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Sassenberg, Marina (Hg.)

Apropos Selma Stern

Verlag Neue Kritik, Frankfurt/M. 1998. 138 Seiten.

Selma Stern-Täubler, geboren 1890 in Kippenheim, Baden, war die erste Studentin der Geschichtswissenschaft an der Universität Heidelberg. 1913 promoviert sie mit summa cum laude an der Universität München und schlägt sich dann kärglich mit Privatunterricht durch, da sie nicht gewillt ist, eine arrangierte Heirat ,comme il faut‘ einzugehen. Ihre Bewerbung um eine Habilitierung in Heidelberg bleibt erfolglos. Dessenungeachtet treibt sie ihre Studien weiter. Sie führen zu dem später als Monumentalwerk erkannten Opus „Der Preußische Staat und die Juden“ (1. Bd. 1925, 2. Bd. 1938). Das Gesamtwerk umfaßt sieben Bände, heute die unverzichtbare Quelle für die Forschung über die Stellung der Juden in Preußen.

1927 heiratet Selma Stern ihren Mentor, den Historiker Eugen Täubler. Als Täubler die Lehrerlaubnis entzogen wird und Selma nicht mehr in deutschen Archiven forschen darf, flieht das Ehepaar 1941 nach Amerika. Am schwersten fällt ihnen der Abschied von Leo Baeck, den sie in der sicheren Vernichtung zurücklassen, aber in großer Dankbarkeit nach dem Krieg in Amerika wiedersehen. Selma Stern fühlt sich in Amerika gestrandet — in einer fremden Sprache und ohne wissenschaftliche Arbeitsmöglichkeit. Ihr Mann erhält eine kleine Professur am Hebrew Union College in Cincinnati, so daß wenigstens das materielle Überleben, wenn auch prekär, gesichert ist. Später erhält auch Selma eine Stelle am amerikanischen jüdischen Zentralarchiv des Hebrew Union College, das ihr 1956 die Ehrendoktorwürde verleiht. Das freut sie besonders, da die Nazis ihr die deutsche Doktorwürde aberkannt hatten. Erst 1963 wird sie ihr von der Universität München zurückgegeben. In Amerika schreibt Selma Stern (auf englisch) ein Buch über den „Hofjuden“ und einen Novellenkranz über die Zeit des Schwarzen Todes. Ihr Hauptinteresse gilt jedoch Josel von Rosheim (Joseph [Joselmann] Ben Gerschon von Rosheim, ca. 1478-1554), einem charismatischen „Shtadlan“, dessen Leben und Taten sie empathisch schildert. Schon in Deutschland hatte sie einen außerordentlichen Beitrag zur deutsch-jüdischen Geschichte in der Person des Jud Joseph Süss Oppenheimer (Joseph Ben Issachar Süsskind, 1698/99-1738) veröffentlicht. Die Verstrickung des visionären, das Leben in allen Bereichen genießenden Beraters und Wahlverwandten des von seinem Volk gehaßten Fürsten und späteren Herzogs Karl Alexander von Württemberg wird durch die literarische Kunst Selma Sterns nicht nur verständlich, sondern auch erlebbar. Nach dem plötzlichen Tod Herzog Karl Alexanders (19. März 1737) entlädt sich der Haß des Volkes über den Juden — eine Geschichte, die die Nazis weidlich zu ihren Zwecken verdreht und mißbraucht haben. Sterns Werk über Joseph Oppenheimer erscheint erstmals 1929 in Deutschland (ohne großes Echo) und dann erneut 1973. 1960 kommt Selma Stern zurück nach Europa. Immer noch wissenschaftlich tätig, vollendet sie in Basel — in der Nähe ihrer Schwester — ihr großes Werk „Der Preußische Staat und die Juden“. 1981 stirbt sie dort im Alter von 91 Jahren. Besprechungen ihrer Bücher und Stimmen zur Rezeption ihres Schaffens bilden den Abschluß des Bandes.‘

Eva Auf der Maur


Jahrgang 6/1999 Seite 219



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