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Berichte Heft 1 Jg 6/1999

„Judenmission“— Kirche auf dem Prüfstand

Am 17. Mai 1998 gab die Mitgliederversammlung des Deutschen Koordinierungsgates der Gesellschaften für Christlich Jüdische Zusammenarbeit folgende Erklärung zur aktuellen Problematik judenmissionarischer Aktivitäten heraus.

  1. Die jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik Deutschland sehen sich in den letzten Jahren in zunehmender Weise wieder konfrontiert mit Maßnahmen und Verlautbarungen missionarischer Bestrebung durch christliche Kreise.

  2. Seitdem aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion verstärkt Menschen jüdischer Herkunft auch bei uns in Deutschland Zuflucht suchen, gibt es von christlicher Seite aus mancherlei Versuche, sich dieser Zuwanderer anzunehmen. Zum Teil geschieht dies in uneigennütziger Hilfe, mehrfach aber werden Hilfsmaßnahmen für diese sozial schwachen, noch heimatlosen und oft orientierungslosen Menschen auch eingesetzt mit der Absicht, sie für das Christentum einzunehmen und zu bekehren. Daß die jüdische Gemeinschaft darin einen gegen sie gerichteten Angriff sieht, ist nach der langen Bedrohungs- und Leid-Geschichte in der christlichen Welt, angesichts der Erinnerung an zwangsmäßig geforderte oder gesellschaftlich aufgenötigte Bekehrungen sowie insbesondere im Blick auf die Millionen Opfer der Schoa nur zu verständlich.
    Solche Vorfälle können nicht als Bagatellen abgetan werden, auch wenn es sich nur um Randerscheinungen handelt und die betreffenden Bestrebungen meist von christlichen Randgruppen ausgehen. Die hier zum Ausdruck kommende Grundeinstellung zu Juden und Judentum ist keineswegs auf sektiererische Gruppen beschränkt. Der in den Kirchen immer wieder aufschwelende theologische Streit um die „Judenmission“ ist ein deutliches Indiz dafür.
  3. Angesichts dieser Sachlage wenden sich die auf ihrer Jahrestagung am 16. bis 17.5.1998 in Bonn versammelten Delegierten der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in der Bundesrepublik Deutschland an die christlichen Kirchen mit der dringenden Bitte, allen derartigen Bestrebungen offener oder verhüllter Missionierung von Juden und Jüdinnen entschieden entgegenzutreten, ihre Mitglieder für die Problematik zu sensibilisieren und vor allem keine Zweifel daran aufkommen zu lassen, daß sie auch nur mittelbar darin verwickelt sein könnten.

  4. Wir begrüßen alle ehrlichen Bemühungen christlicher Gemeinden und Organisationen, den jüdischen Gemeinden bei den schwierigen Aufgaben behilflich zu sein, den neuzugewanderten Juden und Jüdinnen ein menschenwürdigeres Leben zu ermöglichen und so den Aufbau jüdischen Lebens in unserem Land tatkräftig zu fördern. Wir warnen aber nachdrücklich davor, solche Hilfen auch nur ansatzweise mit wohlgemeinten Anwerbungen zu verbinden. Dies würde den mühsam angebahnten, inzwischen auf guten Weg gebrachten Prozeß der Verständigung zwischen Christen und Juden in unserem Land erheblich beeinträchtigen.
  5. Wir fordern die christlichen Kirchen aller Konfessionen auf, sich darüber hinaus auch deutlich zur Frage der „Judenmission“ zu äußern.

  6. Wir übersehen nicht, daß bereits wichtige Schritte in dieser Hinsicht getan worden sind. Selbst Kreise, die von ihrer Tradition her judenmissionarisch ausgerichtet waren, haben sich nicht nur dem Namen nach, sondern auch in der Sache davon verabschiedet. Wir müssen aber feststellen, daß sich dagegen in den christlichen Kirchen nach wie vor verhüllt oder offen zum Teil erhebliche Widerstände breit machen und Mission unter Juden als ein wesentliches Element christlichen Glaubens ausgegeben wird. Wir sind uns bewußt, daß hier ein innerchristlicher, theologisch schwerwiegender Konflikt vorliegt. Ihn nicht zu verschleiern, sondern sich ihm zu stellen, ist dringend geboten. An dieser Stelle stehen die Bemühungen der christlichen Kirchen, angesichts der Schoa ein neues Verhältnis zum Judentum zu gewinnen, auf dem Prüfstand. Hier entscheidet sich, ob die in den letzten Jahrzehnten herausgegebenen theologischen Erklärungen Gewicht haben, die Aussagen über die eigene geschichtliche Verantwortung und Schuld an der Schoa, die bleibende Erwählung Israels als Zeichen der Treue Gottes, die unlösbare Verbindung des christlichen Glaubens mit dem Judentum und die gemeinsame Weltverantwortung von Christen und Juden Geltung haben und ob die Bekenntnisse zum Dialog mit dem Judentum wirklich eine gleichberechtigte Partnerschaft meinen. Wir bitten die Kirchen dringend darum, eine klare, eindeutige und von Autorität gestützte Absage gegenüber jeder Form von christlicher Frömmigkeit und Theologie zu erteilen, in der das Judentum als „defizitäre Religion“ behandelt und entsprechend „Judenmission“ gefordert wird. Damit soll nicht religiöser Unbestimmtheit oder gar Profillosigkeit das Wort geredet werden. Christen wie Juden haben in der Begegnung die Möglichkeit, einander Rede und Antwort zu stehen über Art und Grund ihres Glaubens. Aber dies kann nur in gegenseitiger Achtung ohne jeden Bekehrungswunsch geschehen.

50 Jahre christlich jüdische Zusammenarbeit in Deutschland

Als die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg Fotos aus deutschen Konzentrationslagern veröffentlichten und die Vernichtung der Juden in ihrem ganzen Ausmaß ans Licht kam, schien ein Dialog zwischen Juden und Christen für immer undenkbar. Zur gleichen Zeit versuchte die junge Bundesrepublik erste Gehversuche, und frei gewählte Parlamentarier berieten das Grundgesetz. Die amerikanische Besatzungsmacht erkannte, daß das Ansehen Deutschlands als neuentstehende Demokratie im Ausland auch wesentlich davon abhing, wie sich das Verhältnis zwischen Christen und Juden gestaltete. So war es ein Bestandteil der Umerziehungspolitik, als in München, der ehemaligen „Hauptstadt“ der Nazibewegung, im Juli 1948 die erste Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gegründet wurde.

Die Idee von einer Verständigung zwischen Vertretern der jüdischen und christlichen Religion war nicht neu. In den USA entstand bereits 1928 eine Zusammenarbeit von Katholiken, Protestanten und Juden, die in die „National Conference of Christians and Jews“ mündete. Bald gab es auch einen „International Council of Christians and Jews“. Dessen Vorsitzendem Everett R. Clinchy gelang es, gemeinsam mit Sterling W. Browns von der amerikanischen Militärregierung, im Oktober 1947 beim Münchner Oberbürgermeister Karl Scharnagl die Gründung von Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit anzuregen. Sie hatten Erfolg. Der Gesellschaft in München folgten bis heute weitere 78, davon vier in den neuen Bundesländern. Der amerikanische Hochkommissar John McCloy betrachtete die Einrichtung solcher Organisationen in der Nachkriegszeit als „Prüfstein“ für den Gesinnungswandel der Deutschen und ihren demokratischen Aufbauwillen.

Nach amerikanischem Muster sollten Persönlichkeiten von Rang für die Mitarbeit in den Gesellschaften gewonnen werden. Als Zweck ihres Bestehens nannte die erste Gesellschaft in München in ihrer Satzung die Beseitigung von Vorurteilen zwischen Menschen verschiedener rassischer, nationaler, religiöser und sozialer Herkunft. Im Vordergrund sollte eine „religiös-moralisch begründete Erziehung zu mehr Toleranz, Humanität und Nächstenliebe“ stehen, wie aus einer Festschrift zum 50. Jahrestag hervorgeht. Jüdisches Leben müsse wieder frei und ungehindert ausgeübt werden können. Daß diese Ziele nicht einfach zu erreichen waren, wurde den Mitgliedern rasch klar. Die deutsche Bevölkerung hatte Überlebenssorgen und bei der Frage nach der Verantwortung für das, was im „Dritten Reich“ an Unrecht geschah, taten sich viele schwer. Der heutige katholische Vorsitzende der Münchner Gesellschaft, Dekan Rupert Frania, räumt ein, daß eine Mitgliedschaft in der Gesellschaft wenigen einzelnen damals auch als „Persilschein gedient haben mag“, um im Nachkriegsdeutschland wieder Fuß zu fassen. Dennoch verbuchte die Gesellschaft bald Erfolge. Themen zum christlich-jüdischen Verständnis hielten in verschiedenen Fächern an Schulen schon in den 50er Jahren Einzug. Durch Vorträge der Gesellschaft erwachte das Interesse der Bürger an der jüdischen Religion und an den gemeinsamen Wurzeln.

Normalität im Verhältnis zwischen Christen und Juden weiter zu fördern, sei eine der wesentlichen Aufgaben für die nächsten Jahre, betont Abi Pitum, Mitglied im Vorstand des bundesweiten KoordinierungsRates. Ziel sei, daß Juden angstfrei leben könnten. Schon jetzt ist das jüdische Leben in Deutschland nach seinen Worten von einem Umbruch gekennzeichnet. Während früher ein in der Bundesrepublik lebender Jude „sich rechtfertigen mußte und viele auf gepackten Koffern saßen“, entfalte sich heute das Leben in den jüdischen Gemeinden rege. (L‘Osservatore Romano, 24.7.98.)

Priska Sauer-Longinotti


Seltsamerweise verschweigt dieser Bericht des „ Osservatore“ die von der amerikanischen Initiative unabhängigen und eigenständigen Bemühungen „Zur Förderung der Freundschaft zwischen dem alten und dem neuen Gottesvolk — im Geiste der beiden Testamente“ in Deutschland. Sie wurden besonders von Dr. Gertrud Luckner und Prof Dr. Karl Thieme in Freiburg initiiert (vgl. FrRu I, August 1948). Diese deutschen Initiativen haben weit mehr zum versöhnenden Gespräch und zur Hilfe an Schoa- Opfern sowie um jüdische Vermißte und Verarmte beigetragen als die amerikanisch-politischen Bemühungen. Anm. d. Red.


Person Jesu Ursache des christlichen Antijudaismus?

Bei einem Podiumsgespräch mit christlichen und jüdischen Theologen an der Universität Bern (April 1998) plädierte der Berner Theologieprofessor Ulrich Luz für eine Christologie, die für die Zukunft offen sei und eine Hoffnungsperspektive enthalte. Die Veranstaltung war Auftakt einer Ringvorlesung der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Bern zum Thema „Judentum — Christentum“. Weitere Teilnehmer waren von jüdischer Seite Michel Bollag und Lutz Zwillenberg, von christlicher Seite neben Wolfgang Lienemann der Berner Neutestamentler Ulrich Luz. Der dem Reformjudentum angehörende Naturwissenschafter Lutz Zwillenberg erklärte, daß es für das Judentum einen menschlichen Messias gar nicht geben könne. Der Zürcher Rabbiner Michel Bollag verwies darauf, daß der Messias nach jüdischen Vorstellungen die Welt zum Guten hin verwandeln und die Menschen vom Leiden erlösen werde — nicht aber von der Sünde, wie in der christlichen Vorstellung. Lienemann betonte, daß nicht die Frage nach dem Messias an sich Christen und Juden trenne, sondern der Glaube, daß gerade Jesus der Messias sei. Er befürworte persönlich den Ansatz des jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig, wonach die jüdische und die christliche Religion zwei mögliche Heilswege darstellten.

Eine neue und äußerst kontroverse — und theologisch nicht weniger brisante — These stellte Ulrich Luz laut idea dem Publikum vor: Der hohe Selbstanspruch Jesu („Ich aber sage euch ...“) habe ihn zur Überzeugung geführt, daß die Wurzeln des christlichen Antijudaismus gerade im Selbstverständnis Jesu liegen könnten. Damit wäre der christliche Antijudaismus nicht einfach Resultat von Mißverständnissen christlicher Theologen, sondern hätte die Ursache in der Person Jesu selber — eine These, die nicht ohne Widerspruch blieb. In der Diskussion wurde dann hervorgehoben, daß der christliche Absolutheitsanspruch ein Hindernis für einen echten Dialog zwischen Christen und Juden darstelle. Ulrich Luz plädierte deshalb für eine Neuformulierung der traditionellen Christologie. Diese könne heute nicht mehr ein abgeschlossenes System bilden, sondern müsse eine Hoffnungsperspektive bilden und offen für die Zukunft sein. (kipa/idea/job)


Aller Opfer angemessen gedenken

Am 27. August 1998 wurde bei der Generalversammlung des ICCJ in Erlbach (Vogtland) folgende Erklärung zur Kreuz-Problematik am KZ Auschwitz formuliert:

  1. In ernsthafter Besorgnis darüber, daß Auschwitz wieder einmal der Ort politischer und religiöser Konflikte geworden ist,
  2. in Feststellung, daß mehr als eine Million Juden während der Schoa ermordet wurden — das ist eine einzigartige Tragödie —,
  3. in Erkenntnis, daß ebenso zehntausende Polen und andere Opfer in Auschwitz ermordet wurden und Auschwitz zu einem Symbol der Unterdrückung Polens durch die Nazis geworden ist,
  4. in Erkenntnis des ihm innewohnenden Problems und der religiösen Sensibilitäten aller Betroffenen,
  5. weiterhin in Besorgnis über den möglichen Effekt und die Konsequenzen auf die christlich-jüdischen Beziehungen weltweit, die sich in den letzten Jahren durch ständige Bemühungen verbessert haben,
    • begrüßen wir das Statement der polnischen Bischöfe vom 26.8.98, nach welchem die Kreuze, die dort neuerdings „ohne Genehmigung“ aufgestellt wurden „und eine Provokation darstellen“, entfernt werden sollen;
    • mit Achtung des großen Kreuzes, das 1989 aufgestellt wurde, erinnern wir daran, daß davon auszugehen war, daß das Kreuz an einer anderen Stelle wieder aufgestellt werden würde, sobald der Konvent auf ein benachbartes Gelände umgezogen sei;
    • geben wir zu überlegen, daß aller Opfer — einschließlich der polnischen Christen — in angemessener Form gedacht und sie durch ein Denkmal auf dem Gelände entsprechend gewürdigt werden;
    • unterstreichen wir die Forderung der polnischen Bischöfe nach weiterem Dialog und weiterer Diskussion;
    • empfehlen wir der polnischen Regierung und den jüdischen Verantwortlichen weltweit, die Fortsetzung des Prozesses zu unterstützen und ihn voranzutreiben, um zu einem umfassenden Plan für das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zu kommen.

Jahrgang 6/1999 Seite 68



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