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Gertrud Luckner
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Notizen Jahrgang 6/1999 Heft 1

Die Evangelische Marienschwesternschaft regt an, in Bußgottesdiensten der großen Pestverfolgungen vor 650 Jahren zu gedenken. „Als Christen von heute sind wir mit verantwortlich für die Verfolgung der Juden durch alle Jahrhunderte.“ In den Jahren 1348-1350 wurden in vielen Städten Belgiens, Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und Spaniens Juden und Jüdinnen grausamst verfolgt und ermordet. Der vorgeschobene Grund war vor allem die Pest, die in diesen Jahren wütete und ganze Bevölkerungsteile wegraffte und für die die jüdische Bevölkerung verantwortlich gemacht wurde. Die Initiative, an den entsprechenden „Schoa“-Gedenktagen Bußgottesdienste zu halten, zeugt von hoher, die Zeiten überschreitender, christlicher Verantwortlichkeit. Anregungen für die Gestaltung eines Bußgottesdienstes sind erhältlich im Verlag Evangelische Marienschwesternschaft, D-64241 Darmstadt, Postfach 13 01 29.

Die Buber-Rosenzweig-Medaille 1998 des Deutschen KoordinierungsRates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit war an Lea Rabin für ihren Einsatz für den Frieden verliehen worden. 1999 ergeht die Ehrung an Erzbischof Henryk Muszyński, Erzbischof von Gnesen, Polen. Der Erzbischof tritt seit Jahren für die christlich-jüdische und polnisch-jüdische Verständigung ein. Muszyński initiierte auch judaistische Studien im katholisch-theologischen Ausbildungprogramm in Polen. Von 1986 bis 1994 war er der Vorsitzende der Kommission für den Dialog mit dem Judentum der Polnischen Bischofskonferenz.

Das Jahresthema des Deutschen KoordinierungsRates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit für 1999 lautet: „Bedenken, was trägt!“ und ist formuliert nach Dtn 32,7a: „Denk an die Tage der Vergangenheit, lerne aus den Jahren der Geschichte“. Das Thema wendet sich gegen fundamentalistische Scheinsicherheiten und gegen die Hinnahme von Entwicklungen und Trends, gegen die „man“ machtlos zu sein scheint.

Für eine Verlegung des Kreuzes auf dem Gelände des früheren Karmel-Klosters beim Konzentrationslager Auschwitz hat sich das Internationale Katholisch-Jüdische Verbindungskomitee nach einer Sitzung im Vatikan (23. bis 26. März 1998) ausgesprochen. In einer gemeinsamen Erklärung heißt es: „Wir möchten unsere tiefe Sorge zum Ausdruck bringen und appellieren an alle Betroffenen, geduldig gemeinsam daran zu arbeiten, eine annehmbare Lösung für die Verlegung des Kreuzes an eine angemessene andere Stelle zu finden.“

In Meran, Südtirol, wurde am 14. Juni 1998 ein jüdisches Museum eröffnet. Es zeigt unter anderem Dokumente, welche von den italienischen Faschisten nach Einführung der Rassengesetze jedem Juden ausgestellt wurden. Bischof Wilhelm Egger hat die Religionslehrer seines Bistums aufgerufen, den Besuch des Museums als feste Größe in den Lehrplan aufzunehmen mit der Begründung: „Israel repräsentiert die Wurzeln der Kirche; nur die Besinnung auf das jüdische Erbe hilft dem Christen, seine Identität nicht zu verlieren.“

Gleichzeitig mit der Wiedereröffnung der vor zwei Jahren niedergebrannten Synagoge ist am 1. September 1998 im Moskauer Poklonnaya Park ein Holocaust-Museum eröffnet worden, das einzige seiner Art in Rußland. Prominentester Gast war Präsident Boris Jelzin. Damit hat zum ersten Mal in der siebenhundertjährigen Geschichte des Landes ein Staatsoberhaupt an der Eröffnung eines jüdischen Gotteshauses teilgenommen und die Bedeutung der Juden in der russischen Geschichte anerkannt.

Das erste deutsche „Museum zur Geschichte von Christen und Juden“ ist am 10. September 1998 im oberschwäbischen Schloß Großlaupheim eröffnet worden. Die Exponate dokumentieren die Geschichte der größten jüdischen Gemeinde im Königreich Württemberg ab dem frühen achtzehnten Jahrhundert. Text- und Bildtafeln, Glasfenster, eine Klanginstallation und ein Kinoraum, der an den Laupheimer Juden Carl Laemmle erinnert (Gründer der Universal-Studios in Hollywood), prägen die einzelnen Abschnitte. Weitere Räume informieren über berühmte jüdische Persönlichkeiten wie den Jugendstilkünstler Friedrich Adler und den Bankier Kilian Steiner.

Am 25. Oktober 1998 feierte Nes Ammim (Zeichen der Völker) — eine ökumenische Gemeinschaftssiedlung im Norden Israels — sein 35-jähriges Bestehen. 1964 von Christen, die die Schrecken des Nationalsozialismus miterlebt hatten, gegründet, will Nes Ammim ein Beispiel gelebter Solidarität zwischen Juden und Arabern sein. Ein besonderes Angebot ist das Werk- und Studienjahr, an dem jährlich ca. dreißig junge Leute aus verschiedenen Ländern teilnehmen. Die Regeln des Zusammenlebens orientieren sich, laut Eigenbericht, an den Ideen und Erfahrungen der Kibbuzbewegung. Ein weiterer Schwerpunkt Nes Ammims liegt in der Organisation eines vielseitigen Studienprogramms, das auch einzelnen Gästen und Besuchergruppen offensteht. Es bietet unter anderem Informationen über Judentum, christlich-jüdische Beziehungen, christliches Selbstverständnis im Dialog, über Zionismus und Holocaust, über den Staat Israel, den jüdisch-palästinensisch/arabischen Konflikt und den Friedensprozeß.

Kalonymos — eine neue Zeitschrift des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg, ist erstmals im Sommer 1998 erschienen. Der Name spielt auf die Kalonymiden an, eine bedeutende jüdische Familie, die im 9./10. Jahrhundert an den Rhein gelangte. Der Titel will anzeigen, daß die jüdische Geschichte in Deutschland bis weit ins Mittelalter zurückgeht und ihre historische Erforschung — trotz des beherrschenden Interesses an der jüngeren Geschichte und der Schoa — den gesamten Zeitraum jüdischen Lebens im deutschen Sprach- und Kulturraum erfassen und würdigen sollte. Die Zeitschrift erscheint vierteljährlich und enthält „Beiträge zur deutsch-jüdischen Geschichte“, Berichte über Forschungsarbeiten des Instituts und aktuelle Themen sowie Hinweise auf wichtige Bücher. Der Leiter des Instituts ist Prof. Dr. Michael Brocke (vgl. FrRu 5[1998]H.3,178-186). Interessenten können Kalonymos direkt über das Institut kostenlos beziehen (Salomon Ludwig Steinheim-Institut, Geibelstraße 41, 47057 Duisburg, Tel.: 0203/370071, Fax: 0203/373380).

Der Aufarbeitung von Werk und Nachlaß der Philosophin und Politologin Hannah Arendt ist an der Universität Oldenburg eine neueingerichtete Professur gewidmet. Auf die von der Stiftung Niedersachsen geförderte Stelle wurde die Politikwissenschaftlerin Antonia Grunenberg berufen. Das geplante Hannah-Arendt-Archiv soll zu einem Zentrum der Arendt-Forschung werden.

„Orte jüdischer Kultur“ werden in einer neuen Serie vom Verlag Medien und Dialog (Klaus Schubert, Weildorfer Kreuz 22, D-72401 Haigerloch) vorgestellt. Die kleinen Broschüren geben dem Besucher praktische Hinweise und Anregungen auf dem Weg zu den Spuren jüdischer Geschichte. Zur Zeit liegen drei Hefte vor: Jüdisches Haigerloch, Jüdisches Rottweil und Jüdisches Forchheim/Obfr.

Ein Mahnmal für Deportierte wurde am 16. August 1998 am Vorplatz des Hauptbahnhofs von Bielefeld eingeweiht. Auf zwei gegenüberstehenden steinernen Lesepulten sind die Namen von 1842 Deportierten eingraviert, von Brigitte Decker u. a. in akribischer Kleinarbeit recherchiert. Initiator des Mahnmals war die Friedensgruppe der Bielefelder Altstädter Nikolaigemeinde. Landesrabbiner Henry G. Brandt nannte das Mahnmal einen mutigen Schritt, aber erst die Zeit müsse zeigen, was es bewirkt.

Avi Primor, Botschafter des Staates Israel in Bonn, erhielt am 16. Juli 1998 in Berlin den MERITE EUROPEEN in Gold. Mit der Verleihung wurde erstmals ein israelischer Diplomat geehrt, der sich verstärkt für europaspezifische Fragen einsetzte. Die Stiftung MERITE EUROPEEN wurde 1970 von dem renommierten französischen Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler Dr. Dr. François Visine initiiert, um nach den Erfahrungen des 1. und 2. Weltkrieges an die Weitsicht kluger Männer wie Jean Monet, Robert Schumann, Josef Blech und Konrad Adenauer anzuknüpfen, die dem zerfallenen Europa wieder seine geschichtliche Dimension und Zukunftsaufgabe zurückgeben wollten.

Erstmals nach der Schoa wurde Mitte Juli 1998 in Ungarn eine neue Synagoge eingeweiht. Sie befindet sich auf dem Gelände des Lauder American Joint Jewish Summer Camp in Szarvas, einer Kleinstadt in der Nähe von Budapest, zu dem jährlich Kinder und Jugendliche aus den mittel- und osteuropäischen Ländern eingeladen werden. Die Synagoge wurde nach David Ben Rafael, dem israelischen Diplomaten, der 1992 in Buenos Aires, Argentinien, einem Bombenattentat zum Opfer fiel, benannt.

Rabbiner David Rosen (vgl. FrRu 5[1998]H.1,25-29), Professor für Jüdische Studien am „Zentrum für Nahost-Studien“ in Jerusalem und Mitglied der permanenten bilateralen Kommission zwischen dem Staat Israel und dem Vatikan, ist zum neuen Präsidenten des ICCJ (International Council of Christians and Jews) gewählt worden. Er tritt die Nachfolge von Prof. Dr. Martin Stöhr an, der in den vergangenen acht Jahren als erster Deutscher den ICCJ geleitet hat. Neuer Generalsekretär im Martin-Buber-Haus in Heppenheim und Nachfolger von Ruth Weyl ist der lutherische Pastor Friedhelm Pieper.

Professor Karl Siegfried Bader, Wissenschaftler und Jurist, ist am 13. September 1998 in Zürich im Alter von 93 Jahren gestorben. Beim Wiederaufbau nach Kriegsende arbeitete Bader u. a. auch eng mit Dr. Gertrud Luckner zusammen. 1938 führte er die Vernehmungen zur Brandstiftung an der Freiburger Synagoge und im November 1948 die Anklage im „Freiburger Euthanasieprozeß“. (Im folgenden Heft bringen wir einen entsprechenden Nachruf.)


Jahrgang 6/1999 Seite 74



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