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In memoriam

Jakob Katz zum Gedenken (1904-1998)

Am 21. Mai 1998 ist in Jerusalem der emeritierte Ordinarius für jüdische Geschichte Jakob Katz nach kurzer Krankheit verstorben; er war geistig und körperlich frisch bis zuletzt.

1904 in einer ungarischen Kleinstadt geboren, studierte Katz an verschiedenen ungarischen Talmudschulen. So konnte er sich nicht nur von talmudischem und halachischem Denken durchdringen lassen, sondern auch genaues Lesen lernen und außerdem immense Quellenkenntnis erwerben. „Von Tora wohlgenährt“ (um einen Ausdruck des Maimonides aufzunehmen), zog Katz 1930 nach Frankfurt a. M., kam als Hauslehrer Isaac Breuer (einem führenden Mann der antizionistischen Orthodoxie) nahe und studierte Geschichte und Soziologie, vor allem bei Karl Mannheim. Seine Dissertation über „Die Entstehung der Judenassimilation in Deutschland und deren Ideologie“ wurde 1934, sozusagen „fünf nach zwölf“, noch angenommen. Zwei Jahre später verwirklichte Katz seine zionistischen Ideale.

Es konnte nicht ausbleiben, daß manche frühe These vom Autor selbst korrigiert werden mußte, so z. B., daß die Emanzipation der Juden eine religiös neutrale (oder wenigstens halbneutrale) Gesellschaft voraussetzte. Was er gar nicht mochte, war Apologetik; 1958 zerstörte er in zwei hebräischen Artikeln vier sehr oft zitierte „talmudische“ Sätze.

Ein weiteres Feld, auf dem Katz wesentliche neue Furchen gezogen hat, ist die Geschichte der nachtalmudischen Halacha. Es ging ihm vor allem darum, von der psychologisch-biographischen Sicht der einzelnen Halachisten wegzukommen, um zu ermitteln, wie diese Gesetzeslehrer ihre Quellen gehandhabt haben. (Siehe z. B. die Besprechung von Urbachs Standardwerk über die Tosafisten, 1956.) Daher auch Katz‘ Forderung, „die nachtalmudische Halacha als Subjekt wie Objekt der Entwicklungen, Veränderungen und Wandlungen in der Geschichte der jüdischen Gemeinschaft zu betrachten“ (so in der Einleitung zum hebräischen Sammelband „Halacha und Kabbala“, 1984). Ein packendes Beispiel dafür ist der schmale Band über den „Schabbes-Goj“ (m. W. auch auf Englisch erschienen). Grundlegend bleiben immer noch „Tradition and Crisis“ (hebr. 1959, engl. 1993) und „Exclusiveness and Tolerance“ (1961). Daß sich die Halacha der gelebten Wirklichkeit ohne weiteres anpasse, ist eine These, die von Katz überzeugend widerlegt wird. Speziell mit Ungarn und Deutschland befaßt sich „Der Riß, der nicht geflickt worden ist“ (hebr. 1995), wohl Katz‘ letztes großes Werk; es gilt der Entstehung der „Austrittsorthodoxie“. (Der Titel spielt auf einen jüdischen Brauch beim Hinschied der Eltern an.)

Die Gelehrtenrepublik hat nicht nur ein international geachtetes Mitglied verloren, sondern auch einen charmanten Menschen, dessen Gedächtnis — es gereiche zum Segen — stets liebenswert bleiben wird.

Simon Lauer


Jahrgang 6/1999 Seite 66



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