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LÚvinas, Emmanuel

Gott, der Tod und die Zeit

Hg. v. Peter Engelmann. Passagen Verlag, Wien 1996. 267 Seiten.

„Der Tod und die Zeit“ und „Gott und die Onto-Theo-Logie“ sind die Titel der beiden letzten öffentlichen Vorlesungen des Philosophen an der Sorbonne 1975/76. Sie sind ein seltenes Dokument zum Lehr- und Vortragsstil des Lehrers Lévinas. Diese Vorlesungsnachschriften machen noch einmal die ganz außerordentliche Intensität jener „geduldigen Denkübung: des Fragens“ (Vorwort 14) in der Reflexion deutlich. Dies schlägt sich auch darin nieder, daß die Entwicklung des Gedankens in einem ständigen kritischen Dialog mit den großen Denkern, allen voran Hegel, Kant und Heidegger, voranschreitet. Sich in diese Denkbewegung einzuschwingen, setzt eine tiefe Kenntnis der neueren Philosophiegeschichte voraus. Darüber hinaus macht schon das Vorwort darauf aufmerksam, daß der Text dieser Vorlesungen nur auf der Folie der beiden Hauptwerke ,Totalité et Infini‘ (1961) und ,Autrement qu‘être, ou au-delà de l‘essence‘ (1974) bzw. eben dieser Denkperiode des Autors begreifbar ist. Inhaltlich kreist dieses Denken immer wieder um die zentrale Intuition der Philosophie von Lévinas, die mit der Kategorie des „Anderen“ umschreibbar ist. Von daher wird sowohl die Sinnproblematik des Todes, der Angst, der Seinsfrage ingesamt sowie vor allem auch die Singularität „Gott“ durchgedacht. Auf diesem Hintergrund ist dann etwa folgender Programmsatz nachvollziehbar: „Es gibt kein Modell der Transzendenz außerhalb der Ethik“ (206). Hier, und noch deutlicher und hintergründiger beim Nachdenken über das Wort „Gott“ — „Es ist nur ein Wort, aber es bringt die Semantik außer Fassung. Die Herrlichkeit schließt sich in ein Wort ein ...“ (216) — wird der spezifische religionsphilosophische und jüdisch-biographische Hintergrundhorizont von Lévinas spürbar, wie er ja vor allem in den eindrucksvollen „Talmudlektüren“ präsent wird. Hier deutet sich innerhalb der modernen Philosophie eine wohl noch zu wenig erkannte Erblinie des Ostjudentums an. (Dazu den Beitrag von Josef Wohlmuth, Jüdische Hermeneutik, in: JbTh Bd. 12, 1997, 193-220.)

Robert Oberforcher


Jahrgang 6/1999 Seite 57



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