da nicht.


Hebräisch an der Katholischen Akademie Schwerte

Seit 1989 bietet die Katholische Akademie Schwerte einen „Sprach- und Lektürekurs Hebräisch“ an, begründet von Dr. Alwin Renker, damals Gymnasialprofessor in Freiburg (1. Vorsitzender des Freiburger Rundbrief e. V.) und weitergeführt von Adalbert Böning (Hagen), Fachberater für Hebräisch in der gymnasialen Schulaufsicht in NRW. Sprachliche Kenntnisse und religionsgeschichtliches theologisches Interesse haben den Kurs in Studienwochen und Tagestagungen zu einem produktiven Arbeitskreis gestaltet. Die Katholische Akademie Schwerte sieht darin einen Schwerpunkt ihrer Aufgabenerfüllung. Kommentarblätter, Literaturangaben und Sachinformationen, verfaßt von Adalbert Böning, werden vor der eigentlichen Übersetzungsarbeit diskutiert uiid erläutert. Zur Interpretation der Textinhalte bringen die Teilnehmer/innen auch selbst erarbeitete Beiträge ein.

Die Produkte dieser Zusammenarbeit werden jetzt von der Akademie zusammen mit Adalbert Böning unter dem Titel „Kommentare zum Hebräischunterricht an Gymnasien, Hochschulen und in der Erwachsenenbildung“ herausgegeben. Als „Ableger“ des Sprach- und Lektürekurses entstand eine Tagungsreihe über Jiddisch. Die Förderung der Arbeit an der hebräischen Bibel und am Umfeld der Bibel läßt sich die Katholische Akademie Schwerte sehr angelegen sein.

Fritz Hofmann, Dortmund


Jahrgang 6/1999 Seite 225



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