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Rachlevsky, Seffi

Chamoro schel Maschiach

(Der Esel des Messias). Yediot Ahronot, Tel Aviv 1998. 510 Seiten.

„Siehe, dein König kommt zu dir, er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin“ (Sach 9,9). Dieser Vers ist der Ursprung der jüdischen Tradition, nach welcher der Messias auf einem Esel erscheinen wird und auf den sich auch die Evangelien bei der Erzählung des Einzugs Jesu nach Jerusalem beziehen (Mt 21,5, Mk 11,1-7, Lk 19,28-38, Joh 12,15). Rachlevsky sieht in diesem Esel ein Symbol der aktuellen israelischen Politik. So soll der Mord an Itzchak Rabin im November 1995 auf Grund messianischer Hoffnungen geschehen sein. Messianismus brachte für das Judentum immer Schaden mit sich. Die Beispiele, die Rachlevsky aufzählt, sind bekannt: Jesus und die Entstehung des Christentums, der Bar-Kochba-Aufstand (2. Jh.), Schabtai Zwi (17. Jh.) und andere, weniger bekannte, spätere „Messias Figuren“. Der ,israelische Messias‘ des 20. Jahrhunderts stammt aus dem rechtsextrem-religiösen Kreis. Der symbolische Esel, auf dem er reitet, ist der linke, nicht religiöse Kreis. Ausgangspunkt des Buches sind die Pistolenschüsse, die aus der „rechten“ Hand des Mörders Yigal Amir ihr „mystisches Ziel“ erreicht hatten, d. h. Sieg der Rechten (mystisch ,gut‘) über die Linken (mystisch ,böse‘).

Was „mystisches Ziel“ bedeutet, wird in einem langen historischen Ablauf erklärt. Die Erklärung führt durch Zionismus, Messianismus, jüdische Mystik (Kabbala) und die israelische Politik hindurch. Rachlevsky berichtet zwar faktisch richtig über die israelische Realität, aber die „Tatsachen“, die zu dieser Realität führten, sind entstellt durch aus dem Kontext gerissene Teilzitate. Damit stellt er sich auf die Linie der größten antisemitischen Schriften des frühen 20. Jahrhunderts. Der Jude, laut halachischen Quellen, die Rachlevsky unvollständig oder falsch zitiert, „haßt die nichtjüdischen Bürger und ist sogar bereit, sie zu töten“. Er ist überheblich und nur er kann als Menschensohn (,Ben Adam‘) definiert werden. Nicht-Juden und nicht-religiöse Juden sind dieser Bezeichnung nicht würdig. Die Frage, ob laut Maimonides „die Rettung von Feinden“ erforderlich ist, beantwortet Rachlevsky mit einem Teilzitat (99) aus den Schriften Maimonides‘, unterschlägt aber den nächsten Satz im gleichen Abschnitt, der den Unterschied zwischen Rettung und ,Nicht-Rettung‘ klar macht, entsprechend dem jeweiligen Kriegs- oder Friedenszustand. Töten aus Gottes Hand (Mitah be-jedei schamaim) ist bei Rachlevsky (101) durch ein Gericht, dem laut jüdischem Gesetz verboten ist, „Tod aus Gottes Hand“ auszuführen, zu einem klaren Todesurteil umgewandelt. Der Nichtjude darf keinen anderen Ruhetag als den Schabbat beanspruchen (101). Gleichzeitig darf er, laut Rachlevsky, zum Tode verurteilt werden, wenn er den Schabbat hält. Rachlevsky hat auch Schwierigkeiten bei der Interpretation des Neuen Testamentes. Im Zitat „... gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört“ (Mt 22,21) sieht er eine ,typisch jüdische Charaktereigenschaft der Wankelmütigkeit‘ (245). Wer so über seine Religion oder andere Religionen denkt, sollte wenigstens seine Worte mit etwas Feingefühl und Achtung wählen. Daß am Ende des 20. Jahrhunderts Judenhaß aus den eigenen Reihen kommt, ist besonders schmerzhaft.

Richard Breslauer


Jahrgang 6/1999 Seite 146



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