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Scheible, Heinz

Melanchthon

Eine Biographie. Verlag C. H. Beck, München 1997. 294 Seiten.

Haustein, Jörg (Hg.)

Philipp Melanchthon

Ein Wegbereiter für die Ökumene. Bensheimer Hefte 82. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997. 256 Seiten.

Rhein, Stefan / Weiß, Johannes (Hg.)

Melanchthon — neu entdeckt

Quell Verlag, Stuttgart 1997. 243 Seiten.

Von den hier vorgestellten Veröffentlichungen zum Melanchthonjahr 1997 bewegen sich die beiden ersten im wissenschaftlichen Kontext, die dritte eher im kulturell-öffentlichen Bereich. In 13 Kapiteln zeichnet Scheible die faszinierende, aber auch schwierige Lebens- und Wirkungsgeschichte des humanistischen Reformators oder reformatorischen Humanisten Philipp Melanchthon (1497-1560) erzählend nach. Der Sprache dieser Biographie merkt man den wissenschaftlichen Ernst und Kontext des Autors an. Auf der einen Seite wird so gewährleistet, daß Fakten präzise herausgearbeitet, die Fülle historischer Informationen fein aufeinander abgestimmt und das Verhältnis der handelnden Personen in einen Bezug und Rahmen gesetzt werden. Andererseits erschwert dieses Verfahren die Auseinandersetzung mit Melanchthon bei jenen, die den protestantisch-wissenschaftlichen Diskurs nicht gewöhnt sind. Das Lebensmotto Melanchthons „Wir sind zum wechselseitigen Gespräch geboren“ sollte als Einladung und nicht als Adiaphoron verstanden werden.

Melanchthons Leben und Werk (vgl. FrRu 4[1997]172-176) lassen sich in sehr verschiedene Dimensionen aufschlüsseln: als Professor für Griechisch und als Lehrer der Bibel; als Schüler Luthers in theologischen Grundfragen, später als eigenständiger Theologe, der sich in Fragen, wie z. B. der Willensfreiheit, von Luther unterschied und zu eigenen Antworten fand. Auch das Projekt der Bibelübersetzung Luthers war wesentlich auf die Kompetenz des großen Philologen angewiesen. Eine zweite tragende Säule im Leben Melanchthons stellte die Schulreform in Deutschland dar. Unser modernes gegliedertes Schulwesen wäre ohne die inhaltlichen und organisatorischen Vorarbeiten Melanchthons nicht vorstellbar. Auch die Anfänge einer modernen Didaktik und Schulleitung sind auf ihn zurückführbar. Die dritte Dimension wird von Scheible zu Recht herausragend dargestellt: Melanchthon der Diplomat und Politiker der evangelischen Sache auf Reichstagen und Religionstreffen, der, um den Frieden zu bewahren, mit den Mächtigen seiner Zeit einen umfangreichen Briefwechsel führte. Aus einer deutschen Angelegenheit wurde eine europäische, in der Melanchthon die Rolle des Dirigenten zufiel. Scheible ist großer Respekt zu zollen, daß er jegliche Heroisierung Luthers und auch Melanchthons vermieden und einiges zurechtgerückt hat. Ein ausführlicher Index zu Personen und Namen rundet das Buch ab. Die Auswahl von Sekundärliteratur hätte m. E. breiter sein können. Eine übersichtliche Chronologie wäre zudem hilfreich gewesen.

Jórg Haustein versammelt in seinem Werk namhafte Autoren und eine Autorin, die eine lang ausgeblendete Dimension im Wirken Melanchthons wieder zurück ins Bewußtsein holen. Dem Vater der Ökumene mit den Katholiken (und nach Slenzcka auch mit den orthodoxen Ostkirchen) blieb seit 1555 ein konfessioneller Scherbenhaufen, d. h. ein in Konfessionen zerteiltes Deutschland. Trotzdem muß sein ökumenischer Einsatz bedacht und gewürdigt werden. Melanchthons Aktualität, aber auch Schärfe, was Ökumene angeht, werden in den Aufsätzen von Heinz Scheible, Stefan Rhein, Siegfried Wiedenhofer, Jörg Haustein, Reinhard Slenczka, Irene Dingel, Rolf Schäfer und Walter Fleischmann-Bisten hervorragend herausgearbeitet. Trotz seiner Bemühungen um die Einheit der christlichen Kirchen und trotz vieler Anfeindungen blieb Melanchthon der Reformation treu und hat auch die Hoffnung auf theologisches Denken nicht aufgegeben. So schrieb er in seinem Testament: „Du entkommst den Sünden. Du wirst befreit von aller Mühsal und der Wut der Theologen. Du wirst ins Licht kommen, Gott schauen, Gottes Sohn betrachten. Du wirst jene wunderbaren Geheimnisse lernen, die du in diesem Leben nicht verstehen konntest: warum wir so erschaffen sind, wie wir sind, und worin die Vereinigung der beiden Naturen in Christus besteht.“ Eine Auswahl wesentlicher Texte, Bilder und eine Zeittafel runden dieses wichtige Büchlein ab.

Stefan Rhein und Johannes Weiß bringen die Vorträge einer Gemeinschaftsveranstaltung des Süddeutschen Rundfunks zusammen mit dem Brettener Melanchthonhaus im Jubiläumsjahr 1997. Die Autoren geben einen facettenreichen Einblick in das Leben und Wirken Philipp Melanchthons. In ihrer Sicht gilt Melanchthon als der eigentliche Vermittler, Didaktiker und Systematiker lutherischer Theologie von der Wahrheit des Evangeliums von Gottes freier Gnade. Nicht zuletzt erkannte er den Wert einer Streitkultur um die Wahrheit von Religion. Was ihn heute so interessant erscheinen läßt, ist die ausgeprägte Kommunikationskompetenz: „Wir sind zum Gespräch geboren“, wobei dieses Gespräch Einfühlungsvermögen in den anderen voraussetzt. Humanistische Bildungsideale und kommunikativ-philologische Kompetenz wuchsen in Melanchthons Person zusammen zu einer eigenständigen reformatorischen Theologie. Melanchthon hat die Sache der Reformation nicht nur öffentlich vertreten, sondern sie auch kommunikabel gemacht und ausformuliert. Die Vorträge sind kurzweilig gehalten und erleichtern so die Rezeption der sperrigen Biographie Melanchthons.

Wilhelm Schwendemann


Jahrgang 6/1999 Seite 148



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