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Leser-Echo

Dr. Stefan Stiegler, Elstal, antwortet auf den Kommentar von Rabbiner Joel Berger zum Dokument des BEFG (FrRu 5[1998_1263-265):

Selbstverständlich verstehen wir Baptisten, daß ein Vertreter des Judentums manche Aussagen unserer Handreichung, die als Arbeitspapier für die Diskussion in den Ortsgemeinden des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland konzipiert worden ist, so nicht nachvollziehen kann. Aber offenbar übersieht Dr. Berger, „daß es sich nicht um ein gemeinsam mit den Juden erarbeitetes Dialogpapier, sondern ausschließlich um das Selbstverständnis unseres Bundes handelt“. In der Handreichung wird dargestellt, was freikirchliche Christen unserer Benennung glauben. Das Anliegen dieser Handreichung war und ist, daß in unseren Baptistengemeinden eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Judentum stattfinden möge, zu der auch die Aufarbeitung der Geschichte der Baptisten im Dritten Reich gehört. Das sollte bei jüdischen Theologen auf Zustimmung stoßen. Wir sind froh, daß es solche positive Zustimmung auch gegeben hat, u. a. von Dr. Andreas Nachama.

Es schmerzt, daß Dr. Berger unsere Position nicht teilt, daß Juden und Christen aufgrund der gemeinsamen Wurzeln ihres Glaubens in besonderer Weise miteinander verbunden und auf Dialog angewiesen sind. Seine Behauptung: „Für unser Selbstverständnis benötigen wir die Christen und ihre Kirche nicht“ ist zwar zunächst einmal theologisch richtig; seine Weiterführung, Juden und Christen seien keineswegs miteinander verbunden, aber nicht mehr. Denn wir Christen brauchen die Juden und ihre Heilige Schrift, das „Alte“ oder „Erste Testament“, für unser Selbstverständnis. Insofern gibt es sicherlich ein anderes (und hoffentlich größeres!) Interesse von seiten der Christen an einem christlich-jüdischen Dialog und es bleibt zu hoffen, daß sich auch auf jüdischer Seite immer wieder Theologen und Nichttheologen finden, die ein solches Interesse haben und in die Tat umsetzen. Denn nur dadurch, daß man sich kennt und versteht bzw. verstehen lernt, können Mißverständnisse ausgeschlossen werden. Wenn unsere Handreichung unter 6.4 hervorhebt, daß wir Christen „im Gespräch mit Juden unser Bekenntnis zu Jesus Christus nicht verschweigen“ können und wollen, dann verstehen wir das als Basis für den Dialog: Ohne daß sich die Dialogpartner ihrer eigenen Identität bewußt sind, wird ein Dialog nicht konstruktiv geführt werden können. Dabei ist uns wichtig, was unter 6.5 formuliert ist (vgl. ebd. 261). Wir sind davon überzeugt, daß die Position von Landesrabbiner Dr. Berger nicht von allen Repräsentanten des Judentums geteilt wird und sind dankbar, daß der Dialog in unseren Gemeinden durch die Handreichung neue Impulse erhalten hat. Doch zum Dialog braucht es Gesprächspartner, die sich aufeinander einlassen. Es bleibt zu hoffen, daß sich solche immer wieder finden.


Harold Saunders, Manchester, kommentiert den Bericht Slowakische Bischöfe bitten um Vergebung für Judenverfolgung“ (FrRu NF 5[1998]310-311):

Da meine Familie aus der Slowakei stammt, fand ich den Bericht von besonderem Interesse. Es ist höchste Zeit, daß die katholische Kirche der Slowakei sich zur Mitschuldigkeit am Mord von über 60 000 slowakischen Juden bekennt. Für mich besteht jetzt nur eine Frage, an wen diese Beichte gerichtet ist. Wenn das Bekenntnis nur für die Juden gemeint war, dann ist diese Beichte wertlos, denn sie ist nicht mehr als ein Lippenbekenntnis. Die Juden haben sich im Laufe der Jahrhunderte damit abgefunden, daß sich das Christentum, hier und da, post factum bei den Juden entschuldigt. Wenn es aber an die Gläubigen gerichtet war, dann sollte man erwarten können, daß die Erklärung der Bischofskonferenz in den katholischen Kirchen verkündet wird. Leider ist dies nicht der Fall. Hierzu ein Zitat aus dem Brief einer Katholikin aus Bratislava (Preßburg): „Das Dokument ist sehr diplomatisch stilisiert, damit die katholische Kirche den Schein erweckt, daß es ihr leid tut, daß die Judenverfolgungen stattfanden und so viele unschuldige Menschenopfer forderten. Diese Bitte um Vergebung wurde nicht publik gemacht, so daß nur ein geringer Kreis von Gläubigen überhaupt erfährt, daß sie existiert! Kein Priester hat ein Dokument dieser Art verlesen oder kommentiert. Über die Juden spricht man nach wie vor nur in dem Sinne, daß es ihre Schuld war, daß Jesus gekreuzigt wurde.“


Pasteur Alain Blancy, Farges, Frankreich, bemerkt zu Franz Mußner „Die Schoa und der Jude Jesus“ (FrRu5[1998]272-278):

Was mich stört, ist nicht das In-eins-Bringen von Jesus und dem Jüdischen Volk in Anbetracht des Holocaust, sondern die einseitige Austauschbarkeit beider Größen.

Damit verchristlicht man das Leiden Israels und zwingt den Juden das theologische Prinzip der Stellvertretung auf. Jesus mag mit dem jüdischen Volk identifiziert werden, weil auch er als Jude litt und starb. Aber daraus kann man nicht die Schlußfolgerung ziehen, „die Juden hätten stellvertretend Sühne für die Sünden der Menschheit (er)litten“. Wenn man eine legitime Rückwirkung dieser Angleichung Jesu an sein Volk in der Schoa ziehen will, so muß man einiges in der christlichen Theologie in Frage stellen bzw. von jüdischer Sicht her einbeziehen. Wenn Israel sich nie als Sündenbock der Menschheit sah, was jeden Holocaust rechtfertigen würde, so muß man ernstlich fragen, ob man Jesus so bewerten darf. Er ist wohl an der Sünde anderer gestorben, aber zu deren Rechtfertigung ist er auferstanden (Röm 4,24), nicht umgekehrt. Jesu Leiden ist nicht fundamentalistisch als genugtuendes Lösegeld zu verstehen, denn sonst wäre sein Gottesverhältnis unbarmherziger Talionausgleich. Nein, Jesus hat in der Gottverlassenheit das Gottesbild eines barmherzigen Vaters wahren wollen. Wir müssen Jesu Menschsein ernst nehmen und nicht zu leicht in den üblichen billigen heidenchristlichen Monophysitismus abgleiten. Zudem, wie kann man einen Vergleich ziehen zwischen dem anonymen, aufgezwungenen Leiden von Auschwitz und dem nach den Evangelienberichten öffentlich angenommenen Kreuzestod? Das Gedicht von H. Grynberg (ebd. 252) schildert genau den Unterschied. Es geht nicht an, die Auferstehung einfach im Staate Israel erfüllt zu sehen. Nach und im Angesicht von Auschwitz muß die Inkarnations- und Kreuzestheologie neu bedacht werden, um der Angleichung Jesu an das Geschick Israels in Auschwitz gerecht zu werden. So sehe ich meine Aufgabe als (juden-)christlicher Theologe.


Sr. Maria Veronika Grüters OSB, St. Lioba, Freiburg, schreibt in Replik auf die Leserbriefe von Ursula Büchner und Gerd Schäfer (FrRu 5/1998/239 und 319):

Da ich mich seit Monaten mit der Verdeutschung der Improperien der Karfreitagsliturgie befasse, möchte ich dazu antworten: Mit Frau Büchner bin ich der Meinung, daß diese Texte antijudaistisch verstanden werden können und lange Zeit — bis in un-ser Jahrhundert — auch so verstanden worden sind. So schrieb Pr. Guéranger, einflußreicher Abt von Solesmes 1841: „Christus erinnert (in den Improperien) an allen Spott, den ihm die Juden zugefügt haben und weist dagegen auf alle Wohltaten hin, die er über diese undankbare Nation ausgeschüttet hat.“ Die herzzerreißenden, künstlerisch gesehen hoch wertvollen Gesänge, die aber textlich gegen die Hl. Schrift Leiden und Tod Christi den Juden und all ihren Nachkommen (!) anlasten, waren eine wesentliche Ursache für das ,judenfeindliche Unterbewußtsein der Christen‘. Auch ich bin der Meinung, daß sie zwar erhalten bleiben sollten, aber textlich ,unschädlich‘ gemacht werden müssen, so daß sich diese ,Heilandsklagen‘ eindeutig an uns richten entsprechend dem Kirchenlied „Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen? Ach, meine Sünden haben dich geschlagen ...“ (GL 180,3).


Jahrgang 6/1999 Seite 157



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