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Frankemölle, Hubert

Jüdische Wurzeln christlicher Theologie

Studien zum biblischen Kontext neutestamentlicher Texte. Bonner Biblische Beiträge. Hrsg. von Frank Lothar Hossfeld und Helmut Merklein. Philo Verlagsgesellschaft, Bodenheim 1998. 466 Seiten.

Hubert Frankemölle gehört zu den katholischen Exegeten, die konsequenter als die meisten seiner deutschen Fachkollegen den jüdischen Lebens- und Glaubenshorizont in seine Forschungen einbeziehen. Er versteht das Neue Testament als ein Stück jüdischer Theologie, auch wenn sie mit ihren christologischen Implikationen zur Trennung vom Judentum führte. Die 19 Aufsätze werden um vier Schwerpunkte gruppiert: I. Zur biblisch-frühjüdischen Perspektive neutestamentlicher Theologien; II. Das christliche Bekenntnis zu Jesus, dem Juden; III. Jüdische Intertextualität im Matthäusevangelium; IV Die Relevanz der jüdischen Wurzeln für die gegenwärtige Theologie. Interessant ist der methodische Ansatzpunkt, der zu überraschenden Ergebnissen führt. Die historisch-kritische Auslegung wird ergänzt um die hier zum erstenmal konsequent durchgeführte rezeptionsorientierte Interpretation, die von der Perspektive der Leser ausgeht. „Leserlenkung“ ist ein wichtiger Begriff, der danach fragt, wie die ersten Leser lasen. Aber auch die Perspektive „nach Auschwitz“ ist für Frankemölle unumgänglich geworden.

Die vorliegenden Arbeiten enthalten Gedankengänge und neue Einsichten, die man ansonsten in exegetischen Studien kaum findet. Das gilt für die eingehende Betrachtung solcher Gestalten wie Mose und Johannes der Täufer, für die sorgsame Entfaltung der Begriffe „Volk Gottes“ und „Kirche“ für die These, daß die neutestamentlichen Christologien ursprünglich Zeugnisse jüdischen Glaubens waren und daß für die urchristlichen Theologen die Theozentrik die Konstante und die Christozentrik die Variante war. Es gilt vor allem für das Problem jüdischer Messiaserwartung und christlichen Messiasglaubens, bei dem Frankemölle aufmerksam macht, daß das Bekenntnis zu Jesus als dem Messias, wenn man von der Benutzung des Christustitels absieht, keineswegs im Zentrum des christlichen Glaubens steht, wie allein schon ein Blick auf die frühen Glaubensbekenntnisse zeigt, in denen vom Messias nicht die Rede ist. Wenn er für einen christlichen Messiasglauben plädiert, der sich in statu viatoris weiß, offen ist für die Zukunft und die Erlösungsbedürftigkeit der Gegenwart anerkennt, nähert er sich dem jüdischen Messiasglauben. Damit gewinnt er neue Modelle für eine biblisch fundierte Christologie. Frankemölle wehrt sich auch dagegen, die Gottverlassenheit Jesu am Kreuz wegzuinterpretieren und die Anfangsworte von Psalm 22 als übliches Sterbegebet zu verharmlosen. Statt dessen zeigt er auf, wie hier die Theodizeefrage narrativ expliziert wird und letztlich unbeantwortet bleibt. Es wird offenkundig, daß die Theodizeeproblematik nirgends im Neuen Testament so scharf empfunden wird wie im Markusevangelium. Auch bei anderen zentralen Themen christlicher Theologie gewinnt Frankemölle aus der intensiven Betrachtung des Neuen Testaments und des jüdischen Kontextes Deutungsmodelle, die je nach theologischer Einstellung den Betrachter entweder erschrecken oder befreien. Die Solidität der Begründungen macht auf jeden Fall nachdenklich.

Werner Trutwin


Jahrgang 6/1999 Seite 205



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