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Bubis, Ignatz / Sichrovsky, Peter

„Damit bin ich noch längst nicht fertig“

Autobiographie. Campus Verlag, Frankfurt/Main 1996. 292 Seiten.

Spannend und interessant ist, was diese Biographie von anderen Biographien unterscheidet, die von Juden in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts verfaßt wurden. Ignatz Bubis, geboren in Breslau, aufgewachsen in Polen, überlebte die Verfolgung der NS-Diktatur und entschied sich dann — trotz allem — in Deutschland, dem Land der Mörder beinahe seiner gesamten Familie, zu bleiben, als Deutscher in Deutschland. Bubis schreibt allerdings auch, daß das gar nicht so einfach war und ist. Seine Schilderungen von Begebenheiten, in denen er sogar von hochrangigen Politikern nach „seinem israelischen Botschafter in Bonn“ befragt wurde, oder wo man sich bei ihm nach „seinem Staat Israel“ erkundigte, sind nur kleine Beispiele dafür. Bubis reagiert darauf stets mit Humor, die ernste Tatsache aber läßt sich nicht verleugnen: Es wird noch einige Zeit vergehen, bis jüdische Deutsche wirklich voll und ganz und in aller Normalität als Deutsche gelten werden, nach der Formel: „Wir sind deutsche Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten — und jüdischem Glauben.“

Das ist das Anliegen dieser Biographie: einen Beitrag zur Normalität der deutschen Juden zu leisten, gerade auch für jene, die nach dem Holocaust mit schlechtem Gewissen in Deutschland geblieben sind. Natürlich geht es Bubis auch darum, seine durchaus bewegte Lebensgeschichte zu erzählen: seine Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus, sein Überleben nach dem Überleben, seine berufliche Karriere, sein Protest gegen das Fassbinder-Stück Der Müll, die Stadt und der Tod, schließlich sein Engagement in der F.D.P., für die Frankfurter jüdische Gemeinde und dem Zentralrat der Juden in Deutschland. In dem Abschnitt Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus setzt sich Bubis mit seiner ihm eigenen Sensibilität mit den Phänomenen der Ausländerfeindlichkeit, des Antisemitismus und der Fremdenfeindlichkeit auseinander. Seine zentrale Aussage lautet: „Nach meiner Auffassung gibt es in Deutschland kaum ... Ausländerfeindlichkeit: Niemand ist einem Schweizer, Österreicher oder Australier gegenüber feindlich eingestellt. Das, was als ,Ausländerfeindlichkeit‘ bezeichnet wird, ist genau genommen eine Fremdenfeindlichkeit, die sich gegen Menschen richtet, die uns fremd vorkommen, sei es, weil sie einer fremden Kultur angehören, eine fremde Sprache sprechen oder sich äußerlich unterscheiden. Ob es sich hier um Deutsche oder Ausländer handelt, spielt überhaupt keine Rolle. Für einen Teil der Gesellschaft zählen auch Behinderte zu den ,Fremden‘, die man nicht mag, weil sie anders sind.“

Herbert Winklehner


Jahrgang 6/1999 Seite 135



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