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Carlo Maria Martini

Frieden durch Dialog

Kardinal Carlo Maria Martini, Erzbischof von Mailand, erhielt am 18. Januar 1999 vom Internationalen Rat der Christen und Juden (ICCJ) im Kurfürstensaal in Heppenheim die Goldmedaille „Frieden durch Dialog“ für seine Verdienste um das interreligiöse Gespräch. Kardinal Martini ist der Gründer der aus Mitgliedern verschiedener Kirchen zusammengesetzten Mailänder Gruppe „TESCHUVA“ (vgl. FrRu 4119971195-197). Wir bringen seine Ansprache in gestraffter Form.

Für jeden Menschen ist das Haus ein Symbol des Dialogs, aber das Martin-Buber-Haus ist uns in besonderer Weise ein Zeichen der Hoffnung. Gemeinsam mit anderen bedeutenden Denkern des eben zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts — Franz Rosenzweig, Hermann Cohen, Leo Baeck und Jacques Maritain — bemühte sich Buber beharrlich um die Versöhnung zwischen der kritischen Instanz der Wissenschaftsphilosophie und dem personenbezogenen Anspruch des Glaubens. Während die großen Philosophenschulen von Berlin und Wien — und später die amerikanischen — sich mit Neurath und Popper bemühten, eine Wissenschaftsphilosophie zu begründen, die von den Fragen der Metaphysik absah, wollte Buber nie auf die Hoffnung verzichten, die einerseits im Glauben ihr letztes Fundament findet und andererseits in der Geschichte eine ständige Herausforderung der Freiheit und der menschlichen Verantwortung sieht. An der Schwelle des 3. Jahrtausends stellt die Geschichte auch an uns diese Anfragen und auch uns trifft der Imperativ Zachor (Gedenke! Erinnere dich!); vergiß nicht den Menschen, deinen Bruder, höre (Sch‘ma) seinen Schmerzensschrei durch die Jahrhunderte. Die Söhne des Gedächtnisses werden auch die großmütigen Väter einer friedlicheren Zukunft sein.

Überreichung der Auszeichnung durch
Sir Sigmund Sternberg (links),
Schirmherr des ICCJ, an
Kardinal Martini.
Foto: Martin-Buber-Haus, Heppenheim.

Die ungeheure Tragödie des Zweiten Weltkrieges und im besonderen die Schoa haben neuerlich gezeigt, wie hinfällig der Weg des Menschen in der Geschichte ist. So hat sich das Problem des Ethischen in bezug auf das Übel eindringlich dem Gewissen des Einzelnen und der Völker gestellt. Auch andere Massenvernichtungen des 20. Jahrhunderts, vom Völkermord an den Armeniern bis zu den ethnischen Säuberungen in Europa und zu den Massakern in Zentralafrika, machen uns betroffen. Das Maß des Mitleidens und der Solidarität wird immer mehr zur Chiffre, die die Reife einer Person und ihre Fähigkeit, sich dem Bösen entgegenzustellen, anzeigt. Die heutige Lage drängt uns, das Gedächtnis an Märtyrer des Glaubens, der Freiheit und der Liebe wie Dietrich Bonhoeffer, Bernhard Lichtenberg, Karl Leiser und Janusz Korczak wach zu halten. Mit vielen Ungenannten gaben sie ihr Leben für andere. Es ist eine große und schweigende Zahl, die ein lebendiges Beispiel gibt, wie man dem Bösen das Gute entgegensetzen kann und die zugleich verhindert, daß vergangenes und gegenwärtiges Leiden vergessen, verdrängt, geleugnet oder banalisiert wird. Fünfzig Jahre nach der Schoa gibt es in der Welt noch immer Elend und Armut, moralisch wie materiell. Die Situation wird verschlimmert durch die Ausnutzung des Elends durch kriminelle Handelssysteme und durch die Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Was kann am Ende des Jahrtausends der Beitrag von Christen, Juden und Muslimen sein?

Von christlicher Seite gibt es eine weitreichende Antwort, die Frucht eines Jahrhunderts von spirituellem und praxisbezogenem Engagement: die ökumenische Bewegung mit ihren Protagonisten John Mott, Nathan Söderblom, Athenagoras, Johannes XXIII., Kardinal Bea und vielen anderen. Diese Bewegung entstand aus den Erfahrungen in den Missionsgebieten, speziell in Asien, und aus der „Oxford-Bewegung“, die den Christen im Orient und in Rußland besondere Beachtung geschenkt hat. Von mutigen Persönlichkeiten vorbereitet, ließ auch auf jüdischer Seite eine Antwort auf dieses neue Klima des Dialogs und der Zusammenarbeit nicht lange auf sich warten. Barrieren des Mißtrauens, aufgebaut während zwei Jahrtausenden durch die „Lehre der Verachtung“ und durch Verurteilungen und Verfolgungen, wurden überwunden. Nach der europäischen Katastrophe führte die Frage nach der moralischen und politischen Verantwortlichkeit zur Erkenntnis der Fehler und Sünden, die die Grausamkeiten und das Verbrechen von Auschwitz möglich gemacht hatten. Die erste Versammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, August/September 1948 in Amsterdam zusammengetreten, hat ein Dokument veröffentlicht, in dem die Kirchen „in aller Demut“ bekennen,

„... daß wir es allzuoft versäumt haben, unseren jüdischen Nächsten christliche Liebe zu beweisen oder auch nur den enschlossenen Willen zur gewöhnlichen sozialen Gerechtigkeit. Wir haben es unterlassen, mit ganzer Kraft gegen die uralte Unordnung in der Menschenwelt zu kämpfen, die sich im Antisemitismus darstellt ... Wir rufen alle von uns vertretenen Kirchen dazu auf, den Antisemitismus, gleichviel welchen Ursprungs, als schlechterdings mit christlichem Bekenntnis und Leben unvereinbar zu verwerfen. DerAntisemitismus ist eine Sünde gegen Gott und Menschen“.1

Im August 1947 hatte eine Versammlung des internationalen christlich-jüdischen Komitees in Seelisberg in der Schweiz die „Zehn Punkte von Seelisberg“ beschlossen. Diese Punkte wurden richtungweisend für den jüdisch-christlichen Dialog. Sie haben nicht nur die Aktivität des ICCJ in ökumenischer Richtung orientiert, sondern auch in den Kirchen eine deutliche Öffnung gegenüber dem jüdischen Volk, gegenüber seiner Geschichte und seiner spirituellen Tradition hervorgerufen. Der Ökumenismus und der Dialog mit den Juden wurden bedeutungsvolle Punkte des „aggiornamento“, das Papst Johannes XXIII. dem II. Vatikanischen Konzil (1962-65) anvertraute und das im Dekret über den Ökumenismus Unitatis Redintegratio (1964) und in der Erklärung Nostra aetate (1965) zum Ausdruck kam. Weitere Aussagen von Johannes Paul II. und besonders bedeutungsvolle Gesten wie der Besuch in der Synagoge in Rom und die Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen zwischen dem Hl. Stuhl und dem Staat Israel waren große Schritte zur Überwindung des Bruches zwischen den „zwei Glaubensweisen“2 und in Richtung auf eine Anerkennung der gemeinsamen Berufung des Volkes Gottes „als Israel und als Kirche“.3 Immer wieder hat der Papst die Stimme erhoben, um der Kirche den Weg der teschuva, der Bekehrung und der Versöhnung zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk zu weisen, indem er die Unrechtstaten und Diskriminierungen in Erinnerung rief, die während der Jahrhunderte einer vorherrschend christlichen Kultur geschehen waren. Gegenüber den Herausforderungen der Gegenwart bleibt es eine Aufgabe von ungeheurer Dimension, Gott „einmütig“ (Zef 3,9) zu dienen und gemeinsam für Friede und Gerechtigkeit zu arbeiten, um le-taqqem ‘olam bemalkhut Schadday („in der Welt die Herrschaft Gottes wiederherzustellen“). Auch das große Jubiläum des Jahres 2000 bringt den Plan der Erlösung ins Gespräch, den Gott in der Geschichte vollbringen will, wie die Propheten Israels verkündigt haben.

Das große heilige Jahr der Erlösung besteht in der Tat in der Ausgießung des Geistes des Herrn: „Der Geist des Herrn ruht auf mir: denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht: damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ (Lk 4,18-19; vgl. Jes 61,1-2). Daß Jesus das Gnadenjahr in der Synagoge von Nazaret ausgerufen hat, ist nicht ohne Bedeutung. Wir werden erinnert, daß wir die Botschaft des Evangeliums nicht von der Synagoge, das heißt von unserer grundlegenden Beziehung mit Israel, loslösen können. Die Liebe und Achtung für Israel, das erstgeborene Volk des Bundes, ist für uns keine Option, sondern ein theologischer Auftrag. Wir Christen sind aufgerufen, die Glaubensidentität der Gemeinde Israels zu respektieren und zugleich anzuerkennen, daß der geheimnisvolle Heilsplan, in den wir einbezogen sind, immer auch das Volk des Moses-Bundes betrifft.

Die Priorität und Asymmetrie zwischen Israel und der Kirche hat eine theologische Dimension wie auch schwerwiegende Implikationen geschichtlicher und ethischer Art. Diese Asymmetrie ist ein wunderbares Bild der Asymmetrie der zuvorkommenden Liebe Gottes für den Menschen, eine Liebe ohne Maß, die verzeiht, die Anteil gibt, die mit jedem gedemütigten und benachteiligten Menschen leidet. Diese leidenschaftliche und engagierte Liebe Gottes offenbart sich besonders für Israel. Wir Christen können in der Bibel der Juden das väterliche — und mütterliche — Antlitz Gottes wahrnehmen.

Über diese erste spirituelle Dimension unserer tiefen Verbundenheit mit Israel hinaus gibt es noch eine zweite Dimension, in welcher Geschichte und ethische Verantwortlichkeit zusammenwirken. Besonders wir Christen müssen „einen immensen Schmerz über die geschichtlichen Tragödien empfinden, die das doch vom Vater so geliebte jüdische Volk betroffen haben“ und die sich gesteigert haben „bis zum Versuch der totalen Zerstörung (der Schoa) im Zweiten Weltkrieg“.4 Dieses historische Bewußtsein, das eine Haltung schmerzlicher Solidarität hervorruft, kann keine Grenze finden, solange es nicht zum demütigen Bekenntnis „unserer Komplizenschaft“ geführt hat und „wir jede Form des Antisemitismus ablehnen“5 und den Weg der „teschuva“ beschreiten.

Eine dritte Dimension unseres Bezuges zu Israel verbindet Geschichte und Zukunft der Welt im Hinblick auf die volle Verwirklichung der Erlösung. Das geheimnisvolle und mächtige Handeln Gottes wirkt fort, um sich in der Geschichte des jüdischen Volkes zu erfüllen, heute und in Zukunft „weil Gott noch heute wie am Anfang diese seine Söhne in der Treue des Bundes, der nie widerrufen wurde, liebt, durch sie das Lob seines Namens auf allen Teilen der Erde wirkt und sie noch heute in der Berufung angesprochen sind ... Mit ihnen erwarten auch wir die Zeit, in der die Herzen offenbar werden“.6 Mit ihnen sind wir berufen, für das Wohl der Menschheit zusammenzuarbeiten.

Israel und die Kirche sind in der gemeinsamen Verantwortlichkeit für das Heil der Welt und der Menschheit nicht allein. Beim Friedensgebet in Assisi, zu dem Papst Johannes Paul II. 1986 aufgerufen hat, zeigten sich Akzente einer tiefen Übereinstimmung mit Jesaja und dem Evangelium. Der heilige und weise Buddhist Shantideva (8. Jahrhundert) betete: „Mögen die Ausgehungerten glücklich sein, die Blinden sehen, die Tauben hören ... Möge der Nackte Kleidung finden, der Hungrige Nahrung ... Mögen alle Bedrohten keine Furcht mehr haben und die Angeketteten Freiheit finden ... und mögen alle Menschen sich untereinander als Freunde erweisen.“ In einem Gebet aus den Upanishaden heißt es: „Möge der Allmächtige, der Freund aller Menschen, unserem Frieden geneigt sein! Möge der Göttliche Richter, der Spender des Friedens, für uns sein.“

In diesen universalen Gesichtspunkten des Gebetes und des Friedens können wir als Prinzip der Erlösung die Ausgießung des Geistes Gottes erkennen.7

Das Abenteuer des Menschen in der Welt und sogar die wunderbare Symphonie des Kosmos können beschrieben werden im Bild einer großen Wanderschaft, eines fortdauernden Strebens, einer heiligen Pilgerschaft des Menschen und des Kosmos im Aufstieg zur Vollkommenheit des Schönen und Heiligen, des Gerechten und Wahren. Aber diese persönliche, historische und kosmische Pilgerschaft vollzieht sich auf dem Grat zwischen zwei entgegengesetzten Abgründen, während dabei die Freiheit an einem feinen, silbernen Faden gehalten wird: auf der einen Seite steht das Leuchten, unauslöschbar und blendend, des reinen und brennenden Lichtes, das jedes menschliche Wort übertrifft und auf der anderen Seite steht die entgegengesetzte Finsternis des Irrtums, des Machtwillens, der sich der heiligsten Wahrheit bedient, um Gewalt zu rechtfertigen. Schließlich kann Dialog sogar zum Vorwand werden für Verurteilung, Kritik und Bann. Es wird für die Glaubwürdigkeit des Evangeliums im nächsten Jahrtausend bestimmend sein, in welcher Weise wir versuchen, die Irrtümer und Vorurteile der Vergangenheit zu vermeiden. Im Reinigungsprozeß des historischen Gedächtnisses müssen wir uns in Solidarität mit der Menschheit sehen. Um so wichtiger ist es, einen wahrhaftigen Dialog zwischen Juden und Christen, zwischen Kirche und jüdischem Volk voranzutreiben, als Hoffnungszeichen für eine Wiederaufnahme des universalen Dialogs. Die großen Fortschritte auf diesem Gebiet, vollbracht im kurzen Zeitraum eines halben Jahrhunderts, ermutigen uns, auf diesem Weg weiter zu gehen.

  1. Vgl. Die Kirche und das Judentum. Dokumente von 1945 bis 1985. Hrsg. von Rolf Rendttorff/Hans H. Henrix, Bonifatius/Kaiser 1989, 327.
  2. Vgl. M. Buber, Zwei Glaubensweisen, 1950.
  3. Vgl. K. Barth, Die kirchliche Dogmatik, II/2.
  4. Vgl. C. M. Martini, Ritorno al Padre di tutti, Milano 1998, II, 4.
  5. Ritorno al Padre di tutti.
  6. Ebd.
  7. Vgl. Joel 3,1; Apg 2,17.

Jahrgang 6/1999 Seite 174



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