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Hans-Jürgen Zacher

Die Reichspogromnacht

Erfahrungen mit einem Unterrichtsprojekt

„Es geht auch nicht um Schuldzuweisung, sondern um Verantwortung für die Vergangenheit und die Zukunft.“
(Martin Stöhr)

Das Gedenken an die Reichspogromnacht vom 9. November bietet die Möglichkeit, auch Jugendliche für die Thematik dieses schrecklichen Tages zu sensibilisieren. Projekttage oder Projektwochen zu diesem Thema stehen daher in vielen Schulen auf der Tagesordnung. Junge Menschen werden angeregt und aufgefordert, durch Gespräche mit ihren Großeltern herauszufinden, was diese in der Zeit des Nationalsozialismus erlebt haben. Die zum Teil unbequemen Fragen der Jugendlichen werden jedoch nicht in allen Familien beantwortet. Dies kann, wie der folgende Beitrag zeigt, zu Ängsten, Unsicherheiten und tiefen Krisen bei den jungen Menschen führen. Daher sollten Jugendliche äußerst sensibel auf diese Thematik und das zu erwartende Schweigen vorbereitet werden. Im Folgenden werden die Erfahrungen mit einem Kurzprojekt, das im November 1997 an einer Schule durchgeführt wurde, beschrieben.

Zu viele haben geschwiegen ...

Als Vorbereitung wurden elementare Grundkenntnisse über das Judentum, die Geschichte der Juden sowie gemeinsame Wurzeln jüdischen und christlichen Glaubens erarbeitet. Textgrundlage der Abschlußstunde waren folgende Auszüge einer Rede von Prof. Dr. Johann Friedrich Konrad zum 50. Jahrestag der Pogromnacht. „Der Jude Jesus von Nazaret lehrte in sinngemäßer Übereinstimmung mit anderen jüdischen Meistern: Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber tötet, der muß vors Gericht. Ich aber sage euch: Schon wer mit seinem Bruder zürnt, der muß vors Gericht! Wer zu seinem Bruder sagt — ,Du Hohlkopf‘, der muß vor den Hohen Rat, und wer sagt: ,Du Idiot‘, der muß ins höllische Feuer (Mt 5,21 f.). Das bedeutet: Diffamierung ist so schlimm wie Mord, Diskriminierung ist der Anfang des Tötens. Diese Wahrheit steht uns deutlich vor Augen, wenn wir heute an die Verbrechen vor sechzig Jahren in Deutschland denken. Jahrhundertelange religiöse Diffamierung und gesellschaftliche Diskriminierung, verschärft durch einen im 19. Jahrhundert einwirkenden idiotischen Rassismus, bereiteten die Untaten an den Juden vor, die zum ersten Male in ihrer ganzen Unmenschlichkeit am 9./10. November 1938 grell aufloderten. Die Verbrennungen von Synagogen und Tora-Rollen, die Entwürdigung und Mißhandlung von Menschen, das Sich-Vergreifen an fremdem Gut, waren nicht zu übersehen.“

... und schweigen immer noch

Schnell kam es zu einem lebhaften Gespräch unter den Schülern, und es wurde festgestellt, daß zwar viele Menschen die brennenden Synagogen und die gewalttätigen Ausschreitungen gegen die Juden in der Pogromnacht 1938 gesehen haben müssen, hierüber aber, aus welchen Gründen auch immer, geschwiegen haben. Gemeinsam wurde von den Jugendlichen beschlossen, „Gedanken zur Pogromnacht“ schriftlich festzuhalten, sie in einer Kleingruppe zu überarbeiten und die Arbeitsergebnisse in einem Sammelband zu dokumentieren. Die Arbeiten zeigen zum einen, daß Jugendliche sehr wohl ein Interesse an diesem Teil deutscher Geschichte haben und auch sensibel ihre Gedanken formulieren können. Im Verlauf des Projektes wurde deutlich, daß auch heute zu diesem heiklen Thema in vielen Familien immer noch geschwiegen wird. Die Erfahrungen zeigten auch, daß dieses Schweigen für die jungen Menschen sehr belastend sein kann. So sagte ein Schüler, daß er große Probleme habe, seine Gedanken über die Pogromnacht „aufs Papier zu bringen“. Er habe sich intensiv damit auseinandergesetzt, viel gelesen und Dokumentationen im Fernsehen verfolgt. Aber je mehr er sich damit beschäftige, desto mehr beunruhigen ihn dieses Datum und die damit verbundenen Ereignisse. Schließlich erfuhr ich, daß der Großvater des Schülers bei der SS war. „Deshalb wird dieses Thema in unserer Familie auch totgeschwiegen. Mein Problem ist, daß er zur SS gehörte und diese zusammen mit der SA verantwortlich für die Verbrechen an den Juden sind. Obwohl mein Vater mir versicherte, daß mein Großvater nicht an den Verbrechen beteiligt war, wirft sich für mich die Frage auf, inwiefern er davon wußte. Mit meinem Großvater kann ich darüber nicht sprechen ...“ Wie mir der Schüler erklärte, verfolgte ihn die Unsicherheit über die Vergangenheit seines Großvaters, seit er vor einigen Jahren davon erfahren hatte. Es wurde für ihn immer dann fast unerträglich, wenn der Jahrestag sich näherte oder dieses Thema in den Medien oder der Schule behandelt wurde. Die Arbeit an dem Projekt „Reichspogromnacht“ habe ihn interessiert, aber auch sehr beunruhigt: „Ich weiß recht gut über die Pogromnacht Bescheid und, obwohl ich mir keiner Schuld bewußt sein muß, habe ich Probleme, mit diesem Thema umzugehen.“

Chance des Gespräches nutzen

Die Erfahrungen, die Jugendliche bei Gesprächen über die Zeit des Nationalsozialismus in der Familie machen, sind unterschiedlich. Besonders Männer scheinen eher Schwierigkeiten zu haben über dieses Thema zu sprechen. Eine Schülerin berichtete von ihrem Gespräch mit den Großeltern. „Meine Großmutter erzählte mir sehr viel.“ So erfuhr die Enkeltochter auch, daß die Großmutter, im Zweiten Weltkrieg vergewaltigt worden sei. Von der Großmutter wurde die Chance genutzt, das generationsübergreifende Miteinander zu vertiefen und eine leidvolle Geschichte für die nachwachsende Generation persönlich erlebbar zu machen. Der Gedankenaustausch war schmerzhaft, weil die „alten Wunden wieder aufgerissen wurden“, aber es war wohl auch hilfreich und eine Erleichterung für die Großmutter, nach vielen Jahren über diese „Schattenseite“ ihrer Lebensgeschichte reden zu können. Vielleicht wurde damit auch ein Selbstheilungsprozeß in Gang gesetzt. Zumindest fand ein befreiendes Anvertrauen statt, welches die Beziehung der beiden weiter vertiefte und eine neue, bisher nicht gekannte Nähe brachte. Beim Großvater dagegen machte die Schülerin, wie auch der bereits erwähnte Schüler, eine negative Erfahrung. Er war zu keinem Gespräch bereit, blockte ab und wollte „alles mit ins Grab nehmen“. Die Enkel können nur über die unausgesprochene Vergangenheit ihrer Großväter spekulieren. Diese beiden Großväter sind keine Einzelfälle. Das Schweigen in den Familien bewirkt eine Bruchstelle zwischen alt und jung. Das Unausgesprochene wird zumindest von der emotionalen Wirkung her an die nächste Generation weitergegeben.

Die Unterlassung der Versprachlichung eines wesentlichen Teils der eigenen Lebensgeschichte kann, wie in dem o. a. Beispiel deutlich wird, zu Unsicherheit und Angst bei der jüngeren Generation führen und sogar Neurosen und psychosomatische Störungen mitbedingen. Trotz Interesse an den persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen der Großväter, wird von vielen Jugendlichen nicht mehr nachgefragt, „... da ich mir nicht sicher bin, wie er (der Großvater) das verarbeiten würde und welche Erinnerungen ich bei ihm hervorrufen würde“. Somit schützt der Enkel den Großvater vor unangenehmen, vielleicht schmerzhaften Erinnerungen und entschuldigt dies mit der Begründung, „denn er (der Großvater) hat damals auch viel Grauen erleben müssen“. Die psychischen Auswirkungen auf den Enkel dagegen werden von dem schweigenden Großvater gar nicht oder nur unzureichend bedacht. Solange dieser „psychische Knacks“ der älteren Generation nicht geglättet ist, bleibt ein zwischenmenschlicher Riß, der auch die künftigen Lebensbereiche und die Entwicklung der jungen Menschen negativ beeinträchtigen und belasten kann.

Darüber hinaus bleibt ein entscheidendes Problempotential der deutschen Geschichte ungeklärt. Das Fehlen dieser „Alltagsgeschichten“ über die Pogromnacht und die Zeit des Nationalsozialismus ist ein großer Verlust für die Geschichtsaufarbeitung. Jedes noch so kleine „Körnchen“, jedes vermeintlich unspektakuläre Erlebnis muß zusammengetragen werden, damit aus vielen Einzelteilen das Mosaik „Geschichte des Nationalsozialismus“ gefertigt werden kann. Hierzu müssen auch unbequeme, kritische Fragen der nachfolgenden Generation erlaubt sein.

Jugend vor rechtsextremen Strömungen schützen

Die Auswirkungen des Nationalsozialismus stecken auch in der Gegenwart, häufig getarnt und für junge Menschen nicht immer leicht zu erkennen. Nicht nur eine umfassende Schul- und Bildungspolitik kann den Jugendlichen helfen, „platte Ideologien“ und geistlose Parolen zu entlarven, sie zu benennen und Gegenstrategien aufzubauen. Neben der historischen und politischen Bildung müssen die individuellen Erfahrungen der älteren Generation mit dem Nationalsozialismus, mit dem eigenen Leid und der jeweils persönlich erlebten Geschichte dazu beitragen, die nachfolgenden Generationen vor rechtsradikalen Gefahren zu warnen und zu schützen. Ansonsten besteht die Gefahr, daß eine zur Zeit gefährliche Mischung aus Arbeitslosigkeit, Ohnmacht, Politikverdrossenheit, Orientierungslosigkeit und Zukunftsangst die Jugendlichen in die Arme rechtsextremer Strömungen treibt. Es gilt, fatale „Heilsbotschaften“ wie falsch verstandene Solidarität, schlichte und undifferenzierte Erklärungen und angebliche Lösungen bei existentiellen Lebensfragen zu demaskieren.

Die Jugendlichen haben keinen lebensgeschichtlichen Bezug zum Nationalsozialismus. Daher hat die Generation, die diese Zeit erlebt hat, die moralische Verpflichtung, ihre persönliche Geschichte, auch wenn sie noch so belastend war, zumindest ihren Kindern und Enkeln zu erzählen und auf die Gefahren des Nationalismus und deren aktuelle Auswirkungen hinzuweisen, um so präventiv einer erneuten Ansteckung entgegenzuwirken.


Dr. phil. Hans-Jürgen Zacher, Dipl. Päd. für Ev. Religionslehre, Geschichte und Sport, unterrichtet an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen und ist Lehrbeauftragter an der Universität Dortmund.


Jahrgang 6/1999 Seite 120



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