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Clemens Thoma

Unklare Sicht im Jahr 1933

Ein Brief von Carl Jacob Burckhardt

Wer aus dem 20. Jahrhundert mit seinem grausamen Tiefpunkt, der Schoa, Lehren für Gegenwart und Zukunft ziehen will, muß sich mit den Büchern dieses Jahrhunderts befassen. Der Freiburger Rundbrief versucht dies aus jüdisch-christlichem Engagement heraus seit seiner Gründung vor 50 Jahren. Im letzten Heft warfen wir sporadisches Licht in die frühen Aufbereitungsjahre des Nazismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts.1 Diesmal bringen wir einen Brief des Historikers, Diplomaten und Verantwortlichen des Internationalen Roten Kreuzes, Carl Jacob Burckhardt (1891-1956), den er am 1. Juni 1933 von Genf aus geschrieben hat.2 Der bisher unveröffentlichte Brief eines ausnehmend intelligenten, politisch und sozial engagierten Menschen wirft Licht auf die Zeit der „Machtergreifung“. Wie haben damals geistig-führende Leute das Unheilsphänomen des Nazismus beurteilt? Was konnten sie sehen und was haben sie noch nicht oder zuwenig erkannt? Die Analyse des Briefes kann uns zu einigem Nachdenken über uns und unsere Zeit führen.

11. Wortlaut und erste Deutung des Briefes

Es handelt sich um einen Antwortbrief CJBs nach Wien an seinen etwas älteren „lieben Freund“, Baron von Andrian.3 Dieser hatte ihm kurz zuvor geschrieben und ihn darin ermahnt, energischer auf die neu entstandene Großgefahr des Nazismus aufmerksam zu werden.4 Der Brief von CJB lautet:

  

Carl Burckhardt

Carl Jacob Burckhardt.
Foto: Deutsches Rotes Kreuz, Bonn

„Ich war stets, seit unserer ersten Begegnung, überzeugt, daß wir in wesentlichen Auffassungen nicht übereinstimmen werden. Daß dies aber im Beurteilen der deutschen Ereignisse davon her rühren soll, daß Du feste ewige Begriffe besitzest und ich ein Relativist bin, das lehne ich ab. Auch ich besitze auf meine Weise diese Begriffe in einer absoluten Weise und besitze ein Maß, das mir bis in die Nuancen des Intimsten und Privatesten, bis zur Gewissenspein sehr scharfe sittliche Unterscheidungen auferlegt. Du schreibst auf derselben Seite Deines Briefes, daß Dir die sogenannte deutsche Revolution fast physischen Widerwillen einflöße und sodann erklärst Du, sie deshalb zu verurteilen, weil sie vor dem Richterstuhl Deiner ,wahren‘, ,ewigen‘ und,sittlichen‘ Begriffe nicht bestehe. Glaube mir der physische Widerwille ist hier das Entscheidende, denn dieselbe sittliche Entrüstung ohne diesen Widerwillen würdest Du nicht aufbringen, wenn Du der Taten der Inquisition gedenken würdest, neben welchen die Exzesse der begeisterten deutschen Kleinbürger ja wirklich vom sittlichen Standpunkt aus ein Kinderspiel sind. Dir ist Preußen und alles preußische im Grunde Deines Wesens verhaßt und alles römisch katholische ist Dir eine geliebte Heimat, von der, wie von allem wirklich Geliebten, kein Unrecht ausgehen kann. Was entscheidet ist die Neigung und nicht ein objektives sittliches Urteil.

Daß unablässig unendliches Unrecht in der Welt geschieht ist ebenso deutlich, wie daß man sich gegen dieses Unrecht in [im] bescheidenen Maß seiner Kräfte wenden soll. Nun unterliegt der Grad dieses Unrechtes aber dem Entscheid eines Urteils, und da ergeben sich Relativitäten. Ich weiß nicht ob Du in der Zeit Deiner amtlichen Funktionen Gelegenheit gehabt hast einzuschreiten oder zu protestieren, wie die Alliierten der Centralmächte, [als: C. T.] die Türken in den Jahren [19]17 und 18 eine Million Armenier jeden Geschlechtes und Alters umgebracht haben, ich weiß nicht wie Du Dich zu der Ausrottung und der Tortur der gesamten russischen Oberschicht (2 Millionen Tote!) gestellt hast, wie zu den Flüchtlingen die als Chauffeure oder Kellnerinnen ihr Leben zu fristen hatten. Ich bin das schlechte Gewissen — der Unterlassung diesen Leuten gegenüber nie los geworden, obwohl ich mich im engen Kreise während Jahren bemüht habe, einigen zu helfen und zwei Personen auch so lange über Wasser hielt bis sie ihren Unterhalt gefunden hatten. Ich habe es miterlebt, wie man Russen und Griechen zu Tausenden in Kleinasien sterben ließ und habe ein paar Mal mein Leben aufs Spiel gesetzt, um 5000 dieser Leute in ihre Heimat zu führen oder wenn sie diese verloren hatten, sie menschenwürdig unterzubringen. Daß ich nun nicht plötzlich wegen des Schicksals der deutschen Juden mich übermäßig aufrege, das geschieht wegen der allerdings sehr deutlichen Relativität dieses Vorgangs im Verhältnis zu den andern die ich als Zeitgenosse erlebt habe. Diese Leute, die in schönen Automobilen hier eintreffen, in den ersten Hotels absteigen und für sich und ihre armen Stammesgenossen, mit Hilfe der sich ganz in ihrer Hand befindlichen Weltpresse einen mächtigen Feldzug einleiten, sie sind sehr wohl im Stande, ihre eigenen Anwälte zu sein. Im Gespräch mit maßgebenden Deutschen habe ich nie mit meinem Urteil zurückgehalten, wonach das Vorgehen der ersten Wochen des Regimes ein Unrecht gewesen sei. Mehr zu tun hielte ich aber für unrichtig, einmal, weil mir kein revolutionärer Vorgang bekannt ist, der ohne Gewalttat verlief, sodann weil diese deutsche Revolution an allen andern Revolutionen dieses Ausmaßes gemessen, sehr wenig Gewalttaten vollbracht hat. Endlich halte ich daran fest, daß die Juden eine Schuld trifft und da sie das Volk par excellence sind, das den Begriff von Schuld und Sühne ausprägte, so verstehen ihre ehrlichen Vertreter auch sehr gut, wofür sie diesmal getroffen wurden. Ich habe sehr superiore Juden gekannt, sittlich hochstehende, reine Menschen, dies aber hindert mich nicht daran die Kultur, die beispielsweise das Berliner Judentum der letzten 30 Jahre schuf, unsittlich und verderbt = jüdische Theorien wie den Marxismus nefast über jeden Begriff zu finden; es gibt einen bestimmten Aspekt des Judentums, den ein gesundes Volk bekämpfen muß. Die westlichen Nationen siegen darüber durch ihre mächtige Assimilationskraft, die Deutschen die immer von Kraft reden müssen, sind im Unterschied zu Engländern oder Franzosen nicht sehr kräftig und sodann waren sie seit einiger Zeit mit dem fremden Element übersättigt in einem Maß wie dies außer ihnen nur noch die Polen kannten. Auch mir ist Vieles im norddeutschen Wesen und Ton zuwider, aber da dies wirklich nur eine Geschmackssache ist, will ich bei dieser Beurteilung das Gefühlsmäßige aus dem Spiel lassen und sagen: unter dem politischen Druck auf ihren Grenzen versuchen die Deutschen genau den selben nationalen Konzentrationsprozeß zu vollziehen, den die Franzosen unter ähnlichen Umständen im 17. Jahrhundert vollzogen und durch die Revokation des Ediktes von Nantes abschlossen. Die Manier gefällt auch mir in keiner Weise und es ist von großer Wahrscheinlichkeit, daß der deutsche Versuch wegen dieser Manier auf die Dauer versagen wird.

Im Übrigen wie gesagt, in unserer Beziehung, die Du als Älterer eingeleitet und geformt hast, werden sich stets große Divergenzen ergeben, wir müssen uns darüber klar sein und uns davon nicht überraschen lassen. Als reifer Mensch liebt man Diskussionen im allgemeinen nicht mehr sehr und hält sie nicht für ersprießlich. Grundpositionen kann man nicht aufgeben. Wie verschieden die unsere ist, wurde mir sofort, wie ich Dich kennenlernte deutlich, durch das diametral entgegengesetzte unseres literarischen Geschmacks und Urteils. Aber auch in höheren Fragen werden wir uns nicht finden. Wenn ich sage, es gebe wenig Christen in der heutigen Welt, so kann ich aus meiner Erinnerung bestätigen, daß ich einige Male wirklichen Christen begegnet bin, und daß ich den größten Eindruck von ihnen empfing. Es waren Leute die wirklich durch die Kraft der Liebe und des Glaubens die Welt überwunden hatten, sie waren vollkommen frei von allem materiellen, sie waren furchtlos und kannten keine irdische Angst mehr.

Nachdem ich nun mit dem Freimut den die Freundschaft einräumen soll und mit Vertrauen all dies ausgesprochen habe, möchte ich Dir aufs herzlichste für Deinen Besuch und Deine wohlwollende Gesinnung danken. Ich weiß nicht, ob meine laufenden Arbeiten es mir erlauben werden, noch dieses Jahr nach Wien zu kommen, ich spüre, daß gerade über den Weg der Schwierigkeiten, unter gegenseitiger Achtung und Duldung des Andersseins, unsere Beziehung sehr reife und schöne Gestalt gewinnen könnte.

Die Tagebücher Deines Onkels wären natürlich von größtem Wert für mich, ich weiß nicht ob es möglich wäre, sie sukzessiv nach Genf zu schicken.“

2. „Der Engel der Geschichte“

Der Burckhardt-Brief weist deutlich auf die Denkweise vieler Intellektueller und Verantwortungsträger zur Zeit des Umbruchs und des beginnenden Siegeszuges des Nationalsozialismus in Deutschland hin. Vor der Beurteilung dieses Briefes sollen hier einige geschichtsphilosophische Überlegungen zum Tragen kommen. Es gibt wohl keinen hellsichtigeren Bedenker der damaligen Zeit als der von den Nazis schließlich in den Tod getriebene jüdische Literatur- und Zeitdeuter Walter Benjamin (1892-1940). In den dreißiger Jahren hat er sich vom Bild „Angelus Novus“ von Paul Klee (1879-1940) zu einer grandiosen Zeit- und Geschichtsdeutung inspirieren lassen. Der Engel sieht aus, als würde er sich von etwas entfernen, worauf er mit Mund und Augen starrt. Benjamin meint dazu:

„Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.“5 Kurz vor ihm hatte bereits der jüdische Denker Hermann Bahr (1863-1934) geschrieben: „Mein Zukunft mit Ungeduld verlangender Blick kehrt seit je doch am liebsten bei längst entschwundenen Vergangenheiten ein, da hole ich mir die Zukunft. Das Zeichen, worin ich geboren, ist der Sagittarius, der in alten Zeiten gern als Kentaur abgebildet wurde, vorwärts schnaubend, doch mit zurückgewendetem Haupte.“6

Paul Klee „Angelus Novus“
Paul Klee „Angelus Novus“

Walter Benjamin und Hermann Bahr waren von der Einsicht geprägt, daß man die Gegenwart nicht ohne stete Rückschau in die Vergangenheit verstehen kann und daß man nur dann einen richtigen Weg in die Zukunft findet, wenn man beim Vorwärts-Stürmen Vorausgegangenes bedenkt. Bei der Rückschau entdeckt man Verborgenes und Zertrümmertes. Falsche machtpolitische Entscheidungen und ideologische Verklemmtheiten standen am Anfang der jetzigen Misere. Einige Rosen zwischen den Trümmern können den Chaos-Eindruck aus der Vergangenheit nicht aufheben. Das falsch Gemachte und falsch Entschiedene bleibt als Belastung und Abschreckung bestehen.

Der geschulte Historiker CJB hätte aber damals — so würden wir heute meinen — einige Trümmer aus der Vergangenheit, auf denen der perfide Hitler sein „Drittes Reich“ baute, erkennen können und sich Gedanken über erneut drohende Zertrümmerungen machen müssen. Er hätte etwa den „Kriegsschuld-Artikel 231“ des Versailler Vertrages von 1919 historisch und zeitgenössisch sichten können. Außerdem hätte ihn der seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in deutschen Landen grassierende Rassenantisemitismus für das neue und gefährliche Machtpotential der Nazis sensibilisieren müssen. Weil er aber bei der Abfassung seines Briefes im Jahr 1933 zuwenig geschichtsorientiert war und auch zuwenig den Haß-Lärm der Gegenwart analysiert hatte, konnte er zu Beginn der Hitlerdiktatur vom „Exzeß der begeisterten deutschen Kleinbürger“ reden, der gegenüber der mittelalterlichen Inquisition „ein Kinderspiel“ sei.

3. Mitgeschleppte Feindschaftsideologien

Niemand bekommt Vergangenheit und Gegenwart ganz in den Griff — von der Zukunft gar nicht zu reden! Niemand kann das komplizierte Geschehen in der Welt voll im Bewußtsein erhalten. Vieles wird übersehen, vieles falsch umschrieben und falsch aktualisiert. CJB hatte ein starkes sittlich-moralisches Bewußtsein. Von seinem Büro an der Schweizerischen Botschaft in Wien hatte er die letzten Jahre des Ersten Weltkrieges gut beobachten können. Er wußte um den millionenfachen Mord an Armeniern und Russen. Er hatte versucht, sich für bedrohte Flüchtlinge in Kleinasien und im Balkan einzusetzen. Er fühlte und agierte als politisch und humanitär Verantwortlicher. Daneben aber gab es auch eine versteckte, ihm wohl nicht ganz bewußte Abschiebe-Mentalität in seinem Innern. Rhetorisch fragte er, was denn das Geschrei bezüglich des an Leib und Leben von Hitler bedrohten jüdischen Volkes bezwecke. Die deutschen Juden seien reich genug und hätten auch eine mächtige Presse für ihre Selbstverteidigung zur Verfügung. Er brauche sich somit nicht voll für die deutschen Juden zu engagieren. Es genüge, wenn er den maßgebenden deutschen Politikern darlege, daß „das Vorgehen der ersten Wochen des Regimes ein Unrecht gewesen sei“. Nach diesen etwas leichtfertig wirkenden Aussagen folgen dann im CJB-Brief massivere judenfeindliche Attacken aus einem Gemisch von religiösen und biologischen Feindschaftsklischees: Das jüdische Volk bezeuge als Volk der Offenbarung „Schuld und Sühne“. Es müsse also wissen, „wofür sie diesmal getroffen wurden“. Das Berliner Judenturn zum Beispiel habe eine unsittliche und verderbte Kultur gefördert, und man müsse aus ethischen Gründen gegen seine verderblichen Tendenzen eingestellt sein. „Ein gesundes Volk“ müsse gegen öffentlich-sittliche Dekadenzerscheinungen kämpfen. Eine antisemitische Schlagseite der Deutschen sei also zu begreifen und in etwa auch zu rechtfertigen. Außerdem seien Tendenzen eines jüdischen Internationalismus vorhanden, die dem verderblichen Marxismus Tür und Tor öffnen könnten.

CJB zeigt sich in diesem Brief als nicht nur diesseitig-politisch denkender Mensch: Er weiß auch um die innere Kraft der christlichen Religion. Er trägt nicht nur die Idealität des protestantischen Christentums in sich, sondern auch seine judenfeindlichen Schatten. Auch ein Anflug von rassistischem Denken hat sich bei ihm eingeschlichen. CJB und viele andere intelligente Menschen haben damals aus ideologischem Klischee-Denken und aus mangelnder Beobachtungsmöglichkeit heraus das Einstehen für Recht und Würde des jüdischen Volkes als nicht notwendige Aufgabe empfunden.

4. Reflexionen auf Umwegen

Carl Jakob Burckhardt hat ein energisches und umstrittenes Leben geführt. Hier ist nicht der Ort, um alles nachzuzeichnen und zu beurteilen: seine Gespräche mit Hitler im Jahr 1938, seine Tätigkeit als Verantwortlicher des Roten Kreuzes, sein Verhalten während des Krieges in Ungarn und Deutschland und seine Kontaktnahmen mit dem jüdischen Repräsentanten Gerhart Riegner im Jahr 1942. Es geht hier nur darum, einen kurzen Blick auf das Jahr 1933 zu werfen.

Wie aber hat CJB selber später seine früheren Haltungen und Urteile gewertet? Auch darüber ist schon viel geschrieben worden. Hier wird ein indirektes Zeugnis aus der Zeit nach dem Weltkrieg gebracht. Am 16. Juli 1956 hielt CJB die Grabrede für seinen Freund Felix Somary (geb. 1881). In einem gewissen Gegensatz zu CJB hatte Somary die Gefährlichkeit des Nazismus von Anfang an ziemlich genau eingeschätzt.7 Burckhardts Grabrede hört sich wie eine Selbstbesinnung auf sein eigenes, bezüglich des Nazismus wenig erleuchtetes Leben an. Er rühmt an Somary das, was er als Lebens- und Wirkmotto selbst gerne vollbracht hätte.8 Unter anderem sagte er am Grab seines hellsichtigen Freundes:

„Die ursächliche Bedingung der geschichtlichen Begebenheiten in Vergangenheit und Zukunft war sein lebenslanges Anliegen. Er schaute den realen Gefahren ins Auge, er kannte und schilderte sie ... Er hat aber im Bestreben nie nachgelassen, Wege zu finden, Auswege, um zu retten, zu vermeiden, mit einer ganz seltenen Unverdrossenheit, sich die Lust an der Erkenntnis zu bewahren.“

Somary habe „an die Kräfte der Hilfe“ geglaubt.

„Sein in vielen Sprachen übersetztes Buch ,Bankpolitik‘, das 1915 erschien, ist berühmt geworden wie seine ,Untersuchungen über die Wandlungen der Weltwirtschaft‘, die 1924 herauskamen und auf welche die Studie über die ,Krisenwende‘ im Jahre 1932 folgte. In England wird man heute noch bisweilen an die Mitteilungen erinnert, die Somary im Sommer 1931 im ,Royal Institute of International Affairs‘ über die politischen Konsequenzen hielt. Damals ... malte er Hitlers Machtergreifung, den Zweiten Weltkrieg und die Allianz des künftigen deutschen Diktators mit Japan an die Wand.“

Wir werden am Ende des 20. Jahrhunderts von allen Seiten her aufgerufen, zurück in die Vergangenheit zu schauen. Ohne Reflexionen über das falsch Geredete, Geschriebene und Gemachte steht kein würdiger Schritt ins neue Jahrtausend bevor. Selbstwahrnehmung und Wahrnehmungen angerichteter Schäden und Verbrechen sind Warnschilder für die Zukunft. Carl Jakob Burckhardt hat sich mit vielen andern im Jahr 1933 bezüglich der Gefährlichkeit des Naziregimes getäuscht. Er hat später — vielleicht zu spät — manche Korrekturen an seinem Welt- und Geschichtsbild anbringen müssen. Auch viele andere Christen und Nichtchristen ließen sich ähnlich täuschen und rutschten so in die Fänge der Mörder. Es bringt nichts ein, wenn Nachgeborene über CJB wegen seiner unklaren Sicht am Anfang der Diktatur herfallen. Sinnvoll und notwendig aber sind historische Untersuchungen über die damalige Schreckenszeit und über damals wie heute ähnlich gefährliche feindschaftliche Tendenzen gegenüber verschiedenen Menschengruppen. Noch dringender ist die Selbsterkenntnis der Intellektuellen unserer Zeit, daß Intelligenz nicht automatisch ein Erkennen menschenbedrohender Gefahren bewirkt.

  1. Mit dem Artikel „Der Jude Jesus im Deutschen Reichstag 1904. Konfrontation und deutsch-jüdischer Dialog“ FrRu 5(1998)241-245; vgl. auch die Arbeit von Eva Auf der Maur über Primo Levi in derselben FrRu-Nummer, 246-251.
  2. Ich danke der Tochter von Carl Jacob Burckhardt (im folgenden: CJB), Frau Sabine de Muralt, sehr herzlich, daß sie mir diesen Brief ihres Vaters zur Verfügung gestellt hat. Meinem Freund Dr. Otto Kopp danke ich für Hinweise auf die komplexe Situation in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Laut einer Notiz in der Jerusalem Post vom 9. Dezember 1998 drückte Dr. Cornelio Sommaruga, Präsident des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, in Zürich sein großes Bedauern aus „über die Fehler und Unterlassungen des Roten Kreuzes in einer Zeit des Versagens einer ganzen Zivilisation“.
  3. Leopold Freiherr von Andrian-Werburg (1875-1951), österreichischer Dichter und Gefährte von Stefan George (1868-1933) und Hugo von Hoffmannsthal (1874-1929), teilweise im diplomatischen Dienst und Leiter des Wiener Hoftheaters.
  4. Im Folgenden wird der ganze Brief von CJB wiedergegeben mit Ausnahme der kurzen, keine Neuigkeiten oder Besonderheiten enthaltenden Eingangs- und Abschlußformeln.
  5. Vgl. Stéphane Moses, Der Engel der Geschichte, Frankfurt 1992, bes. 150-152.
  6. Hermann Bahr, Selbstbildnis, 1923, S. 2.
  7. Vgl. Somary, Erinnerungen eines politischen Meteorologen, München 1994, und die Rezension von O. Kopp in FrRu 3(1996)215-216.
  8. Die Grabrede liegt in Maschinenschrift vor. Otto Kopp hat sie mir zur Verfügung gestellt.

Jahrgang 6/1999 Seite 81



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