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Edith-Stein-Jahrbuch 1995, Band 1

Die menschliche Gewalt. Echter-Verlag, Würzburg 1995. 368 Seiten.

Der vorliegende Band offenbart die Crux von Jahrbüchern: sie wollen zuviel und scheitern an der mangelnden Stringenz der eigenen Konzeption. Heraus kommt schließlich ein ,Gemischtwarenangebot‘, das bezeichnenderweise Hochwertiges neben Fragwürdigem und Tiefgehendes neben Zufälligem zu vereinen scheint.

In dem mit neun Beiträgen umfangreichsten Teil des Jahrbuches wird das Schwerpunktthema der Gewalt aus der Sicht unterschiedlicher Disziplinen zu beleuchten versucht. Jean Sleiman schreitet in seinem Beitrag den Weg vom „gewaltigen Heiligen zur geheiligten Gewalt im Koran“ ab und unterstreicht die seines Erachtens im Islam eher überwiegenden Aspekte Gewalt fördernder oder zumindest sie rechtfertigender Tendenzen. Dem Verhältnis von „Gewalt und Friede im Buddhismus“ widmet sich Erhard Meier. Völlig unverständlich und eine im Grunde unentschuldbare Schieflage ergibt sich jedoch durch die Tatsache, daß zwar das Verhältnis von Gewalt und Religion im Islam und Buddhismus beleuchtet wird, nicht jedoch im Christentum, in dessen europäisch-abendländischem Kontext immerhin die in Quantität und Qualität schlimmsten Gewaltexzesse der Menschheitsgeschichte zu verzeichnen sind. Verstärkt wird diese Schieflage noch durch den Umstand, daß der einzige das Christentum tangierende Beitrag in diesem Zusammenhang das christliche Martyrium behandelt, womit das Christliche allein als Opfer von Gewalt, nicht aber als Ausübende von Gewalt ins Blickfeld gerät. Unabhängig davon stellt der Beitrag von Camilo Maccise „Gewalt und martyriales Zeugnis“ einen der Höhepunkte des Bandes dar, indem er faszinierend und eindrücklich das christliche Verständnis vom Martyrium im Sinne einer politischen Theologie und Theologie der Befreiung neu interpretiert.

In einem sehr lesenswerten Beitrag arbeitet Dieter Ulich die äußerst fragwürdigen Legitimierungsversuche gewalttätigen Handelns in der modernen Soziobiologie und Verhaltensforschung heraus, während die bekannte Islamforscherin Annemarie Pieper „Utopien der Gewaltlosigkeit“ nachgeht und Bettina Meier-Kaiser Konzeptionen einer „Erziehung zum Frieden“ unter „Rückbesinnung auf Maria Montessori und Rudolf Steiner“ vorstellt. In seiner philosophischen Redseligkeit eher ärgerlich ist der Beitrag von José Sanchez de Murillo, der eine an Edith Stein anknüpfende „Tiefenphänomenologie der menschlichen Gewalt“ zu entwickeln sucht. Insbesondere aus christlich-jüdischer Perspektive betrachtet findet man hier Bemerkungen, die mehr als fragwürdig sind. Wenn Murillo Auschwitz vornehmlich als „symbolischen Namen“ betrachtet, der die „Tragödie des sich selbst kreuzigenden Menschen vor Augen ruft“ (79), anstatt sehr genau zu unterscheiden, wer — wenn überhaupt — hier „gekreuzigt“ wurde und wer „gekreuzigt“ hat; wenn er Edith Stein vornehmlich als „Herausforderung des Judentums“ benennt, ihr Lebensschicksal aber nicht ebenso sehr als Herausforderung des Christentums begreift; und wenn er schließlich meint, kritisch fragen zu müssen: „Verdrängen viele der jetzigen Opfer nicht aber auch, daß sie einst kriminelle Machthaber waren?“, um daraus zu folgern: „Wir sind alle gleich ohnmächtig angesichts der tiefen Wurzeln der Unberechenbarkeit unseres Daseins“ (82) — so bereitet er in pseudophilosophischem Gestus einer Philosophie den Weg, die ihre letzte Weisheit darin zu finden scheint, daß nachts alle Katzen grau sind.

Neben dem erwähnten Beitrag von Maccise liegen die Stärken und Höhepunkte des vorliegenden Bandes zweifellos in jenen Beiträgen, die sich unmittelbar auf Edith Stein konzentrieren. Dies gilt für Elisabeth Ströker, die in ihrem umfangreichen und informativen Aufsatz das Bild Edith Steins als Phänomenologin, als „Schülerin, Mitstreiterin und Interpretin Edmund Husserls“ nachzeichnet, wie auch für vier weitere Beiträge aus der Edith-Stein-Forschung, von denen wiederum das von John Sullivan hier erstmals publizierte, bislang „noch unveröffentlichte Übertrittsgesuch Edith Steins an den Hl. Stuhl“ von besonderem Interesse sein dürfte.

Der spannendste und ertragreichste Beitrag des Jahrbuches ist die von Reinhard Körner vorgelegte, glänzende Dokumentation „Sag mir, was mich leiden läßt! Der Streit um das Karmelitinnenkloster in Auschwitz“. Unter anderem auf der Grundlage des bisher unveröffentlichten Schriftverkehrs jüdischer und kirchlicher Organisationen und Persönlichkeiten mit dem Generalat des Teresianischen Karmel in Rom, entfaltet Körner Genese und Verlauf dieser über Jahre hinweg den christlich-jüdischen, insbesondere katholisch-jüdischen Dialog belastenden Auseinandersetzung. Im Grunde handelt es sich hier um den eigentlichen Hauptbeitrag zum Thema „Gewalt“, zeigt doch der von Körner mustergültig dokumentierte Verlauf dieses Konflikts und die von ihm zitierten Stellungnahmen christlicher und jüdischer Persönlichkeiten und Institutionen exemplarisch auf, wie grundverschieden die Sichtweisen, das Verständnis und der Umgang mit Auschwitz — und mithin das Verständnis und der Umgang mit der bislang extremsten Ausformung von Gewalt — von christlicher und jüdischer Perspektive aus gesehen wird. Im Guten wie im Schlechten zweifellos ein Lehrstück christlich-jüdischer Begegnung und ,Vergegnung‘.

Christoph Münz


Jahrgang 6/1999 Seite 138



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