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Berichte Heft 2 Jg 6/1999

Ungarische Überlegungen zur Schoa

Vom vierten zum fünften November 1998 war auf Initiative von Asztrik Várszegi, Erzabt von Pannonhalma, das tausendjährige Kloster, dieser mons sacer, der weit über den Katholizismus hinaus ein historisches Zentrum der ungarischen Wissenschaft, des geistigen Lebens und der Pädagogik darstellt, Schauplatz einer mutigen Initiative. Erzabt Várszegi hatte Angehörige verschiedener Konfessionen, Theologen, Historiker, Soziologen, Schriftsteller und Journalisten zu einem gemeinsamen Austauch über die Schoa eingeladen. Die Gespräche wurden vornehmlich unter Bezugnahme auf den christlich-jüdischen Dialog geführt. Besondere Bedeutung erhielt die Konferenz durch die Teilnahme von R Remi Hoeckmann O.P., Sekretär des vatikanischen Komitees für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum und durch den Einführungsvortrag des Historikers Ferenc Glatz, Präsident der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. „Es ist Aufgabe der Geschichtswissenschaft“, führte Ferenc Glatz aus, „die Fakten der Vergangenheit aufzudecken und zu beurteilen.“ Glatz wies unter anderem auf die Erklärung des Landesoberrabbiners József Schweitzer hin, die am Morgen des Eröffnungstages der Konferenz in der „Népszabadság“ erschienen war, daß die Tragödie der Juden in Ungarn nicht nur als ein schmerzlicher Teil der ungarischen Opfer des Zweiten Weltkrieges zu betrachten sei. Während ein Teil der ungarischen Landsleute zu Kriegsopfern wurden, sind hunderttausende jüdischer Landsleute Opfer einer unmenschlichen Ideologie geworden.

Der Kongreß behandelte vier Problembereiche. Es wurde über die Psychologie und Soziologie der gegenseitigen Vorurteile, über die Judenverfolgung und den Holocaust in Ungarn, über den gegenwärtigen Stand im jüdisch-christlichen Dialog und über die Chancen der Toleranz diskutiert. Grundton und Zielstellung des Kongresses bestimmte Erzabt Asztrik Várszegi in seiner Eröffnungsrede. Den Anstoß zur Einberufung dieser Beratung hatte, neben dem bekannten vatikanischen Dokument „Wir erinnern uns: Nachdenken über die Schoa“ (Vgl. FrRu 5[1998]161-177, Anm. d. Red.) die Rede von Papst Johannes Paul II. während seines Besuches in Pannonhalma vom 6. bis 7. September 1996 gegeben, in der er zum Dialog ermunterte. Nach Überzeugung des Erzabtes muß dieser Dialog dem Ziel dienen, einen Weg zu finden, der emporfährt, der uns letztendlich zum gemeinsamen Gott führt. In den Vorträgen sind diese Zielsetzungen in großen Zügen wissenschaftlich dargelegt worden. Es gab strittige Punkte in der Frage der Verantwortung der Kirche, aber auch diese wurden, abgesehen von einzelnen lauten Stimmen, einer akademischen Beratung gemäß vorgetragen. Im Hinblick auf die allgemeine Zielsetzung kann der jüdische Standpunkt dahingehend zusammengefaßt werden, daß wir den gemeinsamen Weg suchen müssen, indem wir die Vergangenheit nicht vergessen, Unschuldigen gegenüber keinen Zorn hegen und das Verzeihen in die Macht der göttlichen Gnade verweisen. In diesem Sinne sollten Juden und Christen im Interesse der Gegenwart und der Zukunft einander die Hand reichen.

József Schweitzer


Jüdische Kinderärzte als NS-Opfer

Anläßlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin im Dresdner Schauspielhaus (Anfang Oktober 1998) gedachten die Kinderärzte ihrer von 1933 bis 1945 verfolgten, emigrierten und ermordeten Kolleginnen und Kollegen. Der Präsident der Gesellschaft, Lothar Pelz, bekannte sich zur Schuld seiner Organisation in der NS-Zeit:

„Die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde hat in der Zeit des Nationalsozialismus Schuld auf sich geladen. Herausragende Fachvertreter haben sich der politisch verhängnisvollen Doktrin der Rassereinheit und der völkischen Gesundheitspolitik der nationalsozialistischen Jugendführung zur Verfügung gestellt. Die Mehrheit der deutschen Kinderärztinnen und Kinderärzte jener Generation hat die Zerstörung der Existenz von über 700 jüdischen oder politisch mißliebigen Kolleginnen und Kollegen widerstandslos geduldet. Sie und auch die Angehörigen der unmittelbaren Nachkriegsgeneration haben dazu geschwiegen.“

Eine Studie des Medizinhistorikers Eduard Seidler zeigt, daß mehr als die Hälfte der rund 1300 Kinderärzte deutscher Sprache jüdischer Herkunft waren. Nach 1933 wurden ihnen zunächst ihre Stellen, Titel und Einkünfte weggenommen, dann alle anderen Rechte und wer blieb, kam ums Leben. In der politischen Situation der zwanziger Jahre mit ihrem wachsenden Antisemitismus hatte sich die aufstrebende Pädiatrie, deren akademische Entwicklung schon seit dem 19. Jahrhundert jüdisch geprägt war, zum besonderen Fachgebiet jüdischer Ärzte entwickelt, vor allem auch wegen ihres bemerkenswerten sozialen Engagements. 1933 wurden alle Ärzte aus den öffentlichen Positionen entlassen. Als Folge von Praxisboykott, Verlust der Kassenzulassung und anderer Demütigungen emigrierten mehr als 60 Prozent der jüdischen Kinderärztinnen und -ärzte. Andere entgingen der Deportation durch Suizid.

Das Schicksal von 708 Opfern soll demnächst ausführlich dokumentiert werden. Bei der Gedenkstunde  warnte Alfred Grosser, Sohn des emigrierten jüdischen Kinderarztes Paul Grosser, niemand sei davor  gefeit, selbst zum Täter zu werden und bezog sich dabei ausdrücklich auf den Staat Israel. Paul  Oestreicher, Sohn des emigrierten jüdischen Kinderarztes Paul Oestreicher, fügte hinzu, ein  Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus sei nur sinnvoll, wenn dies zugleich eine Kampfansage  gegen alles sei, was Mitmenschen ausgrenzt.

(Nach einem Bericht von Caroline Möhring, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. Oktober 1998.)


Ostkirche und Judentum im Gespräch

Vom 13. bis 16. Dezember 1998 fand im Kibbuz Ma‘ale Ha‘Hamischa bei Jerusalem die vierte theologische Begegnung zwischen Judentum und christlicher Orthodoxie statt. Der Dialog entstand Anfang der siebziger Jahre aus dem Kontakt zwischen dem stellvertretenden Ehrenpräsidenten des „World Jewish Congress“, Riegner, und dem Metropoliten der Schweiz, Damaskinos, und wird bis heute von diesen betreut. Die Schirmherrschaft haben das Inter-nationale Jüdische Komitee für Interreligiöse Begegnungen sowie das Orthodoxe Zentrum in Chambésy bei Genf übernommen.

Das theologische Gespräch der Juden mit den Ostkirchen geht weiter als mit den Kirchen des Westens. Das kann daran liegen, daß sich die griechische Kir-che ihrer jüdischen Wurzeln stärker bewußt geblieben ist als die Kirchen des Westens, die sich dem Antijudaismus öffneten. Dennoch war der Antijudaismus ein Thema der Tagung. Die Delegierten aus den ost- und mitteleuropäischen Ländern waren sich in ihrer Sorge über die stärker werdenden antisemitischen Ausfälle von Politikern einig. In der Abschlußerklärung wurden Glaubenstexte und Hymnen der orthodoxen Liturgie diskutiert. Die orthodoxen Christen meinten, diese müßten aus einer nicht antijudaistischen Tradition verstanden werden. Durch die Gespräche habe sich der gegenseitige Respekt vertieft. In seinem Schlußwort sagte Riegner, oft „waren wir nicht ausreichend vorbereitet, um uns ohne Zurückhaltung und Vorurteil anzuerkennen“. Dabei denke er vor allem an Rußland, wo die stärkste orthodoxe Kirche und eine große jüdische Gemeinde zu einer konkreten Zusammenarbeit finden müßten. Damaskinos wies darauf hin, daß Judentum und Ostkir-che seit 2000 Jahren in einem Dialog stünden. Nationalismus, Politik und Ideologie hätten die Religion zu ihrem Untertan gemacht. Der religiöse Dia-log sei marginalisiert worden, um den „autonomen Menschen“ in einer „säkularisierten Gesellschaft“ zu schaffen. In seinem Grußwort hatte Patriarch Bartholomäus geschrieben: „Dieser Dialog soll nicht die je eine Seite vom Über-tritt zur anderen überzeugen, sondern er soll die stille und friedliche Zusammenarbeit zwischen Menschen stärken.“ Auch die jüdische Seite machte deut-lich, daß man gegen Mission sein könne und zugleich für den theologischen Diskurs zwischen Religionen.

(Nach einem Bericht von Jörg Bremer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Dezember 1998.)


Schutz der Menschenrechte — Gemeinsame Herausforderung für Christen und Juden


Bischof Spital mit Gruppe

Foto (v.l.n.r.): Bischof Dr. Hermann Josef Spital, Wendy Kloke (AJC/Berlin), Rabbiner A. James Rudin, Prof. Dr. Reinhold Bohlen (Direktor des Emil-Frank-Instituts)

Dazu bekannten sich Bischof Dr. Hermann Josef Spital, Trier, und der amerikanische Rabbiner A. James Rudin, Direktor für Interreligiöse Angelegenheiten des American Jewish Committee in New York, bei einem Treffen am 8. Dezember 1998 in Trier im Rahmen der vom Emil-Frank-Institut (vgl. FrRu 5[1998]232-233) und dem Berliner Büro des American Jewish Committee durchgeführten Veranstaltungsreihe „Amerikanisches Judentum heute“. Spital erklärte, daß Christen und Juden durch ihren Dialog in einer säkularisierten Welt den „notwendigen prophetischen Stachel im Fleisch“ bilden könnten.

„Für die Kirche ist es Aufgabe und Gabe zugleich, das Gespräch und die Zusammenarbeit zwischen Christen und Juden zu fördern“, sagte der Trierer Bischof. Dieser Dialog sei kein Selbstzweck und dürfe auch nicht allein eingeweihten Experten gelten. Als Voraussetzung für den Dialog nannte Spital „das Wissen von- und übereinander“. Im Blick auf die besonderen Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und den Juden meinte Rudin, daß zur Zeit zwischen beiden „das beste Verhältnis besteht“ seit der Verabschiedung der Konzilserklärung „Nostra aetate“ 4.

 


Jahrgang 6/1999 Seite 150



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