Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1999 > 663  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Zagarni, Aldo

Für Violine solo

Meine Kindheit im Diesseits 1938-1945. Aus dem Italienischen von Ruth Mader. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1998. 318 Seiten.

Es brauchte mehr als 50 Jahre, um Kindheitserinnerungen aus der Zeit der Schreckensherrschaft der Nazis und Faschisten zuzulassen, ohne von ihnen erdrückt zu werden. Aldo Zagarni schreibt sie für seinen Enkel auf, so wie man eben erzählt, sprunghaft, hier eine Begebenheit, da eine andere, manchmal lustig, manchmal traurig und schrecklich. Oft sind die Erzählungen etwas verwirrend, aber immer lebendig und spontan. Das Buch ist poetisch, geht leichtfüßig über die erlebten Schrecken, Ängste und Gemeinheiten hinweg, ohne sie je zu banalisieren, eine Haltung, die nur der einnehmen kann, dem Deportation und Auschwitz erspart geblieben sind.

Die Familie Zagarni, der Vater Bratschist in Turin, die gescheite, lebenskluge Mutter, Aldo und der fast gleichaltrige Bruder Roberto, gehört zur jüdischen Gemeinde Turins. Als der Vater seine Stelle im Orchester verliert, versucht er in Basel unterzukommen, aber ein Deutscher wird ihm vorgezogen. Als die Familie untertauchen muß, werden Aldo und Roberto in einem Salesianer-Internat aufgenommen, wo sie sich unter weniger kultivierten Bauernkindern gut katholisch verhalten müssen. Die Geschichte mit der verräterischen Beschneidung führt zu komischen Situationen. Die Patres tun ihr mögliches, die Buben vor den Faschisten zu schützen. Als Turin bombardiert wird, flieht die Familie in eine Kleinstadt, aber ihre Papiere sind schlecht gefälscht, und die Angst, entdeckt zu werden, ist groß. Neben überzeugten Faschisten treffen sie auf mutige, hilfsbereite Menschen, die der Autor mit viel Witz in ihrer Skurrilität beschreibt. Die Familie zieht weiter in die Berge, mitten hinein in die „Resistenza“. Der Vater hilft dem Dorfpfarrer an der Orgel beim Gottesdienst und beim Chorgesang, dafür gibt es Suppe und Unterricht für die Buben. Schließlich kommen alle heil davon, aber viele ihrer Verwandten gehen in der Schoa unter. Trotz aller Ängste und Entbehrungen erleben die beiden Buben eine wirkliche Kindheit, wild und abenteuerlich mit den Bauernkindern und dem einfachen Volk. Was das Buch so eigenartig anziehend macht, ist die liebevolle Zeichnung der Akteure und die unverhohlene Liebe zum Vater. Wie viele andere wird sich Aldo Zagarni erst nach der Verfolgung seines Judentums bewußt und lebt es nun in selbstverständlichem Stolz. So kann er auch dankbar der Christen gedenken, die ihnen ohne Bekehrungsversuche geholfen haben. Denn nur im Respekt vor der Überzeugung des andern kann Vertrauen und Hoffnung entstehen.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 6/1999 Seite 61



top