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Wiesel, Elie

Alle Flüsse fließen ins Meer

Autobiographie. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1995. 604 Seiten.

Spätestens seit der Verleihung des Friedensnobelpreises (1986) ist Elie Wiesel auch im deutschen Sprachraum bekannt. 1928 wurde er in Sighet, einer kleinen Stadt in Siebenbürgen, geboren und 1944 mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert. Die Jahre unter der Naziherrschaft und die leidvollen Erfahrungen im Konzentrationslager, wo fast seine gesamte Familie ermordet wurde, prägten sein weiteres Leben. Nach zehn Jahren des Schweigens gelobt er, künftig von der Vernichtung der Juden im Dritten Reich zu erzählen, um die Toten vor dem Vergessen zu bewahren. Er tut es als Journalist, Schriftsteller und Lehrer. Seine Wege führen ihn von Paris bis Indien, von Jerusalem bis New York. Er wird zum Botschafter des Judentums und zum leidenschaftlichen Kämpfer gegen jede Art des Antisemitismus. Immer, wenn er Menschenrechtsverletzungen und Ungerechtigkeiten begegnet, macht er die Öffentlichkeit ohne Rücksicht auf seine eigene Person darauf aufmerksam. Er sieht sich als Anwalt der Opfer, er sensibilisiert die Welt für deren Anliegen. Sein bestes Werkzeug ist das geschriebene Wort. Er verfaßt über dreißig Werke: Romane, Dramen, biblische, talmudische und politische Essays. In allen Bereichen seines Lebens und Arbeitens spielt Gott eine wesentliche Rolle. Sein Glaubensleben ist ein ständiges Ringen mit Gott, der Auschwitz nicht verhindert hat, von dem er sich jedoch trotz allem und allen anderen Meinungen zum Trotz nicht lossagt, ja nicht lossagen kann.

In „Alle Flüsse fließen ins Meer“ zieht Elie Wiesel die Bilanz über sein Leben, eine Bilanz voller Geschichte und Geschichten, voller Tragik und Hoffnung, Kampf und Lebenswillen. Sie enthält seine Sicht zu politischen und historisch bedeutsamen Ereignissen in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts sowie Hinweise auf Entstehung und Bedeutung seiner Bücher und Essays. Elie Wiesel ist ein begnadeter Erzähler. Und er ist seinem Gott und seinen jüdischen Wurzeln trotz aller Auflehnung und manchmal beißenden Kritik voll und ganz ergeben. Sein „Kommentar über den Leidenden Gott“, den er in dieser Autobiographie nach der Schilderung über das Jahr in Auschwitz und der Befreiung aus Buchenwald einschiebt, ist ein beredtes und eindrucksvolles Zeugnis dafür, ein Kommentar, der in das Bekenntnis seines Lebens einmündet: „Auf der Ebene Gottes ist alles ein Geheimnis.“ Und: „In diesem Leben geht es nicht um die Antworten, sondern immer um die Fragen. Genau dort, wo es auf Fragen keine Antworten gibt, beginnt der Glaube.“

Herbert Winklehner


Jahrgang 6/1999 Seite 60



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