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Ein kostbarer Brief von Leo Baeck (1932)

Wir wissen nicht, für welche Zeitschrift dieser Brief bestimmt war. Was uns erstaunt, ist die prophetische Warnung von Leo Baeck, das Volk und die Massen dürften nicht schweigen angesichts einer Regierung und Partei, die Böses vorhabe. Leo Baeck war schon 1932 hellsichtig bezüglich der Nazigefahr. Der Brief „An den Leser“ sollte ein Aufruf an die Öffentlichkeit sein, die Gefahr für Volk und Vaterland frühzeitig zu erkennen. Er zeigt erneut, daß Leo Baeck zu den großen prophetischen Gestalten der Zwischenkriegszeit zählt. Hanna Jacobsohn, Jerusalem, die uns den Brief zur Verfügung stellte, vermerkt dazu:

„Im Zusammenhang mit einer Nachforschung entdeckte ich ein vergilbtes und zerrissenes Büchlein, in dem 106 entweihte jüdische Friedhöfe1 aufgeführt sind. Zwischen den Seiten fand ich einen in Deutsch geschriebenen Brief von Dr. Leo Baeck,2 mit Briefkopf und von ihm signiert. Der Brief ist am 1. Juli 1932 in Berlin geschrieben und „An den Leser“ adressiert. Ich denke, es ist von besonderem Interesse, die Worte des gelehrten Rabbiners, die zehn Monate vor Beginn des Nazi-Regimes und lange vor dem Holocaust geschrieben wurden, den Lesern des Freiburger Rundbriefs zur Kenntnis zu bringen.“


RABBINER DR. LEO BAECK Berlin-Schöneberg, den 1. Juli 1932
Am Park 15

AN DEN LESER!

Es gibt eine Geschichte menschlicher Worte, des Sprechens und Aufrufens von Menschen, aber es gibt auch eine Geschichte dessen, wozu Menschen geschwiegen haben, und sie ist eine Geschichte menschlicher Enge und Niedrigkeit. Wenn so oft Verbrechen und Untat sich weithin dehnen konnten, es ist fast immer geschehen, weil die Gewissen verschlossen und die Lippen stumm blieben, die sich zum Worte des Rechtes und der Sittlichkeit hätten öffnen sollen. Schuldig sind die, welche ein Böses verüben, aber schuldig, zumal vor dem Gericht der Geschichte, sind die auch, die einen Frevel sehen oder um ihn wissen und still dazu sind; sie sind die, welche, ohne es zu wollen, ihm erst den Weg bereiten. Nur wo Unfreiheit ist, kann die Gewalt ihre Bahn haben, und niemand ist unfreier als der, welcher stumm ist dort, wo er reden, wo er mahnen und warnen sollte.

Wenn solches Schweigen über dem Lande lastet, dann will eine Hoffnung noch daran festhalten, daß manche deshalb nur schweigen, weil sie von dem Frevel noch nicht wissen. Und es wird daran zur Pflicht, ihn jedem, der einer der Freien sein will, aufzuzeigen und darzutun. Es ist so eine Pflicht auch gegen Volk und Vaterland.

In jedem Volke sind Unrecht und Sünde; sie kommen und gehen, und das Volk bleibt. Aber wenn das Volk als solches, als ganzes mitschuldig wird durch Schweigen, durch Dulden, durch Zuschauen, dann zerstört die Untat den Boden, auf dem allein ein Volk besteht; er bricht unter ihm zusammen. Völker sind versunken, erst wenn sie vorher verstummt waren, wenn der Widerspruch gegen die Sünde, der Spruch des Rechts seine Menschen nicht mehr gefunden hat.

Es liegt darum Hoffnung für das Vaterland in der Zuversicht, daß die, welche erfahren werden, auch vermögen werden, zu sprechen.

 

 

 

  1. Die Friedhöfe waren im Zeitraum von 1923 bis 1932 entweiht worden. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland 1700 jüdische Friedhöfe (Maren Heyne, Stille Gärten – Beredte Steine, Dietz 1944).
  2. Leo Baeck, geboren in Posen am 23. Mai 1873, Sohn des Rabbiners und Historikers Samuel Baeck, war zwischen 1912 und 1943 Rabbiner der Jüdischen Gemeinden von Oppeln, Düsseldorf und Berlin. Während des Ersten Weltkrieges diente er als Militär-Rabbiner. Er weigerte sich im Zweiten Weltkrieg Deutschland zu verlassen und seine Gemeinde aufzugeben. 1943 kam er in das KZ Theresienstadt. Nach dem Krieg ließ er sich in London nieder, wo er 1954 starb.

Jahrgang 6/1999 Seite 172



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